Mittwoch, 14. Mai 2003
Yo La Tengo

Maria am Ufer, 13.5.

Intelligente Menschen, die intelligente Musik machen. Was verschnarcht klingt und es überhaupt nicht ist. Was passiert, wenn der ganze Authentitzitätsscheiß, den die Rockmusik mit sich rumschleppt, nicht interessiert. Faszination der Form: was ist ein Song (es wäre beispielsweise ein neunzigminütiges Yo-la-tengo-Konzert vorstellbar, das aus einem einzigen Song besteht; und warum das dennoch kein dämlicher Artrock wäre), was ist eine Band (nach, ich weiß nicht, fünfzehn Jahren gemeinsam im Studio und auf der Bühne; wenn alle Experimente durch sind und man nun mit den Ergebnissen der Experimente arbeiten kann; die erarbeiteten Formen nun neu zusammensetzt; und warum das mit Stillstand nichts zu tun hat) und was ist Lärm: welche Struktur hat Lärm und hat der Exzess. Fragt, etwa, der Körper des Gitarristen, der sich und sein Instrument im Feedback windet. Die One-Man-Vorband (Califone, Ex-Red-Red-Meat) unter ihrer Schirmmütze passte auch; hier mehr autistische Auseinandersetzung mit der "Form" Dylan, in die Gitarre verkrallt.

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Samstag, 10. Mai 2003
literatur

Seine Mutter hat, nach dessen Tod, die Mäntel des Vaters an die Heilsarmee verkauft.

Ich wuchs auf,wie meine Mutter es beabsichtigt hatte, die Kleider meines Vaters vor Augen, wie sie die Straßen Meriwethers auf- und abparadierten und jeden Bedürftigen wärmten, dem sie zufällig in die Hände gefallen waren. Ein pensionierter Ingenieur der Northern Pacific Railway war in seinem Lieblingsanzug begraben worden. Seine Russel-Schlangenlederboots an den Füßen eines Arbeiters der örtlichen Müllabfuhr wurden nur noch vom Dreck zusammengehalten. Einmal sah ich seine Malone-Jagdhose an den Beinen einer betrunkenen Willomot-Squaw, schmutzig und abgetragen, mit einem kaputten Reißverschluss, aus dem der Fetzen eines pinkfarbenen Schlüpfers heraushing wie eine Darmschlinge. Ich wuchs auf und sah meinen Vater durchnässt in Hauseingängen liegen, sah, wie Urin sich in den Rinnstein schlängelte, wie letzte Runden in ihn hineingekippt wurden wie Gnadenstöße und wie er dann um zwei Uhr nachts halb tot aus den Bars stolperte. Ich sah, wie Hirn und Ei in seinen zahnlosen Mund geschaufelt wurden, sah die ganze Brigade gescheiterter Existenzen, die in seinen Kleidern tot umkippte.

Groß. Wie das ganze Buch bisher. James Crumley: Schöne Frauen lügen nicht. Bescheuerter Titel, im Original: The Wrong Case. Derzeit, in deutscher Sprache, vergriffen wie alle Bücher von Crumley. Das noch:

Das Haus, in dem Reese laut Muffin lebte, war eine Spur heruntergekommener als die Gebäude in seiner Nachbarschaft, und einer seiner früheren Bewohner hatte eine lange Veranda angebaut, die aussah wie ein nachträglicher Einfall, kurz bevor er im Licht der Vernunft zusammenbricht.

So muss ein Vergleich aussehen.

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bollywood

Outlook India von dieser Woche mit einem Bollywood-Special. Mit All-Time-Besten-Liste, einem dreist verwendeten Godard-Zitat als Motto und überhaupt manchem Drum und manchem Dran, das das Herz des Fans höher schlagen lässt.

