Dienstag, 2. April 2002
urlaub

So, und jetzt geht es in den Urlaub, eine Woche Wien und also Funkstille hier - falls, ja falls mir nicht das eine oder andere Internet-Café über den Weg läuft.

Zwei Hinweise für die Zeit der Abwesenheit. Am 8.4. gibt's im ZDF um 23 Uhr 55 meinen liebsten deutschen Film der letzten Jahre (hier schon erwähnt): "Mein langsames Leben" von Angela Schanelec. Noch besser (für alle in Berlin Lebenden): am 10.4. zeigt das Arsenal die letzten beiden Filme von Schanelec (Plätze und Städte und Mein langsames Leben), in Anwesenheit der Regisseurin.

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posh harry

Eine von der Moderne (mit fadenscheinigen erkenntnistheoretischen Gründe), und damit aus der "Hochkultur" weitgehend verabschiedete, aber große Kunst ist die der pointierten Personencharakterisierung: ein Absatz und alles, was man über eine Figur wissen muss, ist gesagt. Fürs erste: darauf wird dann aufgebaut. Einer ihrer großen Meister ist Ross Thomas gewesen (den muss man lesen, da kann man alle Nobelpreisträger in spe erst mal links liegen lassen), aber auch Len Deighton, der ohnehin nicht ganz unähnliche Sachen schreibt (und von Thomas sehr geschätzt wurde), ist alles andere als schlecht darin (und der letzte Satz ist einfach wunderbar):

I sat back in my seat an stole a glance at Posh Harry. I'd heard that he'd taken a permanent job with the CIA. Some said he'd never been anything but their paid mouthpiece, but I doubted that. I'd known him a long time. I'd watched him scratching a living in that shady world where secret information is bought and sold like gilts and pork bellies. He'd always been something of an enigma, an Hawaiian who'd taken to Europe in a way few strangers ever do. Posh Harry's mastery of the German language - grammar, pronunciation and idiom - belied the rather casual, relaxed demeanour he liked to display. Adult foreigners who will devote enough time and energy to acquire German like this have to be dedicated, demented or Dutch."

[Spy Hook, 171; das Buch als ganzes ist einer der relaxtesten Spionageromane, die ich kenne - dazu voller Welt und interessanter Figuren]

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lobo antunes

Christian Köllerer, dessen elitärer Hochmut mir ja fast sympathisch wäre, käme er nicht zugleich so super-ignorant daher (sich nur über das äußern, was man für Hochkultur hält: ok; aber über Dinge lästern, von denen man erst gar keine Ahnung haben will: nee), ist der Ansicht, dass Antonio Lobo Antunes unbedingt zu lesen sei. Es handelt sich, meint er, da um "innovatives, bildmächtiges, dichtes Erzählen". Ich, der ich mich etwa zur Hälfte durch Antunes' "Anweisungen an die Krokodile" gequält habe (dann wurde das zugeklappt, für immer), kann dagegen nur warnen: ein Wortgeröll, dem es an Struktur und Originalität mangelt, nicht aber an selbstverliebter Geschwätzigkeit (schlimmer fand ich zuletzt nur Denis Johnsons "Schon tot"), das sich ewig im Kreis dreht, ohne dabei irgend einer Erkenntnis nahe zu kommen oder auch nur einer dichten Beschreibung von Atmosphären oder Verhältnissen, das ins Gewand "modernen" Erzählens gekleidet ist, dabei aber absolut berechenbar, repetitiv und mechanisch funktioniert (ob das Absicht ist oder nicht, ist dabei herzlich egal: es ermüdet in jedem Fall ungemein): das kann ich, wie gesagt, ganz entschieden nicht empfehlen.

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tamerlano

Barockoper ist etwas Herrliches. Herausgeboren aus einer rhetorischen Kultur, der es nicht um Herzensaussprache und Gefühlskidnapping geht (ok, ok, nichts gegen Gefühlskidnapping von Zeit zu Zeit), sondern um die totale Schicksalsvergessenheit der Figuren in endlosen, virtuosen Koloraturen. Die Heiterkeit, die aus jeder Note spricht, noch in Moll und in den tragischsten Momenten, eine Heiterkeit, die natürlich alles umfasst: auch Trauer und Angst und Bösartigkeit. Die Oper als Ort der Künstlichkeit (das beginnt, selbstverständlich, schon mit den Stimmfächern) und nicht der wahren Empfindung (die, in der romantischen Oper, natürlich auch nur eine der überwältigungsästhetisch hochgerüsteten Rhetorik des Leidenschaftlichen ist), der Virtuosität, die der Rezeption genügend Reaktionsspielräume lässt. Herrlich, wie gesagt, auch (und gerade, eigentlich könnte es immer so weiter gehen) über vier Stunden: Tamerlano von Händel, in der Komischen Oper, Berlin.

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lies dath

In seiner Mischung aus manisch-obsessiver Belesenheit, der offensichtlichen Unfähigkeit, mit dem Denken und Weiterlesen und Argumentieren mal aufzuhören (z.B. auf der Leserbrief-Seite), war schon zu Spex-Chefredakteurs-Zeiten Dietmar Dath ein ganz Großer. Dass er nun bei der FAZ gelandet ist, war ihm nicht in der Wiege gesungen, hat sich nur Schirrmachers naturwissenschaftlicher Kehre zu verdanken - und ist doch eine wunderbare Sache: jetzt schreibt er zwar lange Artikel, die so aussehen (auf den oberflächlichen Blick), als würde in ihnen so ein paar Regeln journalistischen Schreibens gehorcht. Das täuscht aber, denn es handelt sich stets um wilde Ritte durch Daths persönlichen Obsessions-Parcours. Heute in der FAZ (schnell klicken, morgen, wie üblich, schon wieder ins Daten-Nirvana, bzw. ins kostenpflichtige Archiv davongerauscht) etwas, das sich mit dem Informations-Begriff beschäftigt, bei Buffy anfängt (und, sieh an, sogar wieder endet), dann aber interessante Umwege nimmt, von denen am göttlichsten der über Philip K. Dick und sein "Informationserlebnis" ist. Sehr ans Herz zu legen allen, die ein Faible für pikante Mischungen von Irresein und Genie haben, ist und bleibt der im Artikel vorgestellte Roman "Valis", meiner bescheidenen Meinung nach eines der Großwerke des letzten Jahrhunderts.

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Montag, 1. April 2002
de mortuis...

Bösartiger kann man der ZEIT-Gräfin ja kaum gedenken, würde ich sagen, als in diesem posthumen Kamingespräch (noch dazu im von ihr, so weit man hörte, doch wenig geliebten Leben-Ressort). Felix, das nur zur Erläuterung, ist der Dackel.

Glaubst du eigentlich an Schicksal?

Ja, sicher.

Auch so eine Art Vorbestimmung?

Na ja, also das weiß ich nicht. Das ist wohl ein Zusammenweben von Schicksal und eigenem Tun. Ich glaube schon, dass man viel selber dazu tun muss. (Felix steht auf und baut sich vor Marion auf. Die beiden sehen sich an) Ja, ja, du tust auch sehr viel. (Felix gibt einen lauten Ton von sich) Er ist außergewöhnlich intelligent. Seit Jahren versucht er, die Menschensprache zu erlernen. Er kann schon viel verstehen, aber es reicht ihm noch nicht. (Marion sieht ihn mitleidig an) Ja, ich weiß, es ist ein Jammer, dass du kein Mensch geworden bist.

Und dann gibt es noch ganz unvergängliche Theo-Sommer-Prosa (jetzt wissen wir wieder, was uns bei diesen Ross und Naumann und Joffe immer schon gerade noch gefehlt hat):

Dann der letzte Abschied, eine Rose, ein Buchsbaumzweig, eine Hand voll Erde auf den Sarg. Erschüttert Henry Kissinger. Gramgebeugt Helmut Schmidt, schwer auf seinen Stock gestützt. Tief bewegt Richard von Weizsäcker. Die vielen Kinder: traurig und gefasst. Verwirrt schnupperte Felix, der Rauhaardackel der Gräfin, am Grabesrand.

Und doch: Es lag ein Hauch von heiterer Gelöstheit über der Szene. Die Zweige über dem Grab wiegten sich leise in der warmen Sonne. Alle, die rund um das Gras die Bucheckern in den Moosteppich traten, wussten: Ein großes Leben, mit Anstand und Tapferkeit gelebt in der Bruchzone des schrecklichen 20. Jahrhunderts, hatte sich erfüllt. Zugleich wussten sie, was Rudolf Augstein der toten Marion Dönhoff nachrief: »Wir werden ihresgleichen nicht mehr sehen!«

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she she pop

Wo bei Rene Pollesch die Diskurse Amok laufen und eher nur wie zufällig an Ichs und (scheinbare) Individuen andocken, durch die die Wörter und Emotionen durchlaufen, ja: durchschießen, ohne irgend psychologisch oder individualbiografisch verankert zu sein, da bleiben "She She Pop" (gleichfalls: Gießener Diskurstheaterschule) dem Privaten verpflichtet. Das heißt, zum einen: man kann sich wiederfinden, wiedererkennen, in den Verzweiflungen am Zuhause, die hier vorgeführt werden, von Kühlschrankinhalten über Bücherregale und handelsübliche Lebenskrisen, Sinnsehnsüchte. Zum anderen: alles irgendwie recht belanglos hier. Statt Hysterie Geplätscher. Pointen wie zufällig in der Gegend rumstehende Möbel. Bemüht das Homestory-Reportage-Privatsender-Setting. Die eine oder andere Performance, die herausfällt, sonst aber: schwer zu entscheiden zwischen gewolltem und ungewolltem Dilettantismus. Bewusst gewiss die ästhetische Entscheidung, auf dem Dazwischen zu siedeln. Aber irgendwo dazwischen fühlt sich auch der Rezipient. Dieser hier jedenfalls.
(noch fünfmal im Prater)

Apropos Volksbühne:

PRATER: DIE SYNTHETISCHE STADT
Bert Neumann, Chefbühnenbildner der Volksbühne, plant eine synthetische Stadt. Sie soll im Herbst einen multiplen Raum für Film- und Theaterinszenierungen von Frank Castorf und René Pollesch ergeben, eine Stadt, die sich von der Hinterbühne über den Zuschauerraum bis zum ersten Rang erstrecken und das ganze Grosse Haus ausfüllen soll. Im neueröffneten Prater-Stadtarchitekturbüro können ab sofort Vorschläge zur Erfindung der Stadt (Fotos von Häusern und Stadtlandschaften aus Berlin oder Shanghai, von Orten in der Stadt, wie dem Lieblingswaschsalon, dem schönsten China-Imbiss oder dem besten russischen Spätverkauf) abgegeben und diskutiert werden. Kontakt 24065-816 oder Fotos schicken an: Prater der Volksbühne, Kennwort STADT, Kastanienallee 7-9, 10435 Berlin oder per mail an: bert.neumann@volksbuehne-berlin.de.

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