subkulturen I

Die Liebe des Fans ist bedingungslos. Nichts schmerzt wie die Missachtung, die andere dem Geliebten bezeigen. Jeder Fan versteht "Rudi", wenn er schreibt: "Die Leistung der Band wurde in keinster Weise honoriert." Der Ort: Ansbach, "tam-tam" (eine Bar, die von den Ansbachern, zu denen ich mal gehörte, einfach "tam" genannt wird), es war Unruhe im Raum, Gwerch, die Band störte. Die Band hieß "Dusty Brothers" und spielte Country-Musik. Dabei war ohnehin schon Pech im Spiel, denn "kurz vor dem Gig verletzte sich ihr Keyboarder am Brustbein und musste kurzfristig ersetzt werden". Doch dann ging es gut, die Musik war schön, für Rudi jedenfalls. Den Leuten, die in die Bar gekommen waren, nicht der "Dusty Brothers" wegen, war es zu laut. Nachzulesen ist das in der Zeitschrift "Wheel - Country Mail aus Franken". Sie ist erhältlich in den Bahnhofsbuchhandlungen von Nürnberg, Eisenach, Erfurt, Gera und Weimar (nicht aber Ansbach) und in verschiedenen einschlägigen Läden vorwiegend des fränkischen Raums. Die meisten von ihnen inserieren in dem Blatt, das monatlich erscheint, im Einzelheft 1 Euro 70 kostet und im Jahresabo 23 Euro 80. Es finden sich darin Nachrufe auf amerikanische Country-Star ("Weitere Stars verließen die Bühne": Don Gibson und Teddy Wilburn), Country-Termine in Franken und drumrum, Trauer über das Aus der Sendung "MusiCity" des MDR, die sich der Country-Musik verschrieben hatte, ein Bericht über einen Besuch in Nashville/Tennessee, der womöglich - das wird nicht ganz klar - nur ungelenk von einer "Story im America Journal vor einigen Monaten" abgeschrieben ist. Wir erfahren, dass in Nashville jährlich eine Milliarde Dollar umgesetzt wird. Der deutsche Fan ist mit seiner Liebe zur Country-Musik fast allein. Oder wäre es, gäbe es nicht "Wheel", das ihn informiert über Emmylou Harris' Auftritt in München - und zwar im Detail: "Obwohl nur wenige 'Umbaumaßnahmen' erforderlich waren, dauerte die Pause über zwanzig Minuten. Um ca. 21.07 Uhr ging es dann weiter." Nichts am Gegenstand der Liebe ist unbedeutend. Die Liebe des Fans ist rein und desto verzweifelter, je kleiner die Zahl derer, die da lieben. Im hinteren Teil des Hefts findet sich Rosi's Linedance Kurs in der Sweetheart-Aufstellung: "Step, Touch, Shuffle Back, Back, Touch, Shuffle Back: 1 Schritt nach vorn mit rechts 2 Linken Fuß neben rechtem auftippen 3 & 4 Cha Cha zurück nach etwas schräg links (l-r-l) 5 Schritt zurück nach etwas schräg rechts hinten 6 Linken Fuß neben rechtem auftippen 7 & 8 Cha Cha zurück nach etwas schräg links (l-r-l)." Das ist nur der Beginn. In den US Country Charts führt der Titel "Shock'nY'all" von Toby Keith. In der 27. Woche findet sich Alan Jackson und Jimmy Buffets "It's Five O'Clock Somewhere", eine einstige Nummer eins, nunmehr auf Platz 20. Wir erfahren, dass am 21. Februar in Erfurt zum 12. Mal die Country Music Awards Gala der German American Country Music Federation (GACMF) stattfindet. Nominiert ist auch "Gabriel singt Cash" von Gunter Gabriel, der neulich beim kleinen Italiener hier am Mehringdamm reinplatzte, nichts weiter wollte, als sich vorführen, zehn Minuten lang. Er sang nicht, dann ging er wieder.

Homepage Wheel Country Mail aus Franken

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[ich]

Diese ganze Gelehrsamkeitsrezensionsfalschebescheidenheitsverkorkstheit in einer Nussschale, denn wenn Ottfried Höffe in einer Rezension schreibt:
Gelegentlich schätzt er auch seine eigene Leistung zu hoch ein. Dass beispielsweise der "durch eine internationale Rechtsgemeinschaft zu garantierende Friede ein Grundmotiv nicht um des politischen, sondern des gesamten Denkens" von Kant bildet, steht schon in einem Kommentar zu Kants Friedensschrift aus dem Jahr 1995.
dann meint er eigentlich: ICH ICH ICH habe das schon 1995 geschrieben. Ich frage mich, wie's um jemandes geistigen Haushalt bestellt sein muss, der sich so um sich selbst herumdruckst.

