Dienstag, 30. März 2004
dieter roth (moma qns, p.s.1)

Dieter Roth hat sich selbst archiviert und sein Tun. Er hat nichts unversucht, er hat nichts ausgelassen. Frühe Filmexperimente, Gedichte – Scheissgedichte – Schokoskulpturen, konstruktivistische Drehscheiben, Schnellzeichnungen, Materialbilder mit Klanginstallationen, Dias – 30000 Dias aller Häuser (aller Häuser!) Reykjaviks – und dann jahrelang sich selbst eingetütet, in Aktenordner, die jetzt ein ganzes Zimmer im P.S. 1 füllen. Hinter Klarsichtfolie: Kronkorken und Einwickelpapier, Tüten, Müll und Klarsichtfolienumschlagfolien. Bilder von sich, darauf läuft es hinaus, als der vergebliche Versuch, sich immer mithineinzustecken, wegzugeben, wegzubilden, ins Werk zu transformieren, das dann eben nicht mehr Werk wäre, sondern der dicke, barocke Roth, der jetzt allgegenwärtig ist in der Werkschau, in der er an allen Ecken und Enden auftaucht. Als Muster im Teppich, auf 131 Bildschirmen, die ihn im letzten Lebensjahr zeigen, in seiner Wohnung, sich waschend, lesend, werkelnd, nichts tuend. Das die Konstellation: er beobachtet, schaffend, sich selbst und schafft so Beobachtung als Werk. Der ganze Dreck kommt mit rein, denn 90 Prozent des Lebens sind ja Dreck, Einwickelpapier, Vergänglichkeit und entropische Transformation. Roth sucht der Entropie zu entgehen, indem er sie ausstellt. Bananen, Wurst hinter Glas. Das schaukelt sich hoch zu Gesamtkunstwerken totaler Reinheitsverweigerung, wie die Gartenskulptur, die sich jetzt in zwei Räumen breitmacht und gar nicht zu fassen ist. Abfall und Mobiliar, Technisches und Natürliches, riesengross und in Einweckgläsern (wahrscheinlich) abgefüllte Roth-Pisse. Man kann auf diese Skulptur klettern, an einer Stelle, aber näher kommt man ihr so nicht. Versuche, die Zeit anzuhalten, nicht weil der Augenblick schön ist, sondern um der Vergänglichkeit aus Prinzip ein Schnippchen zu schlagen, indem man ihr das Bedeutungslose, den ganyen Krempel entgegenschleudert, als Ausstellungsstück, das vergeht und vergeht und vergeht. Am Ende dann etwas, das man Prozessbilder nennen könnte: in die Abbildung werden die Werkzeuge der Abbildung mit hineingesteckt, dran- und draufgeschmiert, der Pinsel, die Farben und der Roth als Figur. Mit seinem Tod geht das, könnte man sagen, nun (beinahe) restlos auf. Hier habt ihr ihn nun, ganz und gar, mit Haut und Haar, der ganze vergängliche Dreck als Werk totaler Unreinheit, alles drin, alles dran, unfassbar, über euren Begriff.

 
online for 8738 Days
last updated: 26.06.12, 16:35

furl

zukunft

cargo

homebase

film
krimi
tanz/theater
filmfilter
lektüren
flickr

auch dabei

perlentaucher
satt.org

fotoserien

cinema
licht
objekte
schaufenster
fenster zur welt
schrift/bild
still moving pictures

vollständig gelesene blogs

new filmkritik
sofa
camp catatonia
elektrosmog
elsewhere
filmtagebuch
url
mercedes bunz
greencine daily
the academic hack
verflixt & zugenewst
eier, erbsen, schleim und zeug
vigilien
oblivio
erratika
gespraechsfetzen
relatin' dudes to jazz
ftrain
malorama
Instant Nirwana
supatyp
ronsens
herr rau
kutter
woerterberg
Av.antville
random items
sarah weinman
Kaiju Shakedown
The House Next Door
desolate market

aus und vorbei

darragh o'donoghue
etc.pp
boltzmann

status
Youre not logged in ... Login
menu
... home
... topics
... galleries
... Home
... Tags

... antville home
Januar 2026
So.Mo.Di.Mi.Do.Fr.Sa.
123
45678910
11121314151617
18192021222324
25262728293031
Februar
recent
Updike-Fotos Ganz tolle Updike-Fotos.
(Via weißnichtmehr.)
by knoerer (18.02.09, 08:36)
nasal Ein Leserbrief in der
morgigen FAZ: Zum Artikel "Hans Imhoff - Meister über die...
by knoerer (17.02.09, 19:11)
live forever The loving God
who lavished such gifts on this faithful artist now takes...
by knoerer (05.02.09, 07:39)
gottesprogramm "und der Zauber seiner
eleganten Sprache, die noch die vulgärsten Einzelheiten leiblicher Existenz mit...
by knoerer (28.01.09, 11:57)

RSS Feed

Made with Antville
powered by
Helma Object Publisher

www.flickr.com
This is a Flickr badge showing public photos from knoerer. Make your own badge here.