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Mittwoch, 6. März 2002
die woche
knoerer
20:03h
Ich wollte die morgige Ausgabe noch abwarten, um über das neue Layout der "Woche" etwas begründeter meckern zu können - und nun das: die Zeitung wird mit der Ausgabe von morgen eingestellt. Schlimmeres, das meine ich jetzt ganz ernst, ist der deutschen Medienlandschaft schon seit längerem nicht widerfahren. Ich war und bin ein echter Fan des Blattes, Käufer der ersten Stunde, Abonnent seit vielen Jahren, begeisterter Leser immerdar. Nicht, natürlich nicht, dass einzelne Artikel, einzelne Autoren, einzelne Layout- und Schwerpunkt-Entscheidungen (die Reduzierung des Medien-Ressorts etwa) mir nicht schwer auf die Nerven gefallen wären, überhaupt schien mir das Kultur-Ressort immer der schwächste Teil, aber dies alles eingerechnet, war die "Woche" doch immer die Zeitung (ganz egal jetzt, ob Tages- oder Wochenzeitung oder auch Wochenzeitschrift), mit der ich, nehmt alles nur in allem, am einverstandensten war. Kein bräsiges Drumrumgeschreibe wie in der immer quarkiger werdenden "Zeit", mehr Kompetenz als in der ja schon auch irgendwie geliebten "taz", die durchgehende Konsequenz, mit der in weiten Teilen auf suppige Journalistenschulenweichspültexte à la "Stern", auf Berufszynismus wie im "Spiegel" und auf linke Rechthaberei wie in "konkret" verzichtet wurde. Da machte es nichts, dass das ganze die Erfindung des eher penetranten Manfred Bissinger war, dass man allzu laut die eigene Meinungsführerschaft in die Welt hinaustrompetete, die es ohnehin nicht hören wollte. Das alte Layout - von Dirk Linke, wenn ich nicht irre - war ein genialer Wurf, die hartnäckigen Verteidiger der Bleiwüste hab ich nie im mindesten verstanden. Hier ging ja nichts zu Gunsten der Tortengrafik, hier ging es um Zuspitzung, aber nicht Vereinfachung, Übersichtlichkeit, nicht bloße Oberfläche. Das Traurigste daran ist, dass mit diesem Projekt alle vergleichbaren Unternehmungen auf Dauer gescheitert sein dürften. Der Versuch, ein mutiges, kompetentes, nicht auf Zielgruppen, sondern auf ein intelligentes Publikum zählendes Blatt zu machen, wird so schnell nicht wieder gewagt werden. "Die Woche" war, was keiner glauben wollte, eine eminent notwendige Zeitung, eine wie keine andere. Ach! ... Link
pollesch
knoerer
11:53h
Exzellent, wie üblich, Diedrich Diederichsen, von dem es heute in der taz einen Text zum Theater des René Pollesch gibt. Einzig fragwürdig, oder sagen wir: auf jeden Fall überraschend, oder: vielleicht symptomatisch für älter werdende Dissidenz, der Ausblick als Hoffnung darauf, dass man, die zersprengten Ichs, die da sprechen bei Pollesch (der, das sollte man nicht vergessen, derselben Generation angehört wie Diederichsen; oder Rainald Goetz, wo wir schon mal dabei sind) doch womöglich noch mal Teil einer (neuen) Jugendbewegung werden könnten. Vielleicht kommt ihrer protopolitischen Genervtheit in ein paar Jahren ja doch etwas zu Hilfe, eine Konstellation, genauso überraschend wie für die armen schwarzweißen Filmhelden von 1965 die Zuspitzungen des Jahres 1968 gewesen sein mögen - aber es würde wohl etwas ganz Anderes sein müssen. Höchst passend übrigens zum von mir gerne unterstrichenen TV-Tipp desselben Diederichsen (wie üblich) exzellenter Aufsatz zu Bennings Trilogie, ebenfalls in der taz, anlässlich der Berlinale. ... Link
TV-Tipp: Sogobi
Reuthebuch
11:26h
Bennings 'Kalifornische Trilogie': Drei Jahre Arbeit, drei Filme über Kalifornien, ein großer Zusammenhang: Die Wildnis, die Wüste und das Wasser, der Großraum Los Angeles, der in den europäischen Kategorien von Stadt kaum zu beschreiben ist und eine Landwirtschaft - in 'El Valley Centro' - die nichts gemein hat mit der traditionellen Vorstellung von Bauern und Farmern. 1.Teil heute 23:00 Uhr WDR ... Link Dienstag, 5. März 2002
autobiografie
knoerer
20:26h
