Dienstag, 26. Februar 2002
cash, johnny

Sind natürlich alles wunderbare Menschen, die dem großen Johnny Cash heute zum 70. gratulieren: des hoch verehrten Wiglaf Drostes herzzereißende Liebeserklärung in der taz aber muss man einfach lesen.

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liebe und verrat

Typisch großkotzige Angeberfilmerei gab's gestern abend beim ZDF-Fernsehfilm der Woche, dem von Mark Schlichter in Szene gesetzten Boxerdrama mit dem schönen Titel Liebe und Verrat. Versammelt ist, neben zwei Newcomern in den Hauptrollen, die Creme der deutschen Fernsehschauspieler. Nicht gekleckert wird mit Produktionswerten und es steht hinter allem der eine (Nicht-)Gedanke, dass was optisch gut kommt, doch irgendwie klasse sein muss. Ist es aber nicht. Dummheit wird eben auch nur größer, wenn man sie - zu einem Duell im Ring zwischen alten Freunden, zu dramatischen Abrechnungen mit viel Gesicht-Gefuchtel - aufmotzt. Kaum mit anzusehen, was miserable Schauspielerführung für entsetztliche Folgen haben kann: Heinz Hoenig war die Karikatur seiner selbst, sogar Axel Prahl (der in Andreas Dresens Die Polizistin und Halbe Treppe so großartig ist) blieb blass. Der Plot verrutschte vom Überlebensgroß-Dramatischen ins Peinlich-Pathetische, auch sonst war alles, was zählte, der größt mögliche Effekt. Ein Nichts in bunten Bildern (der Einsatz der Videobilder bei der Rettungsaktion am Ende war im übrigen ganz unerklärlich, oder?).

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germanistisches

Heinz Schlaffer, seines Zeichens methodisch etwas angestaubter Germanist, macht gerade Furore mit einem Bändchen, das er "Die kurze Geschichte der deutschen Literatur" nennt. Einen Extrakt, der, nach allem, was man so liest, eine Essenz darstellen dürfte, gibt's heute in der Frankfurter Rundschau. Die zugrundeliegende These ist von vertrackter Dialektik, man kann auch Unlogik sagen: es gibt, so Schlaffer, keinen ordentlichen Traditionszusammenhang deutscher Literatur. Diese setzt recht eigentlich erst mit den Vorläufern der deutschen Klassik ein, ganz so wie wir's schon im Deutschunterricht gelernt haben. Der Rest ist immer wieder abgebrochener Anfang und zum großen Teil auch den Leistungen anderer europäischer Länder unterlegen. So weit, so allzu bekannt - und vielleicht nicht grundverkehrt.

Nun will aber Schlaffer weder auf zu Unrecht Vergessenes hinