Freitag, 8. Juli 2005
koinzidenz

Im Zug von Konstanz nach Berlin am Dienstag. Ich lese in Agambens "Profanierungen", unter anderem diese schöne Passage auf Seite 18f.:

Sie kennen sicherlich die berühmte Daguerrotypie vom Boulevard du Temple, die als die erste Fotografie betrachtet wird, auf der eine menschliche Gestalt zu sehen ist. Die Silberplatte stellt den Boulevard du Temple dar, so wie ihn Daguerre vom Fenster seines Arbeitszimmers aus zur Stoßzeit fotografiert hat. Der Boulevard muß voller Menschen und Kutschen gewesen sein, und trotzdem sieht man, da die damaligen Apparaturen eine extrem lange Belichtungszeit erforderten, von dieser ganzen Masse in Bewegung absolut nichts. Nichts - außer einer kleinen Gestalt auf dem Trottoir linksunten auf dem Foto. Es handelt sich um einen Mann, der sich die Stiefel putzen ließ und deshalb ziemlich lange unbewegt blieb, das Bein leicht gehoben, um den Fuß auf das Bänkchen des Schuhputzers zu stellen.

Das geht noch ein bisschen, philosophischer, weiter, zum Zusammenhang von Jüngstem Gericht, Fotografie und Gebärde. Ich habe dann, nur ein paar Minuten später, aufgehört mit Agamben-Lesen (zwiespältig, sehr zwiespältig, wie immer) und weitergelesen in Jeffrey Eugenides' "Middlesex" (dazu ein andermal dann mehr), wo ich auf jene schöne Passage auf S. 179f. gestoßen bin:

As they head toward Belle Isle he delivers a disquisition on the history of photography, how Nicéphore Niepce invented it, and how Daguerre got all the credit. He describes the first photograph ever taken of a human being, a Paris street scene done with an exposure so long that none of the fast-moving pedestrians showed up except for a lone figure who had stopped to get his shoes shined.

Das geht noch ein bisschen, pornografischer, weiter, mit Bildern von jungen Frauen und Autos und einem fiktiven Fotografen namens Plantagenet. (Plantagenet ist übrigens auch der Name einer Firma, die historisch akkurate Schuhe herstellt. Vermutlich wäre es ein Leichtes, sie um das Replikat eines Schuhs aus dem Jahr 1838 zu bitten, den einer, der ihn sich auf dem Boulevard du Temple putzen lassen würde, vielleicht getragen hätte.)

Hier ist das Foto, das ich übrigens noch nicht kannte:

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anfälle fröhlicher hysterie

Maybrit Illners Anfälle fröhlicher Hysterie. Das Irritierendste daran: dass sie irgendwie echt wirken. Ich erschrecke aber jedesmal und stelle mir vor, dass sie mit zunehmendem Alter sozusagen nur noch von Anfall zu Anfall fällt. Der Zwillings-Gedanke dann immer, dass ich Maybrit Illner eigentlich angenehm finde. Und eigentlich auch nicht.

Lange vergessen gehabt, dass ich früher, vor fünfundzwanzig Jahren oder so, immer meiner Mutter den Faden in die Nadel fädeln musste, weil sie damals noch keine Brille brauchte. Wie sie glaubte. (Fiel mir gerade bei Goncourt-Lektüre ein. Und ich ertappe mich dabei, diese erschreckenden Zeitangaben einzuüben. Neulich in Basel: Hier war ich das letzte Mal vor zwanzig Jahren.)

Oder als ich vor ein paar Tagen in Konstanz an einem Haus vorbeiging, an dem eine Tafel zu Ehren des Mystikers Heinrich Suso angebracht war mit dessen ungefähren Lebensdaten: ca. 1300 bis ca. 1366. Gleich gedacht: Ui, halbes Leben also vorbei. Dann versucht, mich zu trösten mit dem doppelten ca. (Gerade nachgesehen: The Columbia Encyclopedia hat c. 1295-1366. Ha! Wieder zwei Jahre rausgeholt.)

Wie ich den Plan fasste, hier demnächst einen Text mit dem Titel "Zehn Wege meiner Kindheit und Jugend" zu schreiben, der zehn Wege meiner Kindheit und Jugend beschreibt. Wege, die ich oft, tendenziell täglich, gegangen bin. Das interessiert mich schon lange: Die Bahnung und das Gewöhnliche und wie man dessen habhaft wird im Erinnern und Schreiben. Erfassen des Redundanzhaften der Erfahrung.

Gestern ist Ed McBain gestorben. Ich liebe sehr die zunehmende Lässigkeit in den Plots der Precinct-Bücher. Dafür großartige Dialoge, immer schroffer in den späteren Romanen. (Einer kommt jetzt noch postum.) Einer der wenigen Genreautoren, die man auch mit dem Gehör genießen kann. (Nicht die Stimme, sondern Rhythmen, Anschlüsse, so etwas.)

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kippfigur

Das eine, was ich festhalten wollte als Erfahrung der Gerhard-Richter-Ausstellung in München: Es gibt keinen richtigen Abstand zu den Bildern, so unterschiedlich sie sind. Die großen abstrakten möchte man an ihren Schabeflächen berühren, dann aber wieder als ganze mit einem Blick einvernehmen. Dazwischen dann der Raum auch möglicher Distanzen. Und erst recht die Unschärfebilder. Tendenziell verschwindet die Unschärfe mit der Entfernung, was beruhigend ist, und gerade deshalb verstörend. In der Nähe ist die Unschärfe zu beobachten im Farbüberlauf (er macht das ja mit ganz sanften, weichen Pinseln, mit denen er die frische Farbe auf der Leinwand karessiert), aber das Fließen der Grenzen verweist einen doch auf den Abstand, aus dem die Grenzen als solche viel eindeutiger werden. Ein Fort-Da-Spiel, oder eher: ein Kippen der Kippfigur als Prozess, ein Vor und Zurück vor diesen Bildern, ein nicht arretierbarer Blick, der notwendig den einen Aspekt verliert, wo er den anderen gewinnt.

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surfen am arbeitsplatz

Wenn ich rausbekäme, wie viel ich im Netz rumsurfe, während ich eigentlich Aufsätze und Lexikonartikel schreiben sollte, ich müsste mich sofort und fristlos feuern. (Oder eher sofort wieder nach Konstanz schicken, wo es keinen Internetanschluss gibt zuhause. Wie Konstanz überhaupt sehr reich ist an Dingen, die es dort nicht gibt.)

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