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Mittwoch, 28. Mai 2003
amok
knoerer
10:02h
Alle Welt behauptet jetzt wieder, da Thalheimer den Film - wenig glücklich, wie es scheint - auf die Bühne gebracht hat, "Warum läuft Herr R. Amok?" sei ein Fassbinder-Film. Wenn man Peter Berling ("Die dreizehn Jahre des Rainer Werner Fassbinder", ein unglaubliches Buch) glauben darf, ist das nicht so, kaum jedenfalls. Ein Fengler-Projekt, das Fassbinder gehasst hat, so lange jedenfalls, bis es sich als höchst erfolgreich erwies. Etwas damit zu tun hatte er kaum, ließ die da mal machen. Aber 80 % Fengler, sagt Berling, der aus dem Auge des Fassbinder-Taifuns die tollsten Geschichten zu erzählen hat, die alle ziemlich wahrscheinlich wirken, gerade weil sie so unglaublich sind. Der Film ist übrigens großartig. ... Link
Francois Bondy gestorben
knoerer
09:53h
Vor fünfzehn Jahren, vielleicht, habe ich zuletzt seine Stimme gehört, heiser, und mit einem Akzent, den man nirgends hintun konnte, sanfte, leise Markierung von Weltläufigkeit. Im Radio zu später Stunde, es war das erste Mal, ganz gewiss, dass ich den Namen Cioran hörte (mit ihm war er befreundet) und viele andere Namen (Bulgakow erinnere ich und Sperper). Es war, ich weiß gar nicht, eine Kritikerrunde, Martin Ensslin berichtete aus England, andere, die ich vergessen habe, von anderswo. Ich weiß nicht mehr, welcher Sender, wie der Titel der Sendung, aber es waren, nun ja, Inititationen in nichts geringeres als Weltliteratur. Kein Wunder daher, dass ich nun, mich erinnernd, als Bild zum bildlosen Radio, die alte Stadtbibliothek, Tempel auch meiner Jugend, vor mir sehe, das Regal, die Stelle, an der Manès Sperbers "Wie eine Träne im Ozean" stand, ein Buch, an das ich mich damals nicht gewagt habe und seither nicht. Ich weiß nicht, ob ich Ansichten und Werte des zutiefst Alteuropäischen dieses Weltliteraturverständnisses heute noch teile, es ist mir auch egal. Das eine weiß ich: die Stimme von Francois Bondy werde ich nie vergessen. ... Link Dienstag, 27. Mai 2003
info-zentrale, finanzamt
knoerer
13:05h
Mit Menschen kann ich umgehen, mit Maschinen auch; mit Menschen, die sich wie Maschinen verhalten, nicht. Gesichter als Benutzeroberflächen, höchst userunfreundlich. Ich frage mich, abgeprallt an schmalster Lippe, welche Verheerungen des Gefühls dieser Job anrichtet. Oder ob da einfach jeden Morgen das Licht ausgeknipst wird und abends wieder an. Ob das überhaupt möglich ist. Und wenn ja: was für ein Leben. ... Link Montag, 26. Mai 2003
bleisatz
knoerer
17:44h
Das krumme Wort ist manchmal gerade das richtige, da jedenfalls, wo uns allen das passende fehlt. Mich rührt das. Eine Todesanzeige im Kölner Stadtanzeiger: Mit großer Betroffenheit erfüllt uns die Nachricht, dass unser Kollege und Mitarbeiter M.E. (genannt Manni) viel zu früh im Alter von knapp 47 Jahren von uns gegangen ist. Unser Manni war nie krank, er fehlte nie, uns fehlt er jetzt umso mehr. Als gelernter Bleisetzer hat er entgegen gängigen Vorurteilen zum Trotz alle rasanten technischen Veränderungen in unserem Beruf nicht nur souverän nachvollzogen, sondern auch hervorragende Leistungen darin erbracht. Seinen Mutterwitz und Humor hat er nie verloren. Aber diese menschlichen Qualitäten werden vom Schicksal nicht wahrgenommen. Mit einer tückischen Krankheit hat es sein Leben erbarmungslos beendet und wir müssen fassungslos das Geschehene hinnehmen. Wir sind alle so maßlos traurig und können es nicht verstehen. ... Link Mittwoch, 21. Mai 2003
eigenwerbung
knoerer
09:29h
speziell für die netcologne-Kunden unter den LeserInnen (erstaunliche Häufung unter den Referrern). Freitag, 23.5., Tagung OriginalKopie: Sektion Duplizieren 14.30 Kopie der Kopie oder Was heißt Parodieren? Remake Pastiche. Gus van Sants Psycho ... Link Samstag, 17. Mai 2003
Atheist? Allerdings!
