Freitag, 22. März 2002
kraftvoller Aufschwung

"Das Jahr 2002 wird für Online-Medien noch nicht den Durchbruch in den Werbemärkten bringen. Sofern dieses Jahr genützt wird, eine gemeinsame Währung zur Messung der Werbeleistung sowie neue Werbeformen zur Marktreife zu entwickeln, steht einem kraftvollen Aufschwung ab 2003 nichts im Weg. Online-Werbung könnte erneut zum Wachstumsträger der Werbewirtschaft werden."

Sagt ein Herr Trappel vom Schweizer Prognos-Institut in der NZZ. Man möchte diesen Menschen wirklich den Computer-Monitor mit Gewalt über den Kopf stülpen.

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berliner orte 1: langer jammer


Berliner Orte

Über das riesige Gelände des ehemaligen Berliner Schlachthofs hat man, einst, in der Hauptstadt der DDR, eine überdachte Brücke gezogen, die die durch die Brache an dieser Stelle auseinanderklaffenden Bezirke Prenzlauer Berg (nach der Bezirksreform im letzten Jahr Teil des heterogenen Mischbezirks Pankow) und Friedrichshain (nun mit Kreuzberg verschwistert) verbindet. Vom nördlichen Rand des Friedrichshains ist so auch der Zugang zum oberen Teil des S-Bahn-Rings möglich, der einen schnurstracks in den Prenzlauer Berg hineinführt. Diese Brücke aber ist ein Stiefkind des Bezirksetats, auch der Bewohner des Bezirks, sie trägt den schönen Namen "langer Jammer" und der ist wohl verdient. Nicht nur nachts ist's auf der zugigen Strecke mit an vielen Stellen herausgebrochenen Seitenwänden duster, selbst am Tage wagt sich kaum einer an diesen von allen guten Geistern verlassenen Ort. Drunter liegt, noch dazu, das völlig verlassene und verödete Gelände, über dessen Zukunft man in den schicken Büros der Berliner Stadtplaner nachdenkt, dessen Gegenwart aber der Arsch der Welt ist.

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Mittwoch, 20. März 2002
plustergebäck

Herrjeh, was für ein dummes Zeug das, Plustergebäck aus Nichts und Unsinn, fette Locke auf der Glatze des deutschen Feuilletons.

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fiktive charaktere

Das amerikanische Book Magazine hat eine Liste der "100 best characters in fiction since 1900" zusammengestellt. Die Liste selbst ist im Netz zu finden, zu den Kriterien, zu Sinn und Zweck der Übung ist nichts in Erfahrung zu bringen. Man kann sich nur des Eindrucks nicht erwehren, dass das ganze ein klitzekleines bisschen ein bias zugunsten der englischsprachigen Literatur hat (auf Platz 12 die erste Figur aus einer anderen Literatur: Gregor Samsa). Hier die ersten zehn Plätze:

1 - Jay Gatsby, The Great Gatsby, F. Scott Fitzgerald, 1925
2 - Holden Caulfield, The Catcher in the Rye, J.D. Salinger, 1951
3 - Humbert Humbert, Lolita, Vladimir Nabokov, 1955
4 - Leopold Bloom, Ulysses, James Joyce, 1922
5 - Rabbit Angstrom, Rabbit, Run, John Updike, 1960
6 - Sherlock Holmes, The Hound of the Baskervilles, Sir Arthur Conan Doyle, 1902
7 - Atticus Finch, To Kill A Mockingbird, Harper Lee, 1960
8 - Molly Bloom, Ulysses, James Joyce, 1922
9 - Stephen Dedalus, Portrait of the Artist as a Young Man, James Joyce, 1916
10 - Lily Bart, The House of Mirth, Edith Wharton, 1905

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Dienstag, 19. März 2002
Gelesen: Primo Levi: Das periodische System

Das periodische System ist eine große Autobiografie in kleinen Kapiteln. Die Überschriften, 21 verschiedene chemische Elemente, sind nicht bloßer Schnickschnack, sondern tatsächlich steht in jedem einzelnen Kapitel das Element wenigstens auch im Mittelpunkt, als widerständiges, als geheimnisvolles, als Metapher, aber, da Levi sehr viel aus seinem Alltag als Chemiker erzählt, meist sehr konkret. Das Leben lagert sich, wenn man so will, nur an.

