Montag, 1. April 2002
no such thing

Ein neuer Film von Hal Hartley ist soeben in den amerikanischen Kinos gestartet - und außer dem engen Kreis der Fans interessiert es kaum einen. Vor ein paar Jahren wäre das noch ganz anders gewesen, Hartley galt als einer der interessantesten Independents, ein Intellektueller, der mit hoch reflektierten und absurd verfremdeten Liebesgeschichten wie "Trust" oder "The Unbelievable Truth" den Zeitgeist mitten ins Herz getroffen hatte. Schon seine letzten beiden Filme - "Book of Life", für Arte gedreht, und erst recht "Henry Fool" von 1998 - hatten bestenfalls gemischte Kritiken, in Deutschland ist "Henry Fool" nie in den Kinos gelaufen. Man kann auch sehen, woran das liegt: Hartley ist kompromissloser geworden, hat alle RomCom-Anklänge rausgeschmissen und alles stärker noch auf in den Dialogen diskutierte Fragen, Gott und die Welt betreffend, konzentriert. In "No Such Thing" läuft alles, wenn man die Kritiken so liest, auf ungescheute, wenngleich satirische, Kritik an so ziemlich allen Phänomenen der Gegenwartsgesellschaft hinaus:

iW: Do you feel like you can't make a movie now without these grander social critiques coming into play, because I don't think your earlier movies had as much of that. What has changed?
Hartley: I think I'm just learning more about the world. You think about things differently when you're 28 verses 42. Nevertheless, it might be more of a snowball, if you look at "Trust" and "The Unbelievable Truth," there is a consciousness of society and a skepticism about that society. I think the way the social satire is organized is in a more gentle way. By the time I got to "No Such Thing," there's these big, clean broad strokes of reactionary social commentary."

In der Obhut von Francis Ford Coppola und MGM hat Hartley immerhin Helen Mirren und Julie Christie als Darstellerinnen seinem vertrauten Ensemble (Sarah Polley und Robert John Burke) hinzufügen können. Die Schere zwischen "Mainstream"-Erwartung und extrem idiosynkratischem, aber eben auch: auf idiosynkratische Weise politischem Filmemachen scheint bei "No Such Thing" besonders weit zu klaffen: und womöglich wird sich auch diesmal kein deutscher Verleiher finden.

Im amerikanischen Online-Magazin Indiewire gibt's zum Start des Films ein Interview mit Hartley, in dem man viel lernen kann über die Situation unabhängiger Filmemacher in den USA - und anders als bei Wenders' Hammett-Film kommt der Protektor Coppola diesmal ziemlich gut weg.

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Samstag, 30. März 2002
Gelesen: Isaiah Berlin: Der Magus im Norden

Mit Isaiah Berlin ergeht es mir stets ähnlich: ich greife voller Eifer zu einem seiner Bücher (Russische Denker ist das letzte, an das ich mich erinnere), weil mich der Gegenstand interessiert und weil ich mir viel davon erhoffe, dass Berlin gerne Denker wählt, die ihm, dem Erzliberalen, contre coeur gehen. Jede Lektüre ist dann eine Enttäuschung, so auch jetzt die des Hamann-Buchs. Berlin ist fraglos fair im Umgang, er ist belesen und markiert offen, wo die Linien verlaufen, hinter die er hier eben Hamann nicht folgen will. Die Darstellung bleibt jedoch, wie meist, flach und redundant. Er bringt Hamann auf Thesen und glaubt noch aus der höchst idiosynkratischen sprachlichen Darstellung eine machen zu können. Ihn interessieren nicht die Texte, sondern nach Philosophenart nur das, was Hamann zu behaupten scheint. Die Faktur bleibt ausgeblendet (obwohl doch gerade sie das Faszinosum, in der Rezeption eher im Bösen als im Guten, Hamanns gewesen ist), kaum einmal zitiert Berlin aus einem der wild assoziativen, in Anspielung um Anspielung gewickelten Texte. Genau in diesen Texten doch wäre dem Denker auf die Spur zu kommen, in Lektüren, nicht in gebleichten und entfärbten Wiedergaben dessen, was an Thesen daraus zu ziehen wäre. Dazu passt, dass Berlin nur in terms of Geistesgeschichte denken kann und - ohne große Rezeptionsbelege - alle Formationen vor und um 1800 auf den Nationalsozialismus zulaufen sieht. Auch er beweist dann, trotz seines Interesses fürs Antiliberale, immer wieder nur, dass zutiefst von ihren Ideen durchdrungene Liberale, womöglich aus prinzipieller imaginativer Unfähigkeit, nicht über den blassen Schatten der eigenen Denkungsart springen können.

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Freitag, 29. März 2002
na wunderbar

In Israel macht man sich jetzt (endlich auch ganz offen) den guten alten Carl-Schmittschen Begriff vom Politischen und erklärt Arafat zum Feind. Das ist dann wohl eine beträchtliche Promotion von der "irrelevanten Figur".

