Samstag, 13. April 2002
verhoeven

Der immer wieder großartige Paul Verhoeven (Starship Troopers!) hat ein sehr lesenswertes Interview gegeben, nachzulesen bei Aint-it-Cool-News, hier ein paar Auszüge:

"Do you deliberately intend to shock with extreme violence in your films?

I like showing things as they are. I don't avoid anything.

But you do it because you can...

It's not really a motivation or anything. Well, maybe it IS a motivation when a movie doesn't turn out the way I want it to. I really wanted to make something more out of HOLLOW MAN, really delve into Sebastians character on a psychological level, but the story wouldn't allow it. So if it HAS to be a mainstream-slasher, I like to hit my audience as hard as I can; I mean, I have to take some pleasure in it as well, don't I?"

(...)

So is it just a coincidence that Paul Verhoeven made four great scifi-films?

Yes, because frankly I’m not a sciencefiction-fan at all! To tell you the truth, I hate sciencefiction! The ROBOCOP-script was actually in my garbage-can when my wife persuaded me to take another look at it. It was only when I recognized certain elements that reminded me of TOM POES IN THE LAND OF THE TIN MEN, one of my favorite comic books, that I started to see some fun in the script and the film. "

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heidegger


Ich halte ja, unumwunden gesagt, Heidegger für echten Blödsinn, die Folgen an Kulturkonservatismus und Pseudo-Tiefsinn, die er gezeitigt hat (von George Steiner noch bis hin zu poststrukturalistischen Relektüren) für reichlich verhängnisvoll. Nichts dahinter als die alte Suche nach einem Dahinter. Metaphysik kann mir gestohlen bleiben, à la Heidegger erst recht. Dennoch aber habe ich das schmale Vorlesungsbändchen "Was heißt Denken?" mit einiger Faszination gelesen. Inhaltlich ist das ein staunenswert gläubiger Versuch, an Nietzsche anzuschließen, diesen (insbesondere und ausgerechnet den wahnsinnigen Zarathustra) auszulegen, als wäre er ein heiliger Text und dann so mir nichts dir nichts einen Heidegger daraus zu machen (und über Verblendungszusammenhänge nachzudenken, die natürlich existenzielle sind, die es unter Anleitung Heideggers zu überwinden gilt).

Das ist alles erfreulich durchschaubar und philosophisch, wenn man mich fragt, alles andere als satisfaktionsfähig. A B E R: Diese Sprache!!! Natürlich, das wissen wir ja alle, ist Heidegger oft unfreiwillig komisch, das raunt und bedeutungshubert, dass es nicht zum Aushalten ist. Hier aber bekommt das recht rasch eine eigene Qualität, nähert sich oft einer Art konkreter Sprachpoesie. Ich habe an Thomas Bernhard gedacht oder Jelinek oder Franzobel (warum eigentlich alles Österreicher?), wenn da so ein pseudo-bedeutungsvoller Nonsens steht wie: "Der Wille ist so ein Vorstellen, das allem, was geht und steht und kommt, im Grunde nachstellt, um es in seinem Stand herabzusetzen und schließlich zu zersetzen." oder: "gezogen in das Sichentziehende, auf dem Zug in dieses und somit zeigend in den Entzug, ist der Mensch allererst Mensch." oder: "Wie steht es mit "der" Zeit? Es steht so mit ihr, daß sie geht. Und sie geht, indem sie vergeht. Das Gehen der Zeit ist freilich ein Kommen, aber ein Kommen, das geht, indem es vergeht. Das Kommende der Zeit kommt nie, um zu bleiben, sondern um zu gehen." Das ist doch richtig klasse. Übrigens ist es auch so, dass ein Zug drin ist in diesem Text, der die Lektüre richtig spannend macht, so eine Art Sprachroman, eine Logik, die sich ganz aus dem "Spielen" mit den Worten heraus entwickelt. Alles, was Heidegger meint, wäre, umformuliert, banal oder gräßlich selbstgefällig oder immer wieder auch Nonsens, aber so wie es da steht, als Sprache, die sich in sich selbst wickelt und mit sich selbst spricht und in kleinen semantischen Ab- und Ausweichmanövern sich hierhin und dorthin bewegt, also ich kann mir nicht helfen: das hat dann oft beträchtliche literarische Qualitäten.

