Montag, 27. Mai 2002
hat ja was


Ausgerechnet im Neuen Deutschland, das sich seit 14 Folgen einen Schlagabtausch zwischen Gysi und Möllemann leistet, verkündet letzterer nun, endlich, die Wahrheit über die Demokratie. Was wir bisher hatten, war irgendwie was anderes, neue Zeiten aber sind angebrochen, sie tragen die Namen Fortuyn und Haider und, geht es nach Jürgen W., natürlich auch Möllemann. Fast ist man dankbar: was man dem Mann bisher beinahe noch schlechten Gewissens unterstellt hat (sich immer wieder sagend, nee, das kann er so nicht gemeint haben), spricht er nun gelassen aus. Es war alles so gemeint, er findet nichts dabei. Rechtspopulismus mit starkem antidemokratischem Ressentiment, garniert mit dem ganzen pseudoliberalen Gefasel, das nun neuerdings dazugehört.

Tja, Frau Hamm-Brücher: nun ist's soweit.

Gysi übrigens hat das Nötige dazu erwidert.

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Samstag, 25. Mai 2002
spaghetti-western


Der Spaghetti-Western ist eines der seltsamsten Genres, weil hier zusammenkommt, was nach den Regeln der Kunst nicht zusammengehört. Hätte man wenigstens gedacht, bevor man's sieht. In Requiescant (Italien 1968) etwa finden sich die folgenden drei Hauptdarsteller: Mark Damon, der aussieht wie Dracula und ein paar Jahre zuvor bei Roger Corman die Hauptrolle in seiner House-of-Usher-Verfilmung spielte, Lou Castel, dessen Filmografie sich bizarr über die B-Movie-Geschichte verteilt, mit Ausflügen zur Kunst (Assayas' Irma Vep zum Beispiel) und ins deutsche Fernsehen: so etwa ein Krug/Breuer-Tatort von 89, mit Dieter Krebs und Diana Körner (die, übrigens, auch in Stanley Kubricks Barry Lyndon mitspielte). Der Dritte im Bunde, bei Requiescant, ist Pier Paolo Pasolini, was insofern passt, als der Film eine christo-marxistische Befreiungsparabel ist. Höchst merkwürdig.

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Freitag, 24. Mai 2002
niederungen


Christoph Stölzl, ein Konservativer von echtem Schrot und Korn, ein geistiger Herr Oberstudiendirektor auf Lebenszeit, der es schon zum Chef des Historischen Museums, der Welt-Kultur und nun der Berliner Landes-CDU gebracht hat, weiß mit den Niederungen des Alltags fertigzuwerden, und zwar, naja, sagen wir mal: poetisch:

Der Mensch wird geboren, um die Schwingen auszubreiten und fliegen zu lernen übers Enge und Kleine hinaus.

Das sagte er als Vizepräsident des Landesparlaments, kann er aber auch in den Niederungen des Berliner Kleingärtnerwesens:

Und dann beginnt Stölzl seine Rede vor den Kleingärtnern mit dem erstaunlichen Satz: "In einem Garten ist einmal die Welt erschaffen worden."

Ja, das ist Politik im Maßanzug - und allerbestes Bildungsbürgertum knapp hinterm Horizont des Stammtischs.

(heute in der taz)

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establishment


Manchmal machen Ressentiments Spaß und manchmal nicht. Die von Gerhard Stadelmeier, Chef- und Startheaterkritiker der FAZ, sind immer mal wieder nicht zum aushalten; ich glaube auch, der Kerl als solcher ist, mit Verlaub, ein Arschloch, aber seine Kunst selbstgefälliger Formulierung hat mitunter Unterhaltungswert. Dumm und nichts weiter aber, dass er heute sich nur allzugerne auf die Seite eines deutschen Theaterjungvolks wirft, das, dumm und nichts weiter, das Positive vermisst an der Generation, die das Theatertreffen dieses Jahr dominierte. Selbst wenn er recht hätte, im einzelnen, setzt er sich, platsch, mitten hinein ins Unrecht mit dem peinlichen Zeug, das er sich da, getrieben vom Ressentiment, entfahren lässt:

Sieh da: Ins Licht treten die Veränderbaren. Die Erfreulichen. Die positiven Phantasten. Würden sie die Ranzigen und Schranzigen ablösen und wegfegen wollen, man grüßte Erkenner, Erwecker und Beleber und wünschte von Herzen alles Gute. Und jede Menge Spaß im Kampf mit dem Jugend-Establishment.