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Party in Hamburg

Auf der Party, als ich längst weg war, erzählte man mir am Morgen danach oder eher am Mittag, kam einer, der die Gastgeberin suchte, um sich anzumelden. Das dauerte fünfzehn Minuten und am Ende nahm er, den keiner kannte, die gefrorene Suppe mit. Auch den Wodka, den man am Morgen vermisste, vermutet man jetzt bei ihm. Zuvor hat die teuer gemietete Karaoke-Anlage aufgegeben, genauer gesagt, die Lautsprecher, die nach der Auflösung des Oase-Kinos in den Besitz der Party-Geber übergegangen waren und niemand sang mehr, was der Stimmung eher zuträglich gewesen sein soll. Lukas, die Katze mit der unvorteilhaften Figur, machte sich früh davon, kehrte aber schon in den Morgenstunden wieder zurück. Kurz lernte ich eine Tibetologin namens Isabell kennen - bevor ich sie aber fragen konnte, ob sie vielleicht katatonik kenne, war sie im Partytreiben schon davongeschwappt (und ich weiß ja auch gar nicht, wie katatonik im rl heißt). Am Nachmittag davor mit einem Freund, der da arbeitet, drei Stunden lang durch die Kunsthalle gehetzt und viel über Becketts Besuch des Museums, auch des Magazins, im Jahr 1936 erfahren; "englischer Literarhistoriker (aus Schottland)" steht im Schreiben, das die Sache verhandelt, die eine problematische war, weil Ausländer eigentlich nicht ins Magazin durften. Beckett (der immer Becket geschrieben wird) durfte aber, danach gab es freilich Ärger, den man unter den Teppich zu kehren verstand. Besonders angetan hat es ihm eine Serie von Gemälden mit Kühen. 13 Gemälde, nur Kühe, Name des Malers weiß ich nicht, 3 davon auch in der kleinen Ausstellung zu sehen, die, glaube ich, nächstes Wochenende eröffnet. Sonst liebte Beckett vor allem Bilder, auf denen sich nichts tut. Leere. Hätte man sich ja gedacht. Hasste Philipp Otto Runge. Sehr zu empfehlen die Feininger-Ausstellung, wunderbar die Wee-Willi-Winkie-Comics und die Gespenster, die er zeitlebens malte. Manche sehen ganz aus wie von Lewis Trondheim. Zuvor, am Freitag abend, in der Langen Reihe ein indischer Laden, in dem ich eine DVD mit 2 Amitabh-Bachchan-Filmen aus den 70ern fand, die ich schon lange suchte. Und eine andere mit 2 Guru-Dutt-Filmen. So viel mehr Läden mit portugiesischen pasteis de nata in Hamburg als in Berlin. Und am Sonntag im Stilwerk, wo Praschl auch war, tags zuvor, wie ich jetzt lese, vom Fischmarkt noch der Gestank, der kaum auszuhalten war, auf dem Weg dahin. Sehr schöne Lampen gesehen. Zuvor, Sonntag Mittag im Café Geier am Hein-Köllisch-Platz, kommt Matthias Lilienthal zur Tür rein mit einer Frau, die beinahe auch zur Party gekommen wäre. Dann, abends, wieder in Berlin.

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Fahrn, Eisenbahn

Jeden Montag unterwegs, gut drei Stunden hin nach Erfurt, gut drei Stunden zurück, dazwischen vier Stunden unterrichten zwischen Goethe und Celan. Lesen natürlich, auf dem Weg, wie auf Schienen gezogen, durch Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Thüringen. Aus dem Fenster blicken. Auf einem Auto, das auf der kleinen, schlecht geteerten Straße der Bahn nebenherfährt: Das echte Kloßvergnügen. Landschaften, die ich gar nicht beschreiben möchte, nur einen Link setzen, damit andere bei Gelegenheit vorbeischauen, nichts Großartiges, aber erfreuliche Anblicke. Ortsnamen, die notiert sein wollen. Wenn etwa die Poesie in die Landbewohner gefahren ist, irgendwann in ferner Vergangenheit, wer weiß warum und sie nennen einen Ort "Himmelreich", zum Beispiel. Sehr schön, wenngleich in anderer Art poetisch, auch "Hohenwulsch", durch das ich kam auf dem Weg nach Hamburg. Viel Verlassenes zwischen Berlin und Bitterfeld und Weimar, ein Osten der leer stehenden Häuser, blinden Fenster, windschiefen Schornsteine, der Gespenster von Vergangenheiten, die einander trösten wollen, sie wissen nur nicht wie, die schiefen Mäuler ihrer herabhängenden Fassaden. Bäume, die aus Ziegeln treiben. Halb aus ihren Rahmen gefallene Scheiben in Sprossenfenstern. Backstein in allen Schattierungen zwischen Rot, Grau, Schwarz. Ein Osten der untoten Stätten, der Anblicke, von niemandes Hand verschönert, weil mit dem Blick aus der Bahn nicht gerechnet wird, nur mit den Schritten der Touristen auf den nahe gelegten Wegen.

