Samstag, 27. November 2004
west wing

Wenn man ins Weiße Haus geht, dann gibt's keinen Kompromiss. Das ist der kategorische Imperativ von West Wing. (Das gilt natürlich für die nicht, die den Liberalismus von vorneherein für einen Kompromiss halten und für Verschleierung wahrer Verhältnisse.) Also entwerfen die Erfinder von West Wing nichts Geringeres als eine Ethik. West Wing ist eine zutiefst philosophische, kein bisschen didaktische, aber im besten Sinne pädagogische Serie, die Unterhaltung als inspirierteste Rücksicht auf Darstellbarkeit ernsthaft zu bedenkender Fragen begreift. Die Figur ist hier Alibi fürs Problem, der Plot ist Alibi fürs Intrikate der zu treffenden Abwägungen. Die reine Utopie: eines anderen Fernsehens. Wenn es je einen geschlossenen Entwurf gab für Liberalismus als gelebte Politik, dann West Wing: gerade als die nuancierte Kasuistik des Gelingens und Scheiterns, die hier Gestalt, Figur, Plot wird. (Im Fernsehen! Im amerikanischen Fernsehen!) Man darf die Güte der Figuren, die hier handeln, nicht als Illusion und Weltfremdheit missverstehen: um das Kontrafaktische der Ethik geht es ja gerade. Sich den Staat und seine Einrichtung als gut vorzustellen in einer Welt, die es nicht ist, trägt den pragmatischen Zug in diesen ethischen Entwurf. Wie man als Agent des Guten in den Institutionen agiert, in die man marschiert ist, in denen man jetzt steckt, wird vorgeführt. Jede Menge Sarkasmus, aber nicht der Hauch von Zynismus. Der Sachzwang ist niemals das letzte Argument. West Wing denkt so groß vom Menschen. Die reine Utopie. Und das ist nur die dem Ästhetischen abgewandte, davon aber nicht zu trennende Seite des Gelingens. Über die gegenseitige Bedingtheit von Rhetorik, die sich - eigenen ethischen Imperativen gehorchend - jeden falschen Trick und Effekt verkneifen kann, weil sie souverän ihr Handwerk beherrscht, und der Kompromisslosigkeit der Präsentation der Argumente müsste man nachdenken. Über einen Liberalismus des Erzählens, der psychologische Geschlossenheit und Plot auf höchstem Niveau zusammendenkt, ohne Absicht der Manipulation. Wenn man ins Weiße Haus geht, dann gibt's auch dabei keinen Kompromiss. (Das gilt natürlich nicht für die, die jede Form von Narration und Figurenidentität von vorneherein für einen Kompromiss halten und für einen Rückfall hinter die Errungenschaften der Moderne, der die wahren Wahrnehmungs- und Wirklichkeitsverhältnisse nur verschleiert.)

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Oh ja! Zu erinnern wäre noch an den wunderbaren Humor, der die Serie trägt und an das immer wieder aufflammende demokratische Staatspathos, um das man die Amerikaner nach Genuss dieses Weltentwurfs geradezu beneiden möchte. Überhaupt die Idee: Eine so reife Form, über den eigenen Staat und seine Möglichkeiten zu reflektieren. Die sich jeden Seitenhieb verkneift und doch die Realität (in den Staffeln, die bereits unter dem Agenten des Unguten, der sich des Apparats bemächtigt hat, entstanden sind) nur durch den so überzeugenden Gegenentwurf schärfer kritisiert als es jede offene Satire je könnte.

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