Aus Primo Levi: Das periodische System "Heute weiß ich, daß es ein hoffnungsloses Unterfangen ist, einen Menschen in Worten wiedererstehen zu lassen, ihn auf einer geschriebenen Seite wieder zum Leben zu erwecken: und ganz besonders einen Menschen wie Sandro. Er war kein Mensch, von dem man erzählt oder dem man Denkmäler setzt, zumal er über Denkmäler lachte; bei ihm lag alles im Handeln, und da dies vorbei ist, bleibt nichts von ihm; nichts als Worte." Und doch unternimmt es Primo Levi, in einem sehr traurigen Kapitel, das den Titel 'Eisen' trägt, Sandro zu Ehren, ein Denkmal; das hoffnungslose Unterfangen ist das der Autobiografie. ... Link
kohlhaas/mall
knoerer
11:59h
Was man endlich tun sollte: eine Verteidigung der Mall schreiben. Denn die halbe Wahrheit nur verkündet Ulf Jonak in seiner Rezension von oder eher freien Improvisation über Rem Kohlhaas' Shopping-Katalog in der Frankfurter Rundschau: "Die "Mall" als Modell der Stadtplanung, übersichtlich, effizient und ohne Brachen, bestens überwacht, konsumunwillige Außenseiter abweisend, in den Auslagen im spannenden Wechsel begriffen, subtil sich gesellschaftlichen Moden anpassend, allmählich das urbane Leben auf das Shopping-Thema reduzierend. Wer stehen bleibt, zückt unwillkürlich das Portemonnaie, diskret, aber umso beharrlicher zum Konsum aufgefordert. Wer stehen bleibt, ist eingenommen, ist befangen und unter Umständen überwältigt. Die Faszination vor dem Glimmer der Oberflächen lässt die Kommunikation stocken. So hat die Mall Park und Platz als Ort der freien Rede verdrängt." Alle Nostalgie ist immer halb falsch, also auch die Sehnsucht nach Park und Platz. Nur weil im Freien der kleinen Stadt die sozialen Grenzen nicht sichtbar sind als Wände um eingeschlossenen Kaufraum, nur weil der Platz ein öffentlicher ist, nicht die nachgebaute und durch privates Sicherheitspersonal zwangsbefriedete Simulation von Öffentlichkeit, kann von Freiheit im öffentlichen Raum doch nicht im Ernst die Rede sein. Im Gegenteil: die Dorfstraße, die Fußgängerzone (die allerdings allerorten auf dem Weg zur Mall-Struktur ist) ist der Ort der Dauerbeobachtung, des sozialen Abmessens und Einfügens in Vorkenntnisse übers Individuum, der Regulierung von Verhaltensabweichungen; die Mall ermöglicht demgegenüber gerade eine Freisetzung durchs Monothematische. Man kann sich hier absentieren mitten im Trubel, der aufs Fressen und Shoppen gerichtet ist, man kann lungern und abseits stehen und niemanden stört es, solange man niemanden stört. Die Mall ist komprimierte Großstadt, totale Anonymisierung und daher das Signum der Zukunft der Großstadt; sie hat nur ein Gesicht und fordert nur minimale Anpassung. Sie ist ganz und gar künstlicher Raum - und als solcher irritiert er die eingespielten öffentlichen Verhaltensnormen. Der Druck, der von der Mall aufs Individuum wirkt, ist kein sozialer mehr, sondern einer der Zeichen, die gerne hätten, dass man sie erkennt. Wir sind in der Mall nicht mehr politische Wesen, sondern hochgezüchtete Semiotiker. So ist die Mall der vollendete Raum des Asozialen, das etwa in öffentlichen Verkehrsmitteln durch die statische räumliche Nähe immer wieder erschüttert wird, in denen der eminente Sozialraum Kutsche noch nachzittert. In einer Mall kann man niemanden kennenlernen, in einer Mall ist man das Individuum als kunterbunte Uniform, die die Mimikry an die multiforme Warenform betreibt. Was aber in der Uniform steckt, interessiert keinen mehr - und eine der Ideologien, die entstehen, wenn man glaubt, es gebe nur, was man sieht, ist die, dass gar nichts mehr darin und dahinter steckte an Individuellem. Wahr ist, dass die Mall nicht der Ort der freien Rede ist, aber welcher Park (von Refugien des Wahnsinns wie der Speaker's Corner mal abgesehen) und welcher Platz war das je. In der Mall mit ihren visuellen Zerklüftungen gibt es kein Zentrum mehr, die große politische