Mittwoch, 11. Juni 2003
imitation of life

In Naumburg aus dem ICE und gleich, auf dem verlassenen Bahnhof, unter leeren, aber ganz modernen Anzeigetafeln, der Eindruck, ins Reich verlangsamter Zeit, bullet time/ost, geraten zu sein, und mich viel zu schnell zu bewegen durch einen Raum, der für Sitzen und Langsamkeit gedacht ist, der sich wehrt. Aus dem Lautsprecher auf dem Gleis dann die Ansage, der Zug fällt aus. Schienenersatzverkehr, Busbahnsteig sechs, mit mir macht sich eine Fußballmannschaft, C-Jugend-Alter, vom Gleis, zum Bus, auf den man wartet, lustlos den Ball hoch haltend, dann aber ist's zu heiß und auch hier der Befehl der Raumzeit von Naumburg: keine schnelle Bewegung, von ferne vorm Kiosk vorm Bahnhof Menschen, die nichts zu tun haben als zu schauen und ihr Bier zu trinken, langsam zu trinken, der Bus kommt nicht, lange nicht, es ist heiß und schwül, der Schatten bietet kaum Linderung, pubertäre Scherze gelangen, widerstrebend fast, zu mir, der ich unterm Baum sitze, fernab, nicht weit genug. Der Bus, nicht klimatisiert, natürlich nicht, die Sonne scheint rein, keiner weiß, ob's in Bad Kösen weitergeht oder Großheringen und in Bad Kösen, sagt der Fahrer, der zuletzt irgendwo anruft und erfährt, dass alle nach Großheringen müssen, in Bad Kösen sagt er, eine große Baustelle, da standen wir heute früh eine Stunde. Neben mir, im Gang, ein Mann mit feinem weißen Bartstrich, Koteletten, die fast zum Kinn sich fortsetzen, Schweiß auf seiner Stirn, beinahe kann man zusehen, wie er sich vermehrt, Perle für Perle. Losgejuckelt dann, Richtung Bad Kösen, auf der Saale nebenan ein Boot, Vater, Mutter, Kind, sie scheinen sich gar nicht zu bewegen. Gummistiefelbar und Oma kocht, 1 bis 9 Euro, dann fahren wir mit dem Bus übers Feld unter den Gleisen durch, die verwaist liegen über uns, durchs Straßentor dürfen wir nicht, da wird irgendwas gemacht oder repariert oder man tut so, als ob, es scheint egal, Hauptsache, es geht nicht voran. Großheringen dann, Außenposten der Welt, aber Anschluss wieder, ein Zug, zwischendurch glaubte ich mich schon in ein warmes, stilles Loch gestürzt, das ist nicht Kansas, hier, um die Ecke von Weimar und Apolda, sieht aus wie Welt hinter der Scheibe, imitation of life, mit Saale und Bus und Toskana Therme in Bad Kösen, aber in Wahrheit eine Simulation, für mich, nur für mich. Vorbei dann, wieder im Zug, an Apolda und Oßmannstedt und Weimar, Orte deutscher Klassik, ich stelle mir vor, ich sei Herder oder Wieland und denke mir, dass ich denken würde: O Gott, was ist das? Wie hässlich, denke ich dann, wieder ich, wie hässlich sind doch Autos. In Erfurt, Sorat Hotel, Discount für Uni-Gäste, begrüßt mich der Fernseher im Videotext-Stil, Guten Tag, Herr Knörer, während untendrunter das Fernsehprogramm läuft und mit mir nichts zu tun hat.

Der Campus der Uni ist Gebäudelandschaft in Transit, Gras dazwischen, DDR-Gemälde am Haus, der Kindergarten im alten, noch nicht restaurierten Gebäude der alten Pädagogischen Hochschule, schick die Bibliothek und in der Ferne grüßt der Agrarhandel und, näher, das Uni-Klinikum, dessen Farbe herabblättert wie böser Ausschlag. Am nächsten Tag zu Fuß zurück von der Uni in die Stadt, der die Uni vorgelagert scheint wie eine Idee, von der man noch nicht weißt, ob man sie weiterverfolgen soll. Im Schaufenster eines Trödelladens, der Humbug heißt, ein Plakat, das auf einen Vorwurf antwortet, den man nur ahnen kann: "Seid doch froh, das sich noch einige Firmen halten! Wenn es die nicht gibt, wo holt ihr das Geld für eure fetten Gehälter her?" Ratlos weitergegangen, zum Domplatz, dann, in der Kunsthalle mitten in der Stadt, Haus zum Roten Ochsen, eine Ausstellung, in der Bill Violas Pool im Wald, Hiroshi Sugimotos Meeresbilder, Chillida und John Cage aufs Unaussprechliche hinauslaufen sollen, mitten in Erfurt, junge Mütter auf dem Rathausplatz, die sich unterhalten, ich dann in die Rathauspassage, wo man mit Tokens Instantcafé aus dem Automaten holen kann. Dann zum Bahnhof, zurück nach Berlin.

 
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last updated: 26.06.12, 16:35

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