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Freitag, 12. April 2002
Gelesen: Peter Stamm: Agnes

Das Debüt des mit seinem letzten Roman "Ungefähre Landschaft" viel gelobten Schweizer Autors. Eine Liebesgeschichte in Chicago, Stamm versucht, diese Liebe und den Versuch des Ich-Erzählers, eine Geschichte über diese Liebe zu schreiben (die wiederum Einfluss auf die Liebe nimmt), ineinander zu verstricken. Das klingt komplizierter als es sich liest: jedoch kommt's einem auf halbem Wege stecken geblieben vor. Wie das überhaupt insgesamt nett ist, an allen Peinlichkeiten vorbeisegelt, aber so recht engagiert hat mich an dem Büchlein nichts, der melancholische Grundton nicht und auch der Held so wenig wie die ein wenig zu wenig (oder zu viel, je nachdem, aber eben auch wieder nur so halb) mysteriöse Agnes.

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straßenkritik


Ein Aufruf: Im Mai werde ich beim sehr geschätzten Berliner Kulturmagazin satt.org eine tägliche Kolumne bestreiten, und zwar - um mal hier rauszukommen aus der Wohnung und weg vom Computer - als Straßenkritiker: 31 Berliner Straßen (von A bis Z) werden, auch per Digitalkamera, unter die Lupe genommen und auf die von ihnen gebotene Lebensqualität untersucht. Ich suche kuriose, spannende, kurvenreiche, lange, kurze, stinklangweilige, gefährliche, kaum befahrene, versteckte Durchgangsstraßen, Sackgassen, Seiten-, Haupt- und Sonderwege. Alle Vorschläge, Zu- und Abrat sind hochwillkommen!

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Donnerstag, 11. April 2002
lob & dank


Detlef Kuhlbrodt, mit dem wir kürzlich noch über billige und teure Kohlen nachdachten, war weit, weit weg, in Thailand nämlich und so, wie er über seine Reise schreibt und seinen Aufenthalt dort (in der Jungle World wieder), so sollte viel öfter geschrieben werden über Reisen und Aufenthalte in der Fremde: mit einem leicht erstaunten, neugierigen, freundlichen Blick. Hier zwei schöne Passagen, aber der ganze Text ist, das verspreche ich, sehr schön und natürlich müssen Sie, werte Leser, sowieso dahin klicken, also könnte ich mir die Auszüge sparen. Falls Sie das aber nicht glauben, dann lesen Sie sie eben und klicken dann!

Einmal probierte ich in einem Kaufhaus zum Beispiel mehrere Hemden aus, bis ich eines hatte, das perfekt war. Als ich es kaufen wollte, merkte ich, dass ich zu wenig Geld dabei hatte; die Travellerschecks waren im Safe des Hotels, und eine Kreditkarte besitze ich nicht, was mir die Verkäuferin nicht so recht glaubte. Das entwertete unser freundliches Gespräch. Ähnlich hatte ich das Gespräch mit einer sympathischen Prostituierten entwertet, als ich sie nach unserer Unterhaltung nicht ins Hotel mitgenommen hatte. Die Scham darüber, kein Sextourist zu sein, war mir aber auch ein bisschen peinlich.

und

Das Atlanta, das 1958 als achtes Hotel der Stadt eröffnete und als erstes einen Swimmingpool hatte, macht ein bisschen nostalgisch. Im angestaubten Foyer mit seinem großartigen Aufgang, hat man das Gefühl, in einem alten Film zu sein. Die 70 Zimmer werden gar nicht oder nur ganz behutsam renoviert. Neben der Eingangstür des Atlanta-Hotels hingen mehrere Metallschilder in verschiedenen Sprachen: »Folgende Leute sind hier als Gäste nicht erwünscht: 1. Leute, die sich nicht zu benehmen wissen; 2. ungepflegte und schmutzig gekleidete Personen; 3. Leute mit ungehörigem oder agressivem Verhalten; 4. Rowdies; 5. Raufbolde, Trunkenbolde und Drogensüchtige; 6. andere dubiose Charaktere.«

Und hinzuweisen gilt es auf Thierry Chervels Betrachtungen zum zweijährigen Bestehen des Perlentauchers - etwas genierlich ist es mir als fast von Anfang an Beteiligtem, Anja und Thierry und das ganze Projekt zu loben und zu preisen, aber es muss doch mal gesagt sein: das Leben im Netz wäre nicht dasselbe ohne Eure wunderbare Idee und Eure Ausdauer.