Kundgebung ist per Raumdefinition unmöglich geworden, umgekehrt natürlich auch die Demonstration - aber beides sind doch eher anachronistische Repräsentationsformen des Politischen. "Die Menschheit wird verschwinden, Ruinen werden bleiben. Die Auflösung aber hat, wie Koolhaas meint, bereits begonnen. Der öffentliche Raum verschwindet hinter gigantischen Bildern, von Bildschirmen ist der Raum umstellt. Die Gehirne sind von Bildern geflutet, Bilder einer Traumwelt, die alles andere beiseite drängen. Die Dinge werden erworben als haptische Vergewisserungen, dass die Traumwelten real sind. Welch ein Irrtum, man ahnt es. " Auch alles Apokalyptische ist immer halb verkehrt. Mitten im falschen Bewusstsein - und nicht vom vermeintlichen Außen des Predigerpostens - ersteht immer wieder neu luzide Erkenntnis, tun sich Lösungen auf, die aufs Problem passen wie der Schlüssel ins Schloss. Die Bilderflut enthält immer ihr Anderes, die Möglichkeiten zum Umgang mit ihnen, der Kritik ist und Alternative. Vor allem produziert sie, je komplexer die Zeichenwelt, desto notwendiger, falsche Anschlüsse, Unverständnis, Überforderungen, die sich zu Formen des Widerstands, unerwarteter, unkontrollierbarer Gegenreaktionen verklumpen. Und wie immer ist es so, dass nur der Kulturpessimist an die Realität der Träume glaubt, an die Unfähigkeit der einzelnen, hier Unterscheidungen zu treffen, ohne die man das alles ja auch gar nicht aushalten könnte. Kohlhaas, der - siehe sein Prada-Shop in New York - munter mitspielt als Apokalyptiker auf den zentralen Umschlagplätzen finanziellen und symbolischen Kapitals, glaubt mit der Inbrunst des Bußpredigers an das Spiel der Dinge und Marken, das, so differenziert und hoch aufgeladen mit Bedeutungen es sein mag, keinem vorgaukelt, es sei mehr als das: bloßes Spiel, die Benutzeroberfläche einer Gesellschaft, die mit den Wirksamkeiten des kapitalistischen Betriebssystems nur die täuschende Ähnlichkeit des Symbolischen gemein hat. ... Link
hamann
knoerer
09:59h
Martin Mosebach nennt heute in der Süddeutschen viele gute Gründe, warum von Heinz Schlaffers Kurzer Geschichte der deutschen Literatur wenig zu halten ist. Sehr interessant, dass er Hamann als Schlüsselgestalt der deutschen Literaturgeschichte ausgemacht hat - und wie schön, dass gerade Isaiah Berlins Monografie zu Hamann bei mir auf dem Nachttisch liegt. Das Großartige an Berlin ist, dass er, den man mit Fug und Recht einen der großen Denker des Liberalismus und des Rationalen nennen kann, sich stets von den großen Antipoden angezogen gefühlt hat, Sorel etwa oder eben Hamann, und das unterscheidet ihn so wohltuend von den rationalistischen Tugendwächtern von Popper bis zur klassischen analytischen Philosophie, denen nie was Gescheiteres als die sofortige Exkommunikation eingefallen ist, wenn ihnen was nicht in den auf simple Logiken verengten Kram passte. ... Link Montag, 4. März 2002
aktenzeichen xy
knoerer
13:38h
Nie wieder wird die Riffelblende in den Einspielfilmen zum Einsatz kommen (FAZ vom Freitag) - Abschied von diesem uralt-vertrauten Stilmittel der mit der Fernseh-Muttermilch eingesogenen visuellen Grammatik. Angezeigt hat sie, als Mufu-Blende, Flashbacks ebenso wie das Vergehen von erzählter Zeit überhaupt. Und hergestellt hat man den Effekt - das ist in dem Artikel nachzulesen - von Hand: durch eine vor der Kamera vorbeigezogene Riffelglasscheibe. ... Link ... Nächste Seite
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morgigen FAZ: Zum Artikel "Hans Imhoff - Meister über die...
by knoerer (17.02.09, 19:11)
live forever The loving God
who lavished such gifts on this faithful artist now takes...
by knoerer (05.02.09, 07:39)
gottesprogramm "und der Zauber seiner
eleganten Sprache, die noch die vulgärsten Einzelheiten leiblicher Existenz mit...
by knoerer (28.01.09, 11:57)
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