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Dienstag, 30. März 2004
dieter roth (moma qns, p.s.1)
knoerer
21:36h
Dieter Roth hat sich selbst archiviert und sein Tun. Er hat nichts unversucht, er hat nichts ausgelassen. Frühe Filmexperimente, Gedichte – Scheissgedichte – Schokoskulpturen, konstruktivistische Drehscheiben, Schnellzeichnungen, Materialbilder mit Klanginstallationen, Dias – 30000 Dias aller Häuser (aller Häuser!) Reykjaviks – und dann jahrelang sich selbst eingetütet, in Aktenordner, die jetzt ein ganzes Zimmer im P.S. 1 füllen. Hinter Klarsichtfolie: Kronkorken und Einwickelpapier, Tüten, Müll und Klarsichtfolienumschlagfolien. Bilder von sich, darauf läuft es hinaus, als der vergebliche Versuch, sich immer mithineinzustecken, wegzugeben, wegzubilden, ins Werk zu transformieren, das dann eben nicht mehr Werk wäre, sondern der dicke, barocke Roth, der jetzt allgegenwärtig ist in der Werkschau, in der er an allen Ecken und Enden auftaucht. Als Muster im Teppich, auf 131 Bildschirmen, die ihn im letzten Lebensjahr zeigen, in seiner Wohnung, sich waschend, lesend, werkelnd, nichts tuend. Das die Konstellation: er beobachtet, schaffend, sich selbst und schafft so Beobachtung als Werk. Der ganze Dreck kommt mit rein, denn 90 Prozent des Lebens sind ja Dreck, Einwickelpapier, Vergänglichkeit und entropische Transformation. Roth sucht der Entropie zu entgehen, indem er sie ausstellt. Bananen, Wurst hinter Glas. Das schaukelt sich hoch zu Gesamtkunstwerken totaler Reinheitsverweigerung, wie die Gartenskulptur, die sich jetzt in zwei Räumen breitmacht und gar nicht zu fassen ist. Abfall und Mobiliar, Technisches und Natürliches, riesengross und in Einweckgläsern (wahrscheinlich) abgefüllte Roth-Pisse. Man kann auf diese Skulptur klettern, an einer Stelle, aber näher kommt man ihr so nicht. Versuche, die Zeit anzuhalten, nicht weil der Augenblick schön ist, sondern um der Vergänglichkeit aus Prinzip ein Schnippchen zu schlagen, indem man ihr das Bedeutungslose, den ganyen Krempel entgegenschleudert, als Ausstellungsstück, das vergeht und vergeht und vergeht. Am Ende dann etwas, das man Prozessbilder nennen könnte: in die Abbildung werden die Werkzeuge der Abbildung mit hineingesteckt, dran- und draufgeschmiert, der Pinsel, die Farben und der Roth als Figur. Mit seinem Tod geht das, könnte man sagen, nun (beinahe) restlos auf. Hier habt ihr ihn nun, ganz und gar, mit Haut und Haar, der ganze vergängliche Dreck als Werk totaler Unreinheit, alles drin, alles dran, unfassbar, über euren Begriff.
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last updated: 26.06.12, 16:35 furl
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