Mittwoch, 18. Juni 2003

Walle, walle, Blökgesang und Tapferkeitsmedaillen für Lesende, Botho Strauß der Schreckliche ist wieder unters Volk gefahren und tut, was ein Mann tun muss, Zeugnis ablegen nämlich:

Schließlich genügt sogar der eine in jeder Generation, der, wie hier geschehen, ein Zeugnis dieser Begegnung ablegt.

Im Namen der deutschen Sprache sprechen, und ihr dann ein Leids tun mit Wort- und Bildschöpfungen wie diesen:

Entfernungsinständigen

Ingrund

Selbstbeugungsbärenkräften

Geäder der Stummheit

Das macht schlechten Geschmack im Hirn.

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Samstag, 14. Juni 2003
verstummt

Der Wörterberg ist verstummt und spricht nur noch in täglich aktualisierten Schlagzeilen. Dass die jetzt der Trost sind und hoffen lassen, dass es auch auf dem Berg weitergeht, bald, ist schon seltsam. Aber angemessen.

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abschaffel

Ich glaube, ich denke, seit ich es gekauft habe - am 30.8.91, es war das 252. Buch, das ich in diesem Jahr kaufte, auch das ist notiert auf der ersten Innenseite; das Jahr meines Zivildienstes, das muss als Erklärung jetzt genügen -, seither also denke ich, glaube ich, ich habe im Regal einen Band der berühmten Abschaffel-Trilogie von Wilhelm Genazino. Als ich "Die Ausschweifung" vor ein paar Tagen aus dem Regal nahm (Dank an M., der mich dazu inspirierte und vielleicht leiht er mir auch mal die "Träne im Ozean"?), wurde mir klar, dass ich mich zwölf Jahre lang geirrt habe. Es ist das Buch, das danach erschien und also habe ich nun immer noch nichts aus der Abschaffel-Trilogie gelesen und stattdessen diesen, weit weniger bekannten Roman von Wilhelm Genazino. Gerne, sehr gerne übrigens habe ich ihn gelesen, und die Stärke des Buchs (mutmaßlich aller Genazino-Sachen?) ist die, dass man, wenn man erzählen wollte, worum es geht, eigentlich, wie Borges' Landkarte, den ganzen Roman noch mal erzählen müsste, von Anfang bis Ende, weil in der Angabe eines Inhalts sich hier nichts erschöpft, weil es die Details sind der Welt, die Genazino ausbreitet, Frankfurt, genauer gesagt, in denen die Größe des Buchs liegt, in dem nichts groß ist, höchstens die Mittelmäßigkeit seiner Helden und Geschehnisse und Hoffnungen und Ängste und Phantasien (wie die des Eckhard Fuchs, mit seiner Frau, mit der er im Grunde kaum mehr Sex hat, am offenen Fenster, vom Vorhang verdeckt, von hinten zu verkehren; das sind seine Worte, genauer gesagt die des Erzählers, der sich andere Worte als die des Eckhard Fuchs aber nicht, oder fast nicht, gestattet). Ich werde aber nichts weiter darüber schreiben außer 1. dass es nicht der letzte Genazino gewesen sein wird, für mich, und 2. dass ich ihn der Welt empfehle.

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Mittwoch, 11. Juni 2003
imitation of life

