Samstag, 15. Juni 2002
abgeraten


So was Peinliches hab' ich lange nicht gesehen: Robert Stadlober gibt den Kinski, für den er sich sowieso hält, Kajal, rollendes R, Villon zitierend, deklamiert im Schweinestall, schleicht mit einer Sonnenblume (genau genommen, da die Continuity gepennt hat: mit fünf deutlich verschiedenen Sonnenblumen) durch die Gegend, steigt in einen Bus und wieder aus, schwer umschattet, lebensmüde, rotes Hemd. Ein Künschtler, der's mit der prosaischen Welt aufnimmt. Nichts an diesem unsäglichen Stück Zelluloid spricht dafür, dass es vielleicht nicht Ernst gemeint wäre. Titel: Klaustrophobie, Vorfilm vor "Waking Life" von Richard Linklater. Die Hölle, gesponsert vom Filmboard Berlin-Brandenburg, na dann Gute Nacht, deutscher Film.

Kaum besser, leider, ist der Hauptfilm, dessen Hauptattraktion die Animationstechnik ist: übermalter Realfilm, 30 Episoden, 30 Künstler und erst kann das Schweben und Schwanken der Bilder noch entzücken, aber das legt sich bald. Dramaturgisch hält nichts zusammen, soll es auch nicht, aber thematisch. Es wird schwadroniert über Gott und die Welt, auch ganz im Ernst, Gott und die Welt, drunter machen wir's nicht, ein Film für 15jährige, die Philosophie studieren wollen, ein Kompendium des semiesoterischen Schwachsinns, der mancherorts als Nachdenken über unsere Existenz und den ganzen Rest durchgeht. Passiert mir ja selten, aber nach einer dreiviertel Stunde bin ich aus der Pressevorführung geflüchtet. Nicht zum Aushalten.

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Montag, 10. Juni 2002
geschmacksdinge


Wolfram Siebeck mit der Sorte professioneller Deformation, die sich vermutlich bei allen Fanatikern auf ihrem jeweiligen missionarischen Einsatzgebiet findet (ich denke da irgendwie gleich an Karl Kraus, der Ähnliches über den Umgang der Leute mit der Sprache dachte):

Sie führen seit langem einen Feldzug gegen Fastfood und Hamburger-Ketten. Das haben Sie nicht nur als Kampf der Kulturen verstanden.

Es ist eine politische Frage. Leute, die so ein Zeug verzehren, schreien auch schneller "Heil!" und lassen sich sonst im Leben leichter abspeisen.

McDonald's-Kunden als Neo-Nazis? Nicht im Ernst.

Ich sage ja nicht, dass jemand, der Hamburger mag, ein potenzieller Nazi ist, oder braune Soße naturnotwendig mit brauner Gesinnung zu tun hat. Aber wer bei dem, was er sich freiwillig einverleibt, völlig kritiklos ist, der wird womöglich auch anderen Schund widerstandslos konsumieren.

Was mich daran und am ganzen Siebeck so kolossal stört, ist eine spezifische Form von Ignoranz: Wer nicht, genauer Kenntnis der Höhenlagen zum Trotz, ein Sensorium für die Reize des Schunds hat, den halte ich, beim Essen wie anderswo, für in Geschmacksdingen nicht recht satisfaktionsfähig.
[Siebeck via Wörterberg]

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Sonntag, 9. Juni 2002
blind date


Blind Date, gestern abend, ZDF, kurioses Format. Eine Stunde lang improvisieren Olli Dittrich und Anke Engelke eine Alltagsszene, Mann fährt mit Taxi zur Testamentseröffnung. Das ganze will gar nicht auf Ulk und Klamauk hinaus, will die Figuren, Uwe Ackermann und die ruhige Ruth, kaum karikieren, schon gar nicht denunzieren. Zwar nerven sie, aber immer wieder erstaunlich subtil geht es um ihre Verletzungen, um eine Annäherung der beiden, am Ende schenkt sie ihm, das ist ziemlich anrührend, eine Mandarine. Anders als man vermuten könnte, zielen sie nicht auf die Komik der Situation, nicht aufs geistreiche Impromptu, Engelke und Dittrich bleiben ihren Figuren treu, modellieren mit einiger Liebe an ihnen herum, überziehen aber (fast) nie, nur um, etwa, einen Gag zu erhaschen. Ein bisschen mehr absurdistischer Wagemut wäre nicht schlecht gewesen, aber eine Fortsetzung scheint geplant, in anderer Konstellation, werde ich mir wieder ansehen.