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glück

Gestern schlecht geschlafen, aufgewacht mit der Aussicht auf vier Stunden, in denen ich vor StudentInnen stehe und nicht allzu viele Aussetzer haben darf und weiß doch jetzt schon, dass mir die simpelsten Dinge nicht einfallen werden. Kaffee hinuntergestürzt, spät dran, die Laune wird immer schlechter und dann den Briefkasten geöffnet, in dem noch die Post von gestern lag. Da dann ein Wunder: nicht nur, was immer ein Jubeltag ist, der "Film Comment" aus USA, sondern diesmal der "Film Comment" auch noch mit einem zwanzigseitigen Special zu Chris Marker und dem Versprechen, im nächsten Heft einen zweiten Teil zu liefern. Aber das ist nicht alles. Ein dicker Umschlag noch und darin zwei Ausgaben der wunderbaren Filmzeitschrift "steadycam", von der ich nur immer nicht weiß, ob sie überhaupt noch existiert, sie erscheint so unregelmäßig, dass ich prompt nicht mitbekomme, wenn es ein neues Heft gibt. Haben sie mir geschickt mit der Bitte um Verlinkung (habe ich nicht verlinkt? nein, tatsächlich nicht, weiß der Teufel warum). Es ist dies ja eigentlich, und mit Abstand, die beste deutsche Filmzeitschrift, diesmal in schwarz, vorne drauf ein Foto von Brigitte Desalm, ein außerordentlich sympathischer Nachruf von Milan Pavlovic und dazu Nachrufe auf und Erinnerungen an und ein Interview von 1999 mit Frieda Grafe. Eigentlich ist "steadycam" der Traum einer Filmzeitschrift, reiner Luxus von vorne bis hinten, ein Herausgeber, der sein Geld als Sportredakteur der SZ verdient, Autoren, die anderswo in Lohn und Brot stehen. Ein Liebhaber-Projekt. Die Utopie eines Raums, in dem ein jeder das tut, was er tun will, sich nicht scheren muss um Rücksichten auf irgendwas. Das neue Heft kommt raus, wenn es fertig ist. Wenn man dreißig Seiten (oder mehr) über "The Wild Bunch" schreiben will, mit ganz tollen Bildern, dann geht das, dann macht man das (das ist das zweite Heft, das drinsteckte im Umschlag, auch mit einem etwas rotzigen, aber jetzt beim Wiederlesen - vor Jahren hatte ich das Heft schon mal in der Hand - eigentlich nicht schlechten Artikel über Charles Willeford; das geht dann auch: ein langer Text über einen Autor, um Filme geht's nur kurz am Anfang; und außerdem: "Cockfighter" von Monte Hellman ist ein großartiger Film). Ich saß dann im Zug nach Frankfurt (Oder) und statt Saussure zu lesen und Jakobson habe ich mich verloren im schwarzen "steadycam"-Heft, wusste, dass das Seminar nicht so toll werden würde, war mir aber egal, weil sich dieses Gefühl überträgt, diese Rücksichtslosigkeit, in die kein Zwang sich mischt, die reine Liebe zum Gegenstand, von der Milan Pavlovic erzählt, sich erinnernd an erste Begegnungen mit Brigitte Desalm und seinen Wahnsinn, durch die Weltgeschichte zu fahren, um bestimmte Film zu sehen. Auch in Frieda Grafes Erzählungen das, die fünfziger, die sechziger Jahre, als sie und Enno Patalas nach Paris fuhren, um sich einen Film anzusehen, den sie, unbedingt jetzt, sehen mussten, dreimal hintereinander sahen sie ihn, dann fuhren sie zurück und erzählten den anderen Verrückten bei der "filmkritik". Oder ließen sich erzählen, von denen, die da waren. Es ist dies, muss man sagen, das reine Glück.

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Mittwoch, 23. April 2003

Bollywood-Filme aus Indien und Pink Movies aus Japan

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Montag, 21. April 2003
Lieber nicht. Eine Ausdünnung.

Volksbühne, 20.4.

Wunderbar, ganz wunderbar. Marthaler nimmt Bartleby die Worte aus dem Mund, sagt "Lieber Nicht" und der Rest ist Schweigen. Nicht ganz, natürlich. Gesungen wird, wie stets, nur hier: recht wenig. Zersungen eher, zerspielt, der Auftakt, verstimmtes Klaviergeklimper von dunkler Bühne, setzt sich fort, hinein ins Stück, das leise sich von Stillstand zu Stillstand bewegt. Der Höhepunkt eine gute halbe Stunde, in der im Grunde wirklich nichts mehr geschieht. Vier Klaviere besetzt, der Rest des Personals steht herum, stumm, tut kaum was, die Klavier spielen sich, lustlos eher, die Einsätze zu im Dämmerlicht. Man guckt und guckt, wartet, das grenzt an Arbeitsverweigerung. Die übliche Nummernrevue? Lieber nicht, Unruhe im Publikum, die ersten gehen. Dann, fast ist es schade, findet die Inszenierung doch zurück, auf halbem Wege wenigstens, zu dem, was man so unter Marthaler-Inszenierung versteht: absurde Interaktionen, Tänze, Gesänge, auch dies immer noch am Rande zum Abbruch, zum Verläppern (grandios dann das Ende, das genau das ist: ein Verläppern, ein nicht enden wollendes Enden). Hinten rechts, ins separate Kämmerlein, haben Anna Viebrock und Marthaler den eigentlichen Bartleby gesteckt, die Kanzlei. Noch hier wird das Schreibmaschinengeklapper zu Musik, kurze Auftritte, keine Worte außer Guten Morgen Guten Abend. Alles in allem: weniger eine Marthaler-Inszenierung als ihre Dekonstruktion. Keine Dialoge, nicht einmal als Zitat. Und beinahe nur das eine Lied, das auf ein geschnapptes Mother aufläuft, immer wieder, erst am Ende wird der deutsche Text eingesprochen. Ein Lied von der Front, der Abend vor der Schlacht. Ein Abend im Zwielicht. So muss Theater sein.

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Samstag, 19. April 2003
Cinemania

Höchst empfehlenswerter Film, aber der hochgeschätzte Kollege (und gelegentliche Jump-Cut-Mitarbeiter) vom Filmtagebuch hat alles Nötige dazu geschrieben.

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