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Gelesen: John Updike: Gertrude and Claudius

Geradezu tollkühn ist das Wagnis dieses Buchs: John Updike schreibt nichts Geringeres als die apokryphe Vorgeschichte zu Shakespeares "Hamlet". Nicht als postmodernes Pastiche à la Tom Stoppard, der in "Rosenkranz and Guildenstern are dead" eine komische Groteske zwischen die Zeilen des kanonischen Texts schmuggelt, sondern als eigenständigen historischen Roman: die Geschichte eines Ehebruchs zwischen einer Königin und dem Bruder ihres Ehemanns. Der Ehebruch ist nun Updikes Lieblingsthema und wie er die langsame, zwischendurch noch einmal um ein ganzes Jahrzehnt verschobene, Annäherung zwischen Gertrude und Claudius schildert, das ist subtil und voller Liebe zum Detail wie zur Schaffung eines ganz eigenen sprachlichen Kosmos, der, natürlich, nicht Mimikry ans Historische ist, aber doch einen leicht pompösen, zugleich aber nie oberflächlichen, Eigensinn besitzt. Gertrude und Claudius werden mit außerordentlicher Sympathie gezeichnet, schwach vielleicht, aber ohne bösen Willen, der Mord an Hamlets Vater ist eine Art Notwehr (und das ganze im übrigen auch ein Kriminalroman), es geht, im Grunde, um nichts anderes als den Wunsch, den widrigen politischen Verhältnissen, in die man hineingeraten ist, ein wenig persönliches Glück abzuringen. Hamlet selbst kommt kaum vor, erst ganz am Ende, wenn Updike seine Geschichte, mit einem geradezu ironischen Verhältnis zum Tragischen (das so als abwendbares, aber umso traurigeres Unglück gedeutet wird) ins bekannte Drama hineingleiten lässt: die letzten Worte des Buches, bevor Hamlet die Szene betritt, bevor die Tragödie ihren Lauf nehmen wird, lauten: "All would be well."

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Mittwoch, 10. April 2002
wiener notizen


Kaum mehr als einen Steinwurf entfernt von der Pension Franz, an deren Wänden großformatige Ölschinken die Blicke zugleich anziehen und beleidigen, an Wänden, die pappedünn sind, domzilierte der Herr Dr. Freud und las der besseren Wiener Gesellschaft aus dem Unbewussten. Ein vergleichbarer Steinwurf in die andere Richtung trifft die Votivkirche, die entgegen dem ersten Anschein kaum älter ist als Freuds architektonischer Entwurf, ein neogotisches Frühwerk des Tausendsassas Heinrich Ferstel, der als wichtigster Vertreter eines so pompösen wie leeren Historismus nächst Karl Lueger - Dr. Karl Lueger -, dem Bürgermeister vom Jahrhundertanfang, leider ein Antisemit, das Erscheinungsbild der Stadt seit dem 19. Jahrhundert am meisten geprägt hat. Was man im Barock an Prachtentfaltung versäumt hatte, holten k.u.k. Ferstel & Co, zur Renaissance wie zum Neogotischen imstande, gerne nach. Auf kleinen Tafeln in der Votivkirche dankt man, aber gefordert wird auch: Bitte Herr, hilf weiter! Mit gutem Grund freilich, denn Erzherzog Maximilian, der die Kirche erbauen ließ, als Dank für das Misslingen eines Attentats auf den Kaiser, erlebte ihre Fertigstellung längst nicht mehr. Die Idee, ihn 1864 als Kaiser nach Mexiko zu schicken, war keine, die der Herr zu unterstützen gewillt war, das Abenteuer endete drei Jahre später mit Maximilians standesrechtlicher Erschießung. Vor der Votivkirche befindet sich der Sigmund-Freud-Park. Er ist äußerst reizlos.
[Votivkirche]

Keineswegs sind Stillleben für den, der die erzählende Malerei mag, allen Reizes bar. Im Gegenteil. Vom stillgstellten Leben, der toten Natur, geht der Reiz aus, Vorgeschichten und Nachgeschichten zu erzählen. Auf immer schwebt, im Bild, das Hackebeil über dem Kopf des Tieres und tausenfach ist es in der Fantasie der Betrachter niedergesaust. Intrikat verhandelt das Stillleben in all seinen Variationen nichts anderes als die Frage nach Leben und Tod, der Anwesenheit des Todes im Leben: am offensichtlichsten im Vanitas-Subgenre, wo Eintagsfliegen und Totenschädel dem Betrachter ihr memento mori in aller Seelenruhe zurufen. Vertrackter, wenn die Fülle, der überquellende Tisch, mit Bibelszenen in dahintergelegten Bildausschnitten kommentiert oder in nicht immer lösliche Beziehung gesetzt werden. Die Fülle selbst verweist in ihrer sinnlichen Scheinewigkeit und -unvergänglichkeit paradox erst recht aufs Vergängliche. Der einzige Trost, den die flämischen Meister zu bieten haben, ist der des vollendeten Könnens, das sich in ihren Bildern ausstellt.
[Das flämische Stilleben]

