Montag, 4. März 2002
unterwegs in deutschland (freitag morgen)

Wenn man aus dem Zugfenster blickt: immer wieder bunte, nicht mehr recht runde Plastikbälle, verschossen und nie wieder eingesammelt, auf Dächern, in Gräben, sogar auf dem freien Feld. Da einen eine Zugfahrt in Richtung Heimat leicht sentimental werden lässt, wird einem so ein Ball schnell zur Madelaine und schleppt aus den Hinterstübchen des arg unaufgeräumten Gedächtnisses Erinnerungen an lange Jahre dilettantischen Freizeitfußballspiels heran, an ganze Salven wild fehlgegangener Bälle vor allem.

Diesseits des Fensters trinken sich von Berlin nach Nürnberg zwei Damen - mittleren Altersvon und von durch irgendwelche Sentimentalitäten nicht abzuschüttelnder Gegenwart - zunehmend fröhlich durch ihre Flasche Rondo Melange.

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Sonntag, 3. März 2002
TV-Tipp

Der Aal, heute um 23:35 in SWR 3.

Drehbuch nach dem Roman 'Yami ni Hirameku' von Akira Yoshimura. Der 74-jährige Altmeister Shohei Imamura erhielt für 'Der Aal' 1997 die Goldene Palme von Cannes, wie bereits 1983 für 'Die Ballade von Narayama'. Für sein in Schwarzweiß gedrehtes Hiroshima-Drama 'Schwarzer Regen' erhielt er in Cannes 1989 den Technikpreis. 'Der Aal' erzählt in Bildern von meditativer Ruhe und Poesie eine dramatische Geschichte von Schuld, Sühne, Einsamkeit und Versöhnung. (Pressetext)

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Donnerstag, 28. Februar 2002
raus

Jetzt mal drei Tage weg, aus der Stadt, aus dem Netz. Dann wieder da.

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oberhausen

Und wer hat heute 40. Geburtstag? Das Oberhausener Manifest und alle, alle treten sie an zur (kritischen) Gratulation. Schon die Berlinale brachte in ihrer Retrospektive und Alexander-Kluge-Ehrung reichlich Konfrontationsmöglichkeiten mit dem längst nicht mehr Neuen Deutschen Film.

Reihum dominiert, wen wundert's, die Enttäuschung: in Form von Publikumsbeschimpfung in der FR:

Die Festivalpreise, die der junge, der neue deutsche Film dann in den glorreichen 70er Jahren bis in die frühen 80er hinein einfuhr, so erfolgreich wie keine andere nationale Cinematographie, sie hatten daheim, in den deutschen Kinos, keine Bedeutung.
Es waren Sternschnuppen, die in der Filmgeschichte verglühten. Kaum etwas ist deutlicher geworden in jenen knapp zwei Jahrzehnten der künstlerischen Blüte: dass der deutsche Film nie das deutsche Kino war; dass der Film in Deutschland jenseits des kulturellen Gemeinsinns angesiedelt ist; dass das Kino in Deutschland kein Ort der gesellschaftlichen Verständigung ist.

Für Dietrich Kuhlbrodt in der taz trogen einfach die Hoffnungen:

Und wenn wir dezidiert pro Oberhausen waren, dann weil wir hofften, dass etwas von der Nouvelle Vague, die es ja schon seit 1958 gab, zu uns schwappen würde. "Das Münchner Projekt […] könnte etwa einen deutschen Schriftsteller anregen, dem Beispiel Pasolinis und Robbe-Grillets zu folgen und sein nächstes Werk, statt auf Papier auf Zelluloid zu realisieren", imaginierte Patalas. - Verwirklicht wurden tatsächlich die institutionellen Gründungen.

Am schönsten und melancholischsten die Bestandsaufnahme von Peter Körte in der FAZ, der eine Internet-Recherche nach den vielen heute völlig unbekannten Mitunterzeichnern des von Alexander Kluge verfassten und vorgetragenen Manifests angestellt hat (aber immerhin landen sie jetzt im jumpcut-weblog-Register, das mit Google auf vertrautem Fuße steht. Keiner soll je wieder ganz verschwinden, Versprechen und Drohung - man lese unter dieser Beleuchtung mal wieder Arno Schmidts Tina oder Über die Unsterblichkeit - des Internets als Archiv.)

