Donnerstag, 15. Mai 2003
borderline

Zuza ist Journalistin polnischer Herkunft in New York, ich habe sie vor zwei Jahren auf einer Party kennengelernt. Sie war rothaarig, laut und herzlich, ihr Freund ein schüchterner Schwarzer so Mitte zwanzig, Brille, Haare ganz kurz rasiert. Er sah mir nie direkt in die Augen, schielte schelmisch immer ein wenig an mir vorbei. Er hatte was Teddybärenhaftes, langsame Bewegungen, herzliches Lächeln, aber eben immer dieser Blick, der etwas zu suchen schien, irgendwo hinter mir. Das Wunderkind, nannten sie ihn, hinter seinem Rücken. Jason, erfuhr ich, ist Reporter bei der New York Times, so was wie deren kommender Mann. Sieht gar nicht so aus, dachte ich, er sprach nicht viel, ich sah ihn nur dieses eine Mal, mit Zuza habe ich aber Kontakt gehalten, auch nach meiner Rückkehr nach Berlin. Vor ein paar Tagen dann platzte die Bombe, riesiger Fälschungsskandal in der New York Times, und als ich die Fotos sah, erinnerte ich mich sofort: das war Jason, dasselbe Lächeln, derselbe Blick. In hunderten von Artikeln hat er Interviews erfunden, Aussagen erschwindelt und Reportagen geschrieben von Orten, die er nie besucht hat. Es wäre natürlich taktvoll gewesen, erst mal gar nicht zu reagieren, aber die Neugier hat gesiegt. Ich habe Zuza eine E-Mail geschickt, in der ich nur schrieb, dass ich das alles gar nicht glauben kann. Drei, vier Zeilen, Bekundung der Solidarität. Sie schrieb, ich war verblüfft, sofort zurück. Jason liege im Krankenhaus, habe einen Nervenzusammenbruch erlitten. Sie habe von nichts gewusst, wirklich nicht, nicht die leiseste Ahnung gehabt. Sie habe die meisten seiner Artikel gelesen, bevor sie in der Zeitung erschienen sind. In seinem kleinen Safe aber habe sie am Morgen einen fertigen Artikel gefunden, zehn Seiten eng bedruckt, in dem er erzählt, wie er's angestellt hat. Dass man nur Fotos ganz genau beschreiben müsse, ins kleinste Detail und alle denken, man war da, und dass es doch keine Kunst sei von Leuten so zu schreiben, dass die Leser glauben, sie vor sich zu sehen. Dialoge habe er fast niemals erfunden, er sei ganz schlecht im Schreiben von Dialogen, also habe er sie immer aus anderen Artikeln geklaut. Einmal, als er seinen Artikel über die Mutter des kranken Soldaten nochmal las, habe er weinen müssen. Ein toller Artikel, das finde er heute noch, auch wenn es die Frau nicht gab und viele Zitate aus einem Reader's-Digest-Interview mit einer Mutter stammten, deren Sohn an Aids gestorben war. Zuza schrieb, sie werde Jason nicht im Krankenhaus besuchen. Sie komme sich vor wie eine Ehefrau, die von einem zweiten Leben ihres Ehemanns als Serienkiller erfährt. Oder als Spion für die Russen. Jasons Russe war die Lüge, schrieb sie. Hätte sie von seinem krankhaften Ehrgeiz nicht was merken müssen? Sie war so stolz auf ihn. Den Artikel aus dem Safe habe sie verbrannt. Ich solle niemandem davon erzählen.

 
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last updated: 26.06.12, 16:35

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