Der gute Wille ist nicht nur blind, er macht auch die schärfste Theorie noch stumpf. Wem der Moralismus zum Ausgangspunkt des Denkens und Urteilens wird, der ist nicht nur ein elender Ästhetiker, sein Wünschen verstellt ihm den Blick auf die Qualitäten des Nicht-Moralischen, auf die Wahrheit, die im Unerwünschten liegen kann. Die Kunst wird einem wie Roger Bromley (und den tutti quanti, die auf die Kunst nicht anders schauen können als mit politischem Blick), am Beispiel von Michael Hanekes Code Inconnu, von Salgados Elendsbildern, zum Ort, an dem sich Vorschläge zur Verbesserung des Menschengeschlechts einfinden sollen. Ein Glück nur, dass das Widerständige der Werke, die was taugen, auch über diese Zumutung nur müde lächeln kann.
[Tagung Narrationen im medialen Wandel]

Alexander Kluge - Adornos Assistent und vielleicht sein würdigster Nachfolger - ist ein Aufklärer, der seine ganze Hoffnung auf eine bessere Zukunft in die Unmöglichkeit der Durchrationalisierung des Menschen setzt. Der Eigensinn, das Partikuläre, Ungefüge des Individuums verhilft ihm zur negativen Utopie, dass die blendendste Ideologie an diesem letzten humanen Ende scheitern wird. Alle Globalisierung - darum ging es im Gespräch im Wiener Volkstheater - findet in den bewusst oder unbewusst widerstrebigen Einzelnen ihren Widerstandspunkt, in einer Verweigerung, hinter der nicht einmal eine obstruktive Absicht stehen muss. Der Fehllauf der Befehle als das Humanum der Systeme. Zugleich ein Bild vom Menschen, auf das sich ein großer Plan zur Verbesserung der Verhältnisse nie berufen kann: auch jede Utopie der Gerechtigkeit findet in diesem Menschen einen unzuverlässigen Bundesgenossen.
[Alexander Kluge im Volkstheater Wien]

Eine elegante Nichtigkeit, im Akademietheater Bondys Inszenierung von Yasmina Rezas "Dreimal leben". Verknüpft, wenngleich nicht allzu schlüssig, werden berufliche und Erziehungsprobleme. In den Wahnsinn treiben sich, wenngleich im Rahmen des Boulevardesken, zwei Ehepaare. Verhandelt werden, wenngleich ohne tiefere Einsichten oder Konsequenzen, Ehrgeiz und Arschkriecherei. Es vergehen schnell, wenngleich nicht allzu schnell, knapp zwei Stunden ohne alle Nebenwirkungen.
[Dreimal leben im Akademietheater]

Neben die Stirn an Stirn geklotzten alten Museen (das Kunsthistorische mit einer großartigen Sammlung alter Meister: allein der Vermeer ist den Eintritt wert; das Naturhistorische gegenüber) hat man, hinterm leicht verschämten Apricot einer Barockfront, zwei autistische Höckertiere platziert: einen geungerten hellen Klotz zur Linken, der im Innern mit Lichthof und Durchbrüchen mit angenehmen Lichtverhältnissen überrascht, und zur Rechten ein geschupptes dunkles Wesen nicht ohne Reiz, das mit der Außenwelt nur über schießschartenartige Risse in der Außenhaut zu kommunizieren scheint. Vermittelnd dazwischen ein weiterer Barockriegel. Im Leopoldmuseum zur Linken hat man neuere Österreicher auf fünf Stockwerke verteilt, die öffentlich gemachte Sammlung von Rudolf Leopold, der das alles auch noch selbst kuratiert hat. Das Ergebnis ist katastrophal. Ein hoffnungsloses Durcheinander, in dem Zweitklassiges mit Drittklassigem konkurriert. Die Lichtblicke, von zwei Räumen mit zum Teil exzellenten Schieles abgesehen, sind zu selten, als dass sie den Zorn über all das hirnlose Gepinsel besänftigen könnten.
[Museumsquartier Wien]

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