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ein leben

Ein Leben am Leitfaden von Fotos, vorgeführt von Miles Hochstein (am schönsten finde ich den Optimismus, das bis 2049 vorlaufen zu lassen).
[via consumptive.org]

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Donnerstag, 28. März 2002
mensch

Unter manch geschwätziger Neuformulierung des wenn nicht Alt-, so doch Allzubekannten findet sich in Michel Serres' Betrachtungen zum Kulturwechsel durchs Internet (heute in der SZ) doch die eine oder andere sehr schöne Einsicht.

"Schutzlos sind wir einem furchtbaren Schicksal ausgeliefert: Frei von jedem Zitat, befreit von der erdrückenden Verpflichtung zur Fußnote, bleibt uns nichts anderes übrig, als intelligent zu werden."

So kann man die FAZ mit ihren ganzen haltlos spekulativen Hardware-Mahnern und -Euphorikern locker auf der Software-Seite überholen. Serres bastelt an einer triumphalen Theorie der Kompensation: Der Mensch als das Wesen, das aus Mängeln Kultursprünge schafft, das Verluste in Revolutionen münzt und Schweine gegen Goldklumpen tauscht.

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2xkonkret

Vor ein paar Tagen erst bin ich fast hintenüber in meinen Einkaufswagen gekippt, als ich beim Edeka(!)-Laden meines Vertrauens diekonkret im Zeitschriftenregal erblickte. (Oder ist das normal?)

Thematisch dazu passend die aktuelle Abowerbung dieses Blattes (Herr Gremliza, der die Definitionshoheit beansprucht über alles, was auf die richtige und die falsche Weise gesellschaftskritisch ist, hat sich schon immer von Herzen geschadenfreut über alles nur halb-Linke, das vor dem sozialistischen Weltgeist einknickt):

Die Welt ist mit großartigen Angeboten gepflastert. Hätten Sie vor vier Wochen die Wochenzeitung "Die Woche" abonniert, wären Sie heute Besitzer einer kostbaren Prämie (Kühlschrank im Cartier-Design mit DVD-Brennfach, signiert von Grass) und obendrein bliebe Ihnen die Lieferung des Blattes auf Lebenszeit erspart. Geht's besser?

Es geht: Unsere Zeitschrift für Weltekel & Verzicht macht Ihnen heute ein Angebot, das nicht einmal Sie ablehnen können: Wer konkret jetzt abonniert, bekommt nicht nur nichts, sondern obendrauf Gelegenheit, sich zwölfmal rot, grün, schwarz und braun zu ärgern [...]
(via jonet/Giesbert Damaschke)

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Mittwoch, 27. März 2002
die schönsten

Projekte sind immer noch die unrealisierten. Das folgende berichtet der Chef der Arno-Schmidt-Stiftung Bernd Rauschenbach in der (hier bereits erwähnten) Schmidt-Mailingliste (übrigens angesichts einer Diskussion über Besprechungen ungeschriebener Bücher und die Bibliothek ungelesener Bücher)

Mein Co-Autor Jörg W. Gronius und ich hatten Ende der Siebziger Jahre das Projekt einer Zeitschrift ohne Beiträge, und das sollte so gehen: Wir, die beiden Herausgeber des Periodikums, wollten alle Vierteljahre die prospektiven Beiträger der nächsten Nummer anrufen und ihnen das Thema des nächsten "Heftes" bekanntgeben. Ein paar Tage später sollten uns diese Beiträger zurückrufen und uns den Titel Ihres ungeschriebenen Beitrags nennen. Wenn alle Titel beisammen gewesen wären, wollten wir die Abonnenten anrufen und ihnen das Inhaltsverzeichnis mit Namen der "Beiträger" und Titeln der ungeschriebenen "Beiträge" vorlesen. - Alle Beiträger hätten sich damit einverstanden erklären müssen, daß die Abonnenten das Recht gehabt hätten, nach Belieben in ihren eigenen Publikationen Zitate aus den "Beiträgen" unseres Periodikums unter Nennung der ursprünglichen "Autoren" zu verwenden - so daß sich also im Idealfall nach Jahren erst die einzelnen Nummern unseres Periodikums durch die zahlreichen ausgedachten Zitate zahlreicher Abonnenten in ihren zahlreichen Veröffentlichungen konstituiert hätten. - Überflüssig zu sagen, daß das Projekt über einen nicht abgeschickten Einladungsbrief zur Mitarbeit nicht hinausgekommen ist. - Das Periodikum sollte DER ANALOG heißen, das erste Thema sollte "Die Gefährlichkeit des Reisens" sein.
(Veröffentlichung hier mit ausdrücklicher Genehmigung von Bernd Rauschenbach)

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