Donnerstag, 27. Juni 2002
klagenfurt


Keine WM diese Tage, aber es gibt ja vollwertigen Ersatz: Klagenfurt. Immer wieder im Laufe des Tages habe ich hineingeschaltet in 3sat, wo man in voller Länge überträgt. Wo Gert Scobel Gerhard Delling und Günter Netzer auf einmal abgibt. Obwohl, genauer gesagt, eher Michael Antwerpes, er macht ja die Interviews hinterher. Egal. Bei keinem der Texte, in die ich hineingeriet, hatte ich Lust zu verweilen. Redundante Wirklichkeitsbeschreibungslust, die nirgends hinauswill über das, was man so erlebt. Oder nur sprachlich darüber hinauswill wie der Österreicher, der das nichts, das er zu erzählen hatte, immerhin wortgewaltig zu erzählen hatte (aber als Wortegewalt gilt hier auch nie und nicht lakonische Präzision, sondern nur das Geschraubte, die kein Ende findende Metaphern-Wertarbeit). Viel interessanter ist ohnehin die Jury. Theoretisch jedenfalls, aber leider wollen sie überhaupt nicht streiten, hocken mehr oder weniger temperamentlos da herum, geben wohlformulierte Statements von sich und damit hat sich's. Macht einer eine geistreiche Bemerkung - das kann dann nur Burkhard Spinnen gewesen sein -, merkt's keiner, auch im Publikum. Ich weiß, dass das pervers ist, aber ich kann da schon verstehen, dass einem die Sehnsucht nach der krawallschachtligen Dummheit Reich-Ranickis kommen kann.

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deutscher film


Kluge Leute, die kluge Filme machen, unterhalten sich über das Filmemachen und das Politische. Christian Petzoldt, Romuald Karmakar und Andres Veiel in der taz.

Es gibt die schlichte Wahrheit über Guido Knopp:

Guido Knopp zum Beispiel macht im Grunde mit denselben Mitteln seine Filme wie die Reichskultur- und Nazi-Kulturfilmer es auch gemacht haben. Das ist das Entsetzliche.

Über deutsche Fördergremien:

(...) was passiert dann eigentlich, wenn ich einen Film machen würde (was ich auch will), in dem gezeigt wird, wie an einem Tag tausend Juden am Graben erschossen werden? Wenn man also genau das Gegenteil macht, statt des Auslassens das totale Besetzen, was ist dann los?
Veiel: Und was ist dann los?
Karmakar: Das weiß ich noch nicht. Mein Förderantrag ist jedenfalls abgelehnt.

Und über den deutschen Film:

Petzold: Das hängt damit zusammen, dass der einzige deutsche Film, der wirklich etwas getaugt hat, der Autorenfilm war.

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Donnerstag, 20. Juni 2002
new log


Power to the People: Marcus Hammerschmitt, einer der nicht so vielen interessanten deutschen Autoren (will nur keiner merken, weil das ja nur Science Fiction ist), hat jetzt auch ein Weblog.

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kinkster


Gestern im Arsenal ein kleiner, großer Film über einen, der fast zum Helden taugt: the asshole from El Paso, Kinky Friedman, jüdischer Countrysänger aus dem Herzen von Texas, dessen größter Hit in den 70er Jahren den schönen Titel "They ain't making Jews like Jesus any more" trug. Geschätzt, verehrt, geliebt wurde und wird er von Brüdern im Geiste wie Willie Nelson oder Lyle Lovett, zu transkontinentaler Beliebtheit gelangte er mit seinen Krimis, die er zu schreiben anfing, als es mit der Musik nichts mehr war. Die sind witzig und böse, das alles in wunderbaren Formulierungen, und hinter der Komik schlägt ein kämpferisches Herz, links natürlich. Kinky Friedman ist kein bisschen versöhnbar mit dem, was ihm stinkt auf der Welt, spießige Feministinnen und Leute, die ihn von der Bühne vertreiben, sind da noch die kleineren Übel (überhaupt muss man immer mal wieder an Wiglaf Droste denken, wenn man Friedman so sieht und wie es ihm ergeht). Gemacht hat den Film eine holländische Dokumentarfilmerin, sie hat sogar Bill Clinton, einen von Friedmans größten Fans, nach langem Kampf vor die Kamera gekriegt, wo er die Geschichte mit der Zigarre erzählt (nein, die andere Geschichte, die davon handelt, dass Kinky Friedman ihm vor geladenen Gästen eine kubanische Zigarre überreichte, mit den Worten: "don't think of it as supporting their economy; think of it as burning their fields"). Selten geht einem das Herz so auf, im Kino und sonstwo, einfach weil Kinky Friedman großartig ist, weil der Film das zeigt, ohne in falsche Heldenverehrung auszuarten.

