Ich hatte eine meiner schönsten Fernseherfahrungen vorgestern und Sie werden nicht glauben, wie das kam.
In meinem Fernseher gibt es eine offizielle Welt der Kanäle, von eins wie ARD bis dreiundvierzig wie TV Polonia und wenn ich todmüde bin, abends, zappe ich einmal vor und wieder zurück. Oft gibt's nichts, ich schalte aus und schlafe bald ein. Jedoch gibt's eine zweite Welt, ein Kanal-Hinterland, das vom Kabelanschluss über den Videorecorder-Tuner läuft und nur über die entsprechende Fernbedienung zu erreichen ist. Eine Welt hinter den Spiegeln, in der nicht vieles anders ist, aber der eine oder andere Sender findet sich nur dort. Zu ihnen gehört Euro-News und ich stolpere nur darüber und hinein, wenn ich auf der Fernbedienung des Videorecorders im für dessen Signal freigehaltenen Kanal drei spazierengehe. Da das Imaginäre so wichtig ist, mindestens, wie das Reale, gehört die bizarre Kanal-Topografie zum Fernseherlebnis dazu.
Auf Euro-News gab's keine Nachrichten. Vielmehr stand da einer vor einer Leinwand, als ich vorbeischaltete, den Pinsel in der Hand und auf dem Kopf etwas, das ich zuletzt auf Fotos von Paul Breitner aus den 70er Jahren gesehen habe. Die Leinwand war zu zwei Dritteln weiß, rechts und unten schroffe Schwarzflächen, die nach unten hin mit Kreppband abgeklebt. Der Mann, der englisch sprach, aber einlullend, säuselnd wie der charismatischste Guru der Welt, dabei immer den Paul Breitner auf dem Kopf, begann, im Weißen herumzumalen. Farbe aufzutragen, gelb, dann orange. Er erzählte nebenbei, welchen Pinsel er jeweils benutzte, er tupfte und wirbelte, streichelte die Leinwand, noch längst war nicht klar, worauf das hinaus wollte. Vielmehr schien es, als wolle es gar nicht hinaus, auf Darstellung, als wolle es nichts sein als zärtlich kommentierter Farbauftrag. Auflösung eines manichäischen Schwarz und Weiß ins Bunte, viel ließ sich denken unterm hypnotischen Singsang des Mannes.
Irgendwann sprach er von der Sonne, von Wolken und kaum, dass er's sagte (vielleicht hatte er's zuvor schon gesagt, aber ich hatte seine Worte die längste Zeit als Musik genommen), sah ich es auch. Es handelte sich bei dem, was er tat, um einen wirklich üblen Fall von Genremalerei. Die schwarze Fläche rechts würde sich formen zur Klippe, das Gelbe und Orange mit den schwarz getupften Schleiern, tatsächlich, war die wolkenverhangene Sonne und unten begann unter den kreisenden Strichen des Mannes eine Meeresoberfläche sich zu kräuseln, eine Welle sich aufzubäumen, die unter dem Rauschen von Weiß und Gelb und Blau auf den Strand schlagen würde. Das Bild, dessen Entstehen ich mit ungeheurer Freude zugesehen hatte und immer noch zusah, hier noch ein sanft geschwungener weißer Strich und da das Licht der Sonne, das sich auf den Klippen bricht, dieses Bild war, voilà, von unsäglicher Scheußlichkeit. Und ich war verzaubert, immer noch, als der Abspann lief. Bob Ross, glaube ich verstanden zu haben, hieß der Mann, was er tat, hatte Methode, die man im Fachhandel erwerben kann. Aber egal, alles egal, mich hatte, im Hinterland, die Magie des Fernsehens berührt in der dem Medium gemäßesten Gestalt.
Bob Ross scheint ein netter Mensch gewesen zu sein, aber seine Bilder sind, Du schreibst es recht deutlich, tatsächlich von "unsäglicher Scheußlichkeit". Fast interessanter als das was er da so malt sind seine sprachlichen Ticks, z.B. die ständig eingestreuten "ol'", wie in "ol' titanium white". Und in der heute auf Bayern Alpha ausgestrahlten Folge hat er sich doch glatt mit "son of a gun" beglückwünscht, weil ihm sein Werk anscheinend so gut gefallen hat ;-)
Bei Jump The Shark - eine ohnehin interessante Website, die darüber urteilt, ob und wann eine Fernsehserie den Bach runter geht - gibt es einige wunderbare Äußerungen zu Bob Ross. Am besten gefällt mir diese:
"BTW, how did Bob Ross die, my brother tells me he had a 'happy little heart attack' but I don't know if he's just making a joke or if he really had a heart attack."
"In Virginia erkannte der Gouverneur George Allen Bob Ross als besten Präsentator von Kunstprogrammen mit Bildungscharakter an und siedelte den "Hauptsitz" von "Malen mit Bob Ross" im eigenen Staat an. Es ist angemessen, ihn und seine Verdienste anzuerkennen und zu ehren und den 29. Oktober, seinen Geburtstag, zum Gedenktag zu erklären, schreibt Allen.
Der Gouverneur von Florida, Lawton Chiles, machte den 6. August zum Bob-Ross-Tag in Florida, nachdem der jugendliche Fan Scott Whitefield einen nationalen Gedenktag für seinen Lieblingsmaler beantragt hatte. Chiles war einverstanden. Er erklärte den Gedenktag damit, daß Bob Ross in Florida geboren war und ein friedliebender Mensch war, der eine positive Lebenseinstellung befürwortete."
in berlin gibt's einen "bob ross"-laden, übrigens, so hinterm alex in einer gasse, die in richtung rosa-luxemburg-platz führt, und da gegenüber ist ein vietnamesisches restaurant.
Ich glaube nicht, dass ich mich da reintraue. Es wird da wellen und wolken und bergen und gischten zum nicht Aushalten. Vielleicht auch all die happy little animals, die er einigermaßen unmotiviert in seinen Shows vorzuführen pflegte...