Freitag, 22. Juli 2005
selbstkritik

Und dann will Harald Schmidt auch noch sein bester Selbstkritiker sein. (Das ist jetzt banal, aber in seiner Banalität einfach zutreffend: Die ganze Welt, jede Person in ihr, ist ihm nichts anderes als ein Spiegel, in dem er immer nur sich selbst sieht. Und in sich selbst erkennt er die Welt. Er setzt in diesem Spiegelblick erkennend das Ich, das er ist, und das Nicht-Ich, das er nur daran erkennt, dass es nicht ist, was Ich ist. Es wäre natürlich falsch zu glauben, dass die Welt, die sich mit diesem Nicht-Ich dann identifizieren muss, nichts dabei lernte, über sich. Im Gegenteil.)

Ja, aber bei Gaus war ich sehr schlecht, weil ich so ehrgeizig war. Ich war wahnsinnig erpicht darauf, von ihm interviewt zu werden, und wollte sozusagen für die Ewigkeit dokumentieren, wie intelligent ich bin. Insofern ist das ein sehr bezeichnendes Gespräch, weil es zeigt, dass ich mehr, als ich dachte, ein Streber bin, der sich um die Anerkennung von Autoritäten, die er für klug hält, bemüht. [q]

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middlesex

Ich bin nicht glücklich geworden mit Middlesex. Nicht obwohl, sondern weil Eugenides, man könnte sagen: alles richtig macht. Dass er weiß, wie der Rückspiegel eines bestimmten Automodells der 30er Jahre ausgesehen hat, das nehme ich ihm ab. Dass Mühen der aufs Feinste austarierten Komposition in dieses umfangreiche Buch geflossen sind, das sieht man ihm an. Die Pointen sitzen, das Wissen ist stupend, das Handwerk über allen Zweifel erhaben. Und doch war ich nie begeistert, nicht ein bisschen.

Ich glaube deshalb, weil so gar keine Anstrengung darauf verwendet wurde, mich zu überfordern. Mich ästhetisch zu überraschen. Wie bei John Irving gibt es natürlich überraschende Wendungen, zuhauf, verblüffende Begebenheiten, nicht zu knapp. Die aber sind geradezu unbeweglich aufgehoben in einer überwältigenden Atmosphäre der Erzählbarkeit, die noch da, wo sie ihre Grenzen ausstellt, im Moment der Ausstellung und Ausstellbarkeit solcher Grenzen diese noch mithineinnimmt in den Strom des Erzählens, genauer eben: den Strom der Erzählbarkeit.

Middlesex ist wie ein Diamant, der funkelt, aber nicht schneidet. Das Erzählen ist von einem Publikum her entworfen, rechnet nicht mit der Unentwerfbarkeit einer idiosynkratischen Leserin. Der Autor weiß, scheint es, was der Leser, die Leserin erwartet, dass von ihm oder ihr erwartet wird. An Erwartungen. Mit der Erfüllung dieser Erwartungserwartungen ist der pseudohomerische - in ironisch scheinender, im Ernst aber ganz unironischer Manier olympische - Erzähler reichlich beschäftigt. (Der alte Selbstbetrug der schlechten amerikanischen Postmoderne.) Die Gegenwart, nur zum Beispiel, ist dabei Füllsel, absolut notwendig im großen Plan, überflüssig an sich.

Die Geschichte ist lesbar wie ein offenes Buch. Jeder Gedanke und jede Lesart stehen dem Text auf die Stirn geschrieben. Middlesex ist nicht mehr, nicht weniger als intelligente Unterhaltungsliteratur. Das Anspruchsniveau ist mittelhoch und das Buch ist immerhin voll und ganz drauf. Zugleich merkt man doch, dass Eugenides mehr will als mit seinem Konzept erreichbar ist. Gerade diese Diskrepanz spürt man als Ungenügen auf jeder Seite.

Middlesex ist die Sorte Literatur, die allzu ambitionierten europäischen Romanen als typisch amerikanisches Meisterwerk immer vorgehalten wird. Alles drin, Geschichte, spektakulärer Hermaphroditen-Plot und Emigrantenschicksal. Man muss ja Langeweile nicht als solche verteidigen, aber andererseits kann auf in die Irre gehenden Kunstanspruch meisterliches Kunsthandwerk nimmer die Antwort sein.

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