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höflicher paparazzo


Im Januar war ich beim Filmwochenende in Würzburg, da lief eine kleine Thomas-Arslan-Retrospektive und auch der neueste Film von Rudolf Thome. Beide Regisseure waren anwesend, kurios war eine Diskussion zum deutschen Film, improvisiert im Festival-Kino Cinemaxx, Regisseure und Publikum hielten sich zahlenmäßig die Waage. Das war natürlich emblematisch. Thome aber hat, wenn ich das richtig mitbekommen habe, dort die Filme Thomas Arslans kennengelernt, das kann ja nun keinesfalls schaden, aber auch Serpil Turhan, Hauptdarstellerin zuletzt in Der schöne Tag. Dann sah ich Thome und Turhan, zwei Monate später, in Berlin, in der Pressevorführung von Rohmers Die Lady und der Herzog. Jetzt stellt sich, wenig überraschend, heraus, dass sie - neben Hanns Zischler und Hannelore Elsner - in Thomes neuem Film Rot und Blau spielen wird. Eine richtige Höfliche-Paparazzi-Fortsetzungsgeschichte. Rudolf Thomes Tagebuch zum neuen Film findet sich, handschriftlich und eingescannt, hier

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Mittwoch, 19. Juni 2002
sind die da jetzt alle verrückt?


So schlechte Verlierer hab ich noch nie erlebt. Erst ist der Schiedsrichter Schuld und jetzt das, es geht um Herrn Ahn, Schütze eines goldenen Tores in fast letzter Minute (kann gar nicht glauben, dass der das wirklich gesagt bzw. anders als ironisch gemeint hat, schreibt die Netzeitung aber):

«Dieser Herr wird niemals mehr einen Fuß auf unseren Boden setzen», erklärte Luciano Gaucci, Klubchef seines bisherigen Arbeitgebers AC Perugia, der den auslaufenden Vertrag nicht verlängern will. Die Begründung: «Er war nur gut, als er gegen Italien gespielt hat. Ich bin ein Nationalist und sehe solches Verhalten als Affront gegen Italien an - das Land, das für ihn vor zwei Jahren die Türen geöffnet hat. Ich zahle doch kein Geld für einen, der den italienischen Fußball ruiniert hat.»

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Dienstag, 18. Juni 2002
sayles


Die Existenz von John Sayles mitten in Amerika - wenn auch nicht ganz in der Mitte Hollywoods - ist eigentlich ein Wunder: ein linker Filmemacher mit (wenn auch begrenztem) Mainstream-Appeal, ein Autor, der zum Regisseur geworden ist, ein subtiler Geschichtenerzähler, dessen Beobachtungen nur ganz gelegentlich ein bisschen zu viel Botschaft in die Quere kommt. Der neue Film, Sunshine State, ist eines seiner Ensemble-Stücke (wie etwa City of Hope), die ich eher nicht so mag, in den USA läuft er jetzt an, hier gibt's ein Interview, in dem er unter anderem dies erzählt:

I have things sitting on the shelf that we can't finance. We've got an epic that I wrote about the Philippine insurrection after the Spanish American War, but most of the characters are black people and it will cost more than 10 million dollars. When we were looking for money, the one thing that they're not interested in is black people. I generally write them first and then we figure out how to finance it.

Die Vorgehensweise klingt völlig wahnsinnig, aber irgendwie schafft er es, Cassavetes-Style, mit Brotjobs (nicht als Darsteller, sondern als Drehbuchautor) in Hollywood, immer wieder genug Geld für die nicht so groß dimensionierten Projekte aufzubringen.

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