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Mittwoch, 22. Mai 2002
mischpult


Die FAZ bietet dem Belletristik-Leser neuerdings ein datenbankgestütztes Wunschprogramm, das Mischpult, mit dessen Hilfe man sich nach den Kriterien Sprache, Stil, Umfang und Tempo - ganz wie bei Dell eigentlich - das Wunschbuch nun ja, nicht wirklich zusammenstellen, aber heraussuchen lassen kann. Hab ich also probiert und als ersten Tipp das jüngste Werk der schriftstellernden Schreckschraube Elke Heidenreich angedient bekommen. Na danke, dann noch lieber Amazons Empfehlungen...

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Sonntag, 19. Mai 2002
2 x tatort


Zwei große Artikel, zum 500. Tatort, einer in der FR, einer im Tagesspiegel. Über die Kommissare erfahren wir im Tagesspiegel dies:

"Ebenso gut wie als ewig wiederkehrendes Opfer-Zeremoniell können wir den sonntäglichen „Tatort“ als wiederkehrende Sitzung bei der Behandlung einer mittelschweren psychischen Erkrankung ansehen: ein aufgefächerter Neurosen-Katalog des nichtselbständig beschäftigten deutschen Arbeitnehmers sehr mittlerer Einkommensstufe."

und in der Frankfurter Rundschau das:

"Die Geschichte der Tatort-Kommissare seit 1970 ließe sich vermutlich mit Leichtigkeit schreiben als eine Krankheitsgeschichte des deutschen Kleinbürgertums."

Beliebte Themen sind, laut Tagesspiegel:

Schluss mit lustig! Diese Devise scheinen die Kommissare des Neunziger-Jahre-„Tatortes“ zum Programm erhoben zu haben, während sie sich um Korruption, Kinderpornographie, Familientragöden, entflohene Gangster, vergewaltigte Asylbewerberinnen, drogensüchtige Prostituierte und schwangere Nonnen kümmern. Was für eine Welt!

und in der FR:

Was schlimm ist und in Deutschland vorkommt, das kommt auch in einem Tatort vor: Neofaschismus, Umweltverschmutzung, Kinderpornographie, Beamtenbestechung, Asylbewerber, politische Korruption. Gelegentliche Anklänge an wirkliche Ereignisse (Dagoberts Enkel) können nicht schaden.

Zufällige Ähnlichkeiten? Nicht ganz: beide Artikel, im Grunde beide lesenswert und durchaus unterschiedlich in Perspektiven und Akzentsetzung, stammen aus der Feder von Georg Seeßlen, gegen den ich weiß Gott nichts gesagt haben will. Aber guckt denn sonst niemand Tatort? Unter den ca. zehn Millionen pro Folge niemand sonst, der was Kluges dazu zu sagen gehabt hätte?

Übrigens, da ich gerade auf der Tagesspiegel-Seite war: 1200 zu 700 steht's bei der Umfrage, ob die PDS zur Demo gegen Bush aufrufen darf. Ein Drittel der Website-Besucher also mit radikal staatstragendem Gedankengut im Kopf, für'n Tagesspiegel ja eigentlich nicht so schlecht.

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Samstag, 11. Mai 2002
constantine


Ein Autor, der im Selbstinterview die folgenden Auskünfte gibt, kann schon mal kein schlechter Mensch sein:

K.C., your books are all talk, no action. Can't you make things happen?

Rock concerts, sports crowds, the Fourth of July, the 1812 Overture, they all hurt my ears. Some mornings just hearing the water boil for my rolled oats is more stimulation that I can stand. But just because something's happening doesn't mean it's interesting.

und

Great clouds of alien fart dust, man, why bother to write at all?

Because excepting sex, there's nothing more exciting than taking all the marks of punctuation, the alphabet, and a blank screen, and creating somebody who wasn't there before, somebody who if you cut them would bleed blood instead of ink. Done well, that's art. Done badly, when the characters talk like they're chewing cardboard and move with all the grace of warped lumber falling off a flatbed trailer as it's hauled squealing around the bend from Plot Street to Action Avenue, there's nothing more contemptible.

Der Autor heißt K.C. Constantine (was ein auch nach dreißig Jahren nicht gelüftetes Pseudonym ist) und ist nicht nur kein schlechter Mensch, sondern ein brillanter Schriftsteller. Sein Held (bis vor kurzem): Mario Balzic, Polizist serbisch-italienischer Abstammung in einem fiktiven, aber soziodemografisch sehr, sehr genau beschriebenen Ort namens Rocksburg in Pennsylvania. Versteht sich fast von selbst, dass sich derzeit kein einziges Buch - übersetzt sind einige - in deutscher Sprache über den regulären Buchhandel greifen lässt.

Eine dringende Empfehlung auch, wenn nicht gerade für Leute, die an Krimis sonst warum auch immer kein Interesse haben.

Hier das ganze Selbst-Interview. In ein erstes Kapitel eines frühen Romans kann man wiederum auf dieser Seite reinlesen.

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