In Naumburg aus dem ICE und gleich, auf dem verlassenen Bahnhof, unter leeren, aber ganz modernen Anzeigetafeln, der Eindruck, ins Reich verlangsamter Zeit, bullet time/ost, geraten zu sein, und mich viel zu schnell zu bewegen durch einen Raum, der für Sitzen und Langsamkeit gedacht ist, der sich wehrt. Aus dem Lautsprecher auf dem Gleis dann die Ansage, der Zug fällt aus. Schienenersatzverkehr, Busbahnsteig sechs, mit mir macht sich eine Fußballmannschaft, C-Jugend-Alter, vom Gleis, zum Bus, auf den man wartet, lustlos den Ball hoch haltend, dann aber ist's zu heiß und auch hier der Befehl der Raumzeit von Naumburg: keine schnelle Bewegung, von ferne vorm Kiosk vorm Bahnhof Menschen, die nichts zu tun haben als zu schauen und ihr Bier zu trinken, langsam zu trinken, der Bus kommt nicht, lange nicht, es ist heiß und schwül, der Schatten bietet kaum Linderung, pubertäre Scherze gelangen, widerstrebend fast, zu mir, der ich unterm Baum sitze, fernab, nicht weit genug. Der Bus, nicht klimatisiert, natürlich nicht, die Sonne scheint rein, keiner weiß, ob's in Bad Kösen weitergeht oder Großheringen und in Bad Kösen, sagt der Fahrer, der zuletzt irgendwo anruft und erfährt, dass alle nach Großheringen müssen, in Bad Kösen sagt er, eine große Baustelle, da standen wir heute früh eine Stunde. Neben mir, im Gang, ein Mann mit feinem weißen Bartstrich, Koteletten, die fast zum Kinn sich fortsetzen, Schweiß auf seiner Stirn, beinahe kann man zusehen, wie er sich vermehrt, Perle für Perle. Losgejuckelt dann, Richtung Bad Kösen, auf der Saale nebenan ein Boot, Vater, Mutter, Kind, sie scheinen sich gar nicht zu bewegen. Gummistiefelbar und Oma kocht, 1 bis 9 Euro, dann fahren wir mit dem Bus übers Feld unter den Gleisen durch, die verwaist liegen über uns, durchs Straßentor dürfen wir nicht, da wird irgendwas gemacht oder repariert oder man tut so, als ob, es scheint egal, Hauptsache, es geht nicht voran. Großheringen dann, Außenposten der Welt, aber Anschluss wieder, ein Zug, zwischendurch glaubte ich mich schon in ein warmes, stilles Loch gestürzt, das ist nicht Kansas, hier, um die Ecke von Weimar und Apolda, sieht aus wie Welt hinter der Scheibe, imitation of life, mit Saale und Bus und Toskana Therme in Bad Kösen, aber in Wahrheit eine Simulation, für mich, nur für mich. Vorbei dann, wieder im Zug, an Apolda und Oßmannstedt und Weimar, Orte deutscher Klassik, ich stelle mir vor, ich sei Herder oder Wieland und denke mir, dass ich denken würde: O Gott, was ist das? Wie hässlich, denke ich dann, wieder ich, wie hässlich sind doch Autos. In Erfurt, Sorat Hotel, Discount für Uni-Gäste, begrüßt mich der Fernseher im Videotext-Stil, Guten Tag, Herr Knörer, während untendrunter das Fernsehprogramm läuft und mit mir nichts zu tun hat.

Der Campus der Uni ist Gebäudelandschaft in Transit, Gras dazwischen, DDR-Gemälde am Haus, der Kindergarten im alten, noch nicht restaurierten Gebäude der alten Pädagogischen Hochschule, schick die Bibliothek und in der Ferne grüßt der Agrarhandel und, näher, das Uni-Klinikum, dessen Farbe herabblättert wie böser Ausschlag. Am nächsten Tag zu Fuß zurück von der Uni in die Stadt, der die Uni vorgelagert scheint wie eine Idee, von der man noch nicht weißt, ob man sie weiterverfolgen soll. Im Schaufenster eines Trödelladens, der Humbug heißt, ein Plakat, das auf einen Vorwurf antwortet, den man nur ahnen kann: "Seid doch froh, das sich noch einige Firmen halten! Wenn es die nicht gibt, wo holt ihr das Geld für eure fetten Gehälter her?" Ratlos weitergegangen, zum Domplatz, dann, in der Kunsthalle mitten in der Stadt, Haus zum Roten Ochsen, eine Ausstellung, in der Bill Violas Pool im Wald, Hiroshi Sugimotos Meeresbilder, Chillida und John Cage aufs Unaussprechliche hinauslaufen sollen, mitten in Erfurt, junge Mütter auf dem Rathausplatz, die sich unterhalten, ich dann in die Rathauspassage, wo man mit Tokens Instantcafé aus dem Automaten holen kann. Dann zum Bahnhof, zurück nach Berlin.

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Montag, 9. Juni 2003
anxiety of influence

Vorschlag meines Wortergänzungsvorschlagsprogramms für "die", blau unterlegt: "derichsen". Wer spricht mich?

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Freitag, 6. Juni 2003
Angry Samoans

Was für ein Tag. Erfuhr heute von einem Freund, dass die Angry Samoans pünktlich zu Beginn des Filmfests in München ebenda auftreten werden. Nach kurzer Recherche stellt sich heraus, dass die Jungs um legendary "Metal Mike" zwei Tage zuvor im SO 36 spielen, für schlappe 10 € und drei bonuspunkkapellen dazu.

Die Samoans waren für mich nicht nur musikalisch stilbildend, nein, die Welt verdankt ihnen auch die denkwürdigsten Titel, die man sich für ne Punk Rock Combo ausdenken kann.

Teaser:

I´m a pig
I´m in love with your mom
You stupid asshole
my old man´s a fatso
gimme sopor
hot cars
homo-sexual
they saved hitler´s cock
stp not lsd

und last but not least:

i lost (my mind)

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Sonntag, 1. Juni 2003
heitere zeiten

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