Ein paar Linien führen in die Zukunft. Alexander Kluge, klar, Edgar Reitz, auch Peter Schamoni. Andere Linien brechen ab oder werden unleserlich. Franz-Josef Spieker ertrank 1978 auf Bali, Raimund Ruehl 1965 im Wörthsee. Aber was ist mit, sagen wir, Wolf Wirth? Die Suchmaschine führt zum "psychotronischen Kino", aber auch zur Kameraarbeit bei "Grimms Märchen von lüsternen Pärchen" (1969). Hansjürgen Pohland drehte 1967 "Katz und Maus" nach Günter Grass und will heute einen Film in Los Angeles produzieren, was sich wiederum wie die Story zu einem traurigen Independent-Film liest. Oder Detten Schleiermacher? Mit Kluge und Reitz gründete er 1968 die "Ulmer Hochschule für Gestaltung", die auch schon längst wieder geschlossen wurde. Hans Rolf Strobel ging 1977 nach Tansania und drehte "Baut euch selbst ein stabiles Haus", was den Oberhausenern so gar nicht gelang. Boris von Borresholm starb am Tag des Mauerfalls 1989, Heinz Furchner soll auch schon tot sein und hat bestimmt nicht die Fahrschule eröffnet, die im Internet einem Mann gleichen Namens zugeschrieben wird.

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fidelio

Großes Geschrei erhebt sich vom Kaiserdamm herüber, Empörung über Christof Nels Fidelio-Inszenierung. Nun habe ich, da ich sie nicht gesehen habe, darüber naturgemäß kein Urteil. Das aber, das Klaus Georg Koch in der Berliner Zeitung ausbreitet (ein vernichtendes), scheint mir in seinem atemberaubenden Konservatismus höchst dubios - was über die Qualität der Inszenierung wiederum erst mal immer noch nichts aussagt. Hier Koch:

"Nun ist Klassik nicht nur das, womit Kinder gequält und Ungebildete düpiert werden, sondern Klassik bedeutet in Deutschland an erster Stelle: Interesse am Menschen selbst. "Jeder individuelle Mensch", so sagt es Schiller, "trägt, der Anlage und Bestimmung nach, einen reinen idealischen Menschen in sich, mit dessen unveränderlicher Einheit übereinzustimmen die große Aufgabe seines Daseins ist".

Es ist dieser Humanismus, den Koch in seinen ästhetischen Prämissen sehr zutreffend als in sich stimmige Verknüpfung von Rolle und Musik, von Figur und guten Gründen beschreibt und den, wenn irgendein Genre, doch gerade die Oper austreiben sollte. Sie ist es, die ihrer offenbaren Künstlichkeit wegen die Gemachtheit und Gezwecktheit dieses idealistischen Menschenbilds doch mindestens herausstreicht, wenn nicht dieses Bild gleich immer wieder demontiert. Das glatte Gegenteil fordert Koch: alteuropäisch soll sich über Psychologie - als Black Box eines selbstverständlichen Zusammenhangs von Person und Handeln - Motiv und darum auch Affektbindung herstellen. Und darüber dann auch noch ein Verständnis von Politik, wie es anthropozentrischer nicht sein könnte.

Genau das gilt es kaputtzumachen und genau dafür ist die Oper - gegen ihre Intentionen, versteht sich - wie geschaffen. Es könnte, dem Gezeter auch des Publikums nach, Christof Nel gelungen sein.

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Mittwoch, 27. Februar 2002
mensch, heiner

Heiner Lauterbach wird Vater:

"Heiner schreibt mir wunderbare Gedichte, die sind so rührend, dass ich sie aufhebe." Eine Veröffentlichung lehnte er aber ab. "Ich bin eben kein Lyriker, aber die Verse kommen von Herzen."

Schlimmer noch:

"Zu Lauterbachs Zukunfstvorstellungen sagte der Schauspieler, er wolle langsam mehrere Standbeine entwickeln. Dazu gehören wohl auch Überlegungen, verstärkt Theaterstücke schreiben zu wollen."

Zitiert nach : Netzeitung.

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schweizer begräbnis

Alle, die mich auf dem letzten Gang begleiten, sollen nur während der Predigt und der Versenkung der Urne besinnlich sein. Danach ist Gemütlichkeit und Humor an der Reihe. Ich habe bei Frau Jenni in der «Grünegg» ein Säli reserviert und im Voraus ein Zvieri mit Hamme und natürlich einen rechten Tropfen Roten bezahlt.

Da denkt alle an mich zurück, indem ihr bei Frohsinn und Geselligkeit meine Geschichten auffrischt. Zum Abschluss des Mahls, das wünsche ich mir ausdrücklich, singt für mich noch einmal «Wie die Blümlein draussen zittern». Ich werde mein liebstes Lied hören.

(Letztwillige Verfügung von Karl Kari Dällenbach, Coiffeurmeister und Stadtoriginal in Bern, kremiert am 12. August 1931.)

Aus diesem gleichfalls sehr traurigen und sehr schönen Text von Peter Bichsel in der NZZ.

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