Montag, 21. April 2003
Lieber nicht. Eine Ausdünnung.

Volksbühne, 20.4.

Wunderbar, ganz wunderbar. Marthaler nimmt Bartleby die Worte aus dem Mund, sagt "Lieber Nicht" und der Rest ist Schweigen. Nicht ganz, natürlich. Gesungen wird, wie stets, nur hier: recht wenig. Zersungen eher, zerspielt, der Auftakt, verstimmtes Klaviergeklimper von dunkler Bühne, setzt sich fort, hinein ins Stück, das leise sich von Stillstand zu Stillstand bewegt. Der Höhepunkt eine gute halbe Stunde, in der im Grunde wirklich nichts mehr geschieht. Vier Klaviere besetzt, der Rest des Personals steht herum, stumm, tut kaum was, die Klavier spielen sich, lustlos eher, die Einsätze zu im Dämmerlicht. Man guckt und guckt, wartet, das grenzt an Arbeitsverweigerung. Die übliche Nummernrevue? Lieber nicht, Unruhe im Publikum, die ersten gehen. Dann, fast ist es schade, findet die Inszenierung doch zurück, auf halbem Wege wenigstens, zu dem, was man so unter Marthaler-Inszenierung versteht: absurde Interaktionen, Tänze, Gesänge, auch dies immer noch am Rande zum Abbruch, zum Verläppern (grandios dann das Ende, das genau das ist: ein Verläppern, ein nicht enden wollendes Enden). Hinten rechts, ins separate Kämmerlein, haben Anna Viebrock und Marthaler den eigentlichen Bartleby gesteckt, die Kanzlei. Noch hier wird das Schreibmaschinengeklapper zu Musik, kurze Auftritte, keine Worte außer Guten Morgen Guten Abend. Alles in allem: weniger eine Marthaler-Inszenierung als ihre Dekonstruktion. Keine Dialoge, nicht einmal als Zitat. Und beinahe nur das eine Lied, das auf ein geschnapptes Mother aufläuft, immer wieder, erst am Ende wird der deutsche Text eingesprochen. Ein Lied von der Front, der Abend vor der Schlacht. Ein Abend im Zwielicht. So muss Theater sein.

 
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last updated: 26.06.12, 16:35

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