knoerer
12:31h
Die Kerle, die man erfinden müsste, gäbe es sie nicht, weil sie so rundum verkörpern, was einem verhasst ist. George Steiner immer einer, der einem klar macht, warum Heidegger im Grunde seines Herzens - aus dem nun Steiner schöpft und schöpft - ein Gläubiger gewesen ist, der bei Gelegenheit Gott durch Kunst ersetzt hat. Der Gläubige nämlich liebt das Einfache und die ursprüngliche Verbindung: das, was dazwischentritt, Technik im Grunde, ist Abkehr vom Ursprung. Gott spricht nur im Direkten, in der Berührung: Meine Studenten haben mit der Hand Kapitel abgeschrieben von Thackeray und Eliot. Was man mit der Hand abgeschrieben hat, liebt und kennt man. Und ich bin nicht würdig, oder bestenfalls: die Füße zu küssen, dem Herrn, der die Kunst ist. Selbsterhebung durch Demut, vertrauteste Übung christlicher Unterwerfungsgesten: Seit meiner Jugend sage ich mir dreimal am Tag, mein Lieber, du bist ein Postino, du trägst die Post, das ist sehr wichtig. Du hast das ungeheuere Glück, die Briefe zu bekommen, und versuchst, sie in den richtigen Postkasten einzuwerfen. Aber du hast sie nicht geschrieben. Das kommt von Puschkin, der sagt: „Danke an meine Übersetzer, danke an die Kritiker, aber ich habe den Brief geschrieben.“ Und da ich das weiß und da ich weiß, dass es Lichtjahre Distanz gibt zwischen dem Schaffenden und den Leuten, die ihn kommentieren, wird mir die Universität nie verzeihen. Das ist das große Tabu: Diese Bonzen nehmen sich so ernst, so ernst und vergessen, dass wir Flöhe sind im Pelz der Löwen. Die Urchristen in den Katakomben Roms. So schön war's nie wieder. Ich habe einige Seminare gehalten an der Humboldt Universität in den Tagen vor dem Umsturz der Mauer. Im Seminar-Saal saß die Stasi. Die Menschen waren unter einem furchtbaren Druck, aber sie wussten, dass es um das Prinzipielle geht. Es war erniedrigend und aufregend. Mit diesen Menschen einen großen Text zu lesen war lebensgefährlich und lebenströstend. Kapitalismukritik kommt dann, siehe Rom, immer von ganz weit rechts. Was geknechtet wird, ist der Geist, der doch das wahre Wahre ist. Kapitalismus ist nicht verwerflich, weil er unerträgliche Bedingungen des Lebens schafft, im Wohlstand und außerhalb, sondern weil das Geld der Entwerter der wahrhaft großen Werte ist: Shakespeare & Co. Heute herrscht die Bürokratie des Geldes über jede geistige Leistung. Endzeitstimmung, die Apokalypse naht. Weder Sie noch ich noch irgendjemand glaubt um drei Uhr früh, wenn man bei sich ist und die Wahrheit sagt, dass es noch einen Shakespeare, einen Mozart, einen Beethoven, einen Michelangelo geben wird. Aber es muss IHN doch geben. Wo kämen wir hin ohne IHN? Die Wette, die Pascalsche Wette meines ganzen Lebens, dass es doch eine Beziehung zwischen Sprache und Welt geben muss, obzwar eine komplizierte, verwickelte, indirekte, alles was Sie wollen – aber ohne dies triebe man einfach Unsinn. Das kennen wir auch vertont. Es naht der ökumenische Kirchentag: Meine Bücher versuchen Danke zu sagen. Danke an die Meister, danke an die großen Künstler, die das Wunder des Traums für uns alle geschaffen haben. Da kann man nur kurz und bündig sagen: "Atheist? Allerdings!" Zitate aus der der SZ vom 17.5.