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Donnerstag, 6. Juni 2002
die freiheit, die wir meinen


In der Jungen Freiheit verteidigt Eckhard Henscheid Jürgen Möllemann, der zuletzt im Neuen Deutschland Anstößiges veröffentlichte. Im Interview nimmt der Interviewer der Jungen Freiheit das "Judentum" in Schutz, das, so Henscheid, von Kritiktabus umgeben ist, die es aufzubrechen gilt. Entschieden stellt Henscheid sich auf die Seite der geistigen Freiheit und fragt, ob Herr Spiegel noch bei Sinnen ist. Unterdessen hatte unser liebster Quartalsirrer Christoph Schlingensief einen hübschen Einfall, will mit dem Möllimobil durch die Gegend fahren und Walser-Bücher erst signieren, dann verbrennen. To be continued.

Nach kurzem Überlegen: Ich habe keine Lust, zur Seite der Jungen Freiheit zu verlinken, wenn Sie aber Henscheids seltsames Interview lesen wollen, hilft Google gerne weiter.

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Mittwoch, 5. Juni 2002
touché


Wenn es so laut quietscht, kracht es meistens. Ich drehe mich um, wende den Blick vom Geldautomaten-Display, da touchieren sie sich, dumpf, ein rotes und ein grünes Auto. Dem einen hat's das Nummernschild gelockert, der andere hat rechts vorne jetzt ein etwas schiefes Maul. Auf dem Rücksitz ein Schäferhund. Zwei Paare. Die Fahrer steigen aus, besehen den Schaden, schaffen sich und ihre Unfallmobile dann erst mal an den Straßenrand. Alle steigen aus. Herr streichelt, besänftigend, Hund. Man unterhält sich. Lachen. Mit dem Handy wird die Polizei gerufen. Kein Streiten und Keifen, eher verlegene Solidarität, gemeinsamer Schlamassel.

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Samstag, 1. Juni 2002
jünglinge


Der künftige Beirat des Suhrkamp-Verlags setzt sich zusammen aus: Hans Magnus Enzensberger, Alexander Kluge, Jürgen Habermas, Adolf Muschg und Wolf Singer. Na, das steht man entschieden für Kontinuität, anscheinend hat Suhrkamp die Ambition, die ZEIT unter den Verlagen zu werden. Ach so, ist man ja schon.

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back in town


Mal ehrlich: wen interessiert das eigentlich, diese Walser-Reich-Ranicki-Geschichte. Das Feuilleton, klar, das endlich mal wieder Gelegenheit bekommt, sich um sich selbst zu drehen. Aber wie relevant ist irgendwas daran: Walsers Hass ist unermesslich und vieles an dem Buch klingt unsäglich, na und. Ist doch nur der Walser. Es geht hier nicht wirklich um Politik oder Antisemitismus - interessant ist höchstens das "Dilemma", dass man Reich-Ranicki vielleicht nicht so gründlich hassen kann wie Walser das tut, ohne auch den Juden in ihm zu hassen. Dass Walser sich das öffentlich erlaubt, spricht, wie so manches, gegen ihn, aber repräsentiert sich eine neue Gesellschaftsfähigkeit des Antisemitismus darin? Nichts scheint mir dafür zu sprechen. Und das Diskussionsniveau (hat er, hat er nicht) ist doch eher BILD für Bildungsbürger: das Antisemitismus-Luder. Nicht mehr als eine durch und durch unappetitliche Sache.

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