Samstag, 17. Mai 2003
Atheist? Allerdings!

Die Kerle, die man erfinden müsste, gäbe es sie nicht, weil sie so rundum verkörpern, was einem verhasst ist. George Steiner immer einer, der einem klar macht, warum Heidegger im Grunde seines Herzens - aus dem nun Steiner schöpft und schöpft - ein Gläubiger gewesen ist, der bei Gelegenheit Gott durch Kunst ersetzt hat.

Der Gläubige nämlich liebt das Einfache und die ursprüngliche Verbindung: das, was dazwischentritt, Technik im Grunde, ist Abkehr vom Ursprung. Gott spricht nur im Direkten, in der Berührung:

Meine Studenten haben mit der Hand Kapitel abgeschrieben von Thackeray und Eliot. Was man mit der Hand abgeschrieben hat, liebt und kennt man.

Und ich bin nicht würdig, oder bestenfalls: die Füße zu küssen, dem Herrn, der die Kunst ist. Selbsterhebung durch Demut, vertrauteste Übung christlicher Unterwerfungsgesten:

Seit meiner Jugend sage ich mir dreimal am Tag, mein Lieber, du bist ein Postino, du trägst die Post, das ist sehr wichtig. Du hast das ungeheuere Glück, die Briefe zu bekommen, und versuchst, sie in den richtigen Postkasten einzuwerfen. Aber du hast sie nicht geschrieben. Das kommt von Puschkin, der sagt: „Danke an meine Übersetzer, danke an die Kritiker, aber ich habe den Brief geschrieben.“ Und da ich das weiß und da ich weiß, dass es Lichtjahre Distanz gibt zwischen dem Schaffenden und den Leuten, die ihn kommentieren, wird mir die Universität nie verzeihen. Das ist das große Tabu: Diese Bonzen nehmen sich so ernst, so ernst und vergessen, dass wir Flöhe sind im Pelz der Löwen.

Die Urchristen in den Katakomben Roms. So schön war's nie wieder.

Ich habe einige Seminare gehalten an der Humboldt Universität in den Tagen vor dem Umsturz der Mauer. Im Seminar-Saal saß die Stasi. Die Menschen waren unter einem furchtbaren Druck, aber sie wussten, dass es um das Prinzipielle geht. Es war erniedrigend und aufregend. Mit diesen Menschen einen großen Text zu lesen war lebensgefährlich und lebenströstend.

Kapitalismukritik kommt dann, siehe Rom, immer von ganz weit rechts. Was geknechtet wird, ist der Geist, der doch das wahre Wahre ist. Kapitalismus ist nicht verwerflich, weil er unerträgliche Bedingungen des Lebens schafft, im Wohlstand und außerhalb, sondern weil das Geld der Entwerter der wahrhaft großen Werte ist: Shakespeare & Co.

Heute herrscht die Bürokratie des Geldes über jede geistige Leistung.

Endzeitstimmung, die Apokalypse naht.

Weder Sie noch ich noch irgendjemand glaubt um drei Uhr früh, wenn man bei sich ist und die Wahrheit sagt, dass es noch einen Shakespeare, einen Mozart, einen Beethoven, einen Michelangelo geben wird.

Aber es muss IHN doch geben. Wo kämen wir hin ohne IHN?

Die Wette, die Pascalsche Wette meines ganzen Lebens, dass es doch eine Beziehung zwischen Sprache und Welt geben muss, obzwar eine komplizierte, verwickelte, indirekte, alles was Sie wollen – aber ohne dies triebe man einfach Unsinn.
Der ganze Poststrukturalismus und die Dekonstruktion kommt vom Dadaismus her, von Hugo Ball und seinen Unsinn-Gedichten.

Das kennen wir auch vertont. Es naht der ökumenische Kirchentag:

Meine Bücher versuchen Danke zu sagen. Danke an die Meister, danke an die großen Künstler, die das Wunder des Traums für uns alle geschaffen haben.

Da kann man nur kurz und bündig sagen: "Atheist? Allerdings!"

Zitate aus der der SZ vom 17.5.

 
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last updated: 26.06.12, 16:35

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