Levi war, als italienischer Jude, in Auschwitz - das schildert er in seinem berühmtesten Buch 'Ist das ein Mensch', die Zeit kommt in Das periodische System jedoch eher am Rande vor (was nicht heißt, dass er den Faschismus nicht thematisierte; er liegt ja als Schatten über der ganzen Jugend). Die Autobiografie zeigt das erzählende Subjekt, in einer Art schelmischem Bildungsroman, als mal klugen, mal naiven Helden, am schönsten ist das Buch dann, wenn Tote durchs Erzähltalent Levis wiederauferstehen: seine Vorfahren im ersten (Argon), sein Jugendfreund Sandro im Eisen-Kapitel.

Bei allem Ernst ist das, wenn man so paradox sagen darf, ein beinahe leichtes Buch, die Tragik äußert sich nicht im Pathos, sondern zwischen den Zeilen. Ein paar der Nachkriegskapitel sind vielleicht ein bisschen allzu harmlos-anekdotisch, sehr stark und ganz erstaunlich fair der Bericht über eine späte (schriftliche) Wiederbegegnung mit einem der Nazis von Auschwitz.

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interview

Vorläufige, nichtsdestoweniger sehr interessante Überlegungen zum/r, ja was: Genre? Form? Gattung? des Interviews von Tobias Lehmkuhl bei satt.org:

Das Interview ist die einzige Textgattung, die im 20. Jahrhundert erfunden wurde. Diesen Satz hörte man in letzter Zeit häufiger – wenn auch hinter vorgehaltener Hand. Denn noch fehlt es an Beschreibungen und Analysen, die die textuelle Struktur von Interviews offen legen und systematisieren und dadurch die Möglichkeit bieten würden, fundiert zu begründen, dass das Interview eigenständig und womöglich gleichberechtigt neben der Lyrik, dem Roman, dem Essay und dem Drama steht. Auch dieser Text wird eine solche Begründungsarbeit nicht leisten können; er versteht sich vielmehr als ein Plädoyer für eine differenzierte Wahrnehmung von Interviews als zu beschreibende und zu definierende Form menschlicher Äußerung auf der Schnittstelle von Stimme und Schrift.

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kunst verkaufen

Lehrreich das Gespräch von Isabelle Graw in Texte zur Kunst mit dem Christie's-Auktionator Gérard Goodrow. Es geht, sehr handfest, um die Zusammenhänge von Marktwert und Bedeutung, Geld und Kunst, Mode und Spekulation:

Im Moment zum Beispiel braucht man für jede Auktion einen Andreas Gursky, einen Thomas Demand, einen Damien Hirst und eine Sarah Lucas. Es ist dann meine Aufgabe, die Sammler mit guten Argumenten davon zu überzeugen, dass jetzt der richtige Zeitpunkt dafür ist, die Arbeit in eine Auktion zu geben.

Über den direkten Zusammenhang zwischen Kritik und Verkaufe spricht Goodrow so:

Unsere Kontextualisierung und die der Kunstgeschichte sind aber doch letztlich das Gleiche. Für beide gilt, dass man die Arbeit besser versteht, wenn sie in einen Kontext gestellt wird. Und wenn die kunstgeschichtliche Seite besser verstanden wird, kann man die Arbeit besser verkaufen. Natürlich tun wir alles dafür, um die Arbeit besser zu verkaufen. Aber die Herstellung eines stimmigen Kontextes ist auch deshalb erforderlich, weil sich junge Gegenwartskunst nicht so schnell einordnen lässt.

Und für Fans: Aus irgendeinem Grund geht es ständig um Thomas Demand.

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