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Hat ja keinen Sinn

einen Link zu setzen auf den Artikel, weil FAZ und ratzfatz weg. Festzuhalten bleibt, dass mir Martin Seel - der heute über Autonomie und Karlheinz Bohrer schreibt - ein grundsympathischer Philosoph ist. Liest sich immer ganz unspektakulär und ich habe eine Weile gebraucht, bis ich dem typischen Philosophenreflex nicht mehr nachgegeben habe zu denken, dass es dann ja wohl nicht ganz satisfaktionsfähig sein kann. Mittlerweile halte ich eher das Gegenteil für richtig: Gerade weil er so nah dran ist an den Dingen, die uns im Alltag umtreiben, und zugleich einen sensiblen und analytischen Blick darauf wirft, Rekonstruktionen betreibt, die nichts sensationell Neues zu Tage fördern, das vage Vertraute aber auf den ans Literarische oft sich anschmiegenden Begriff bringen, gerade drum ist das großartig. Wilde Dinge durch die Gegend denken, ohne sich groß um Rückschlüsse aufs eigene Leben in der Welt zu kümmern, ist leichter als alle Welt glaubt. Und schwerer ist's als die Philosophen meinen, Relevantes über das, was uns betrifft, zu denken, das als Denken etwas taugt.

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Nanu?

Ist das hier ein Multi-User-Weblog oder warum kann ich hier was posten?

(Sorry, ich musste das ausprobieren - evtl. bist du ja dankbar für den Hinweis, ich kenn mich ja mit Antville nicht aus).

Gruß, KerLone

(Die Posting-URL war übrigens in meinen Referrern.)

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homo sacer

In der Süddeutschen weist Ulrich Raulff darauf hin, dass nach langen Jahren Giorgio Agambens Essay Homo Sacer endlich bei Suhrkamp erscheint. Mit dem Buch ist Agamben in bestimmten (vor allem US-amerikanischen) Theorie-Zonen zum hipsten politischen Denker avanciert. Ganz kurz gesagt (ein bisschen länger zu einem anderen Buch Agambens hier ) ist das die Politisierung des Fundamentalontologen Heidegger im Rückgriff auf die antike Figur des Homo Sacer als desjenigen, der nicht geopfert werden, aber straflos getötet werden kann. An diese Figur wird Foucaults Unterscheidung von bios und zoe angelagert, die als historische genommen, die Moderne als Bewegung in Richtung Biopolitik sichtbar werden lässt. Der Zugriff (des Staates vor allem, als Institut des Zugriff schlechthin) auf den Menschen erfolgt zunehmend auf sein "nacktes Leben" (so nun Agambens bereits viel verbreiteter Begriff), Politik wird so zu Biopolitik. Das wird, mit Heidegger wie gesagt (Agamben saß als gelehriger Schüler in späten Heidegger-Seminaren in Todtnauberg; außerdem spielt er übrigens auch mal einen Apostel bei Pasolini), tiefer gelegt, ganz tief, so dass diverse, vermeintliche Epi-Phänomene zum Ort werden, von dem aus die Moderne, also auch die Gegenwart (Agamben ist zutiefst ein moderner Denker, und nur die schwersten Geschütze der Philosophie und Literatur existieren da für ihn) zu denken ist. Der paradigmatische Ort: Das Lager, sprich Konzentrationslager.

Zum, wenngleich umgedeuteten, Theorie-Kronzeugen wird dabei der Meister des antiliberalen Denkens, Carl Schmitt, herbeigerufen - und spätestens dann wird es wirklich unappetitlich. Agamben verzichtet auf jedwede Differenzierung, sein Stil ist apodiktisch und seine Theoriekenntnisse sind, trotz der ungewöhnlichen Mischung, sehr begrenzt, nämlich aufs ohnehin Kanonische. Benjamin und Foucault sind neben Heidegger die wichtigsten Denker, auf die Agamben Bezug nimmt, die Prämissen, von denen sie ausgehen, schluckt er mit Stumpf und Stil. Es gibt keine Auseinandersetzung mit eventuell konkurrierendem, das hieße vor allem: liberalem, Denken und ich kann das Buch, kaum dass ich es aufgeschlagen haben, immer wieder nur erbost an die Wand knallen.

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