... Link Donnerstag, 15. Mai 2003
borderline
knoerer
13:24h
Zuza ist Journalistin polnischer Herkunft in New York, ich habe sie vor zwei Jahren auf einer Party kennengelernt. Sie war rothaarig, laut und herzlich, ihr Freund ein schüchterner Schwarzer so Mitte zwanzig, Brille, Haare ganz kurz rasiert. Er sah mir nie direkt in die Augen, schielte schelmisch immer ein wenig an mir vorbei. Er hatte was Teddybärenhaftes, langsame Bewegungen, herzliches Lächeln, aber eben immer dieser Blick, der etwas zu suchen schien, irgendwo hinter mir. Das Wunderkind, nannten sie ihn, hinter seinem Rücken. Jason, erfuhr ich, ist Reporter bei der New York Times, so was wie deren kommender Mann. Sieht gar nicht so aus, dachte ich, er sprach nicht viel, ich sah ihn nur dieses eine Mal, mit Zuza habe ich aber Kontakt gehalten, auch nach meiner Rückkehr nach Berlin. Vor ein paar Tagen dann platzte die Bombe, riesiger Fälschungsskandal in der New York Times, und als ich die Fotos sah, erinnerte ich mich sofort: das war Jason, dasselbe Lächeln, derselbe Blick. In hunderten von Artikeln hat er Interviews erfunden, Aussagen erschwindelt und Reportagen geschrieben von Orten, die er nie besucht hat. Es wäre natürlich taktvoll gewesen, erst mal gar nicht zu reagieren, aber die Neugier hat gesiegt. Ich habe Zuza eine E-Mail geschickt, in der ich nur schrieb, dass ich das alles gar nicht glauben kann. Drei, vier Zeilen, Bekundung der Solidarität. Sie schrieb, ich war verblüfft, sofort zurück. Jason liege im Krankenhaus, habe einen Nervenzusammenbruch erlitten. Sie habe von nichts gewusst, wirklich nicht, nicht die leiseste Ahnung gehabt. Sie habe die meisten seiner Artikel gelesen, bevor sie in der Zeitung erschienen sind. In seinem kleinen Safe aber habe sie am Morgen einen fertigen Artikel gefunden, zehn Seiten eng bedruckt, in dem er erzählt, wie er's angestellt hat. Dass man nur Fotos ganz genau beschreiben müsse, ins kleinste Detail und alle denken, man war da, und dass es doch keine Kunst sei von Leuten so zu schreiben, dass die Leser glauben, sie vor sich zu sehen. Dialoge habe er fast niemals erfunden, er sei ganz schlecht im Schreiben von Dialogen, also habe er sie immer aus anderen Artikeln geklaut. Einmal, als er seinen Artikel über die Mutter des kranken Soldaten nochmal las, habe er weinen müssen. Ein toller Artikel, das finde er heute noch, auch wenn es die Frau nicht gab und viele Zitate aus einem Reader's-Digest-Interview mit einer Mutter stammten, deren Sohn an Aids gestorben war. Zuza schrieb, sie werde Jason nicht im Krankenhaus besuchen. Sie komme sich vor wie eine Ehefrau, die von einem zweiten Leben ihres Ehemanns als Serienkiller erfährt. Oder als Spion für die Russen. Jasons Russe war die Lüge, schrieb sie. Hätte sie von seinem krankhaften Ehrgeiz nicht was merken müssen? Sie war so stolz auf ihn. Den Artikel aus dem Safe habe sie verbrannt. Ich solle niemandem davon erzählen. ... Link ... Nächste Seite
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morgigen FAZ: Zum Artikel "Hans Imhoff - Meister über die...
by knoerer (17.02.09, 19:11)
live forever The loving God
who lavished such gifts on this faithful artist now takes...
by knoerer (05.02.09, 07:39)
gottesprogramm "und der Zauber seiner
eleganten Sprache, die noch die vulgärsten Einzelheiten leiblicher Existenz mit...
by knoerer (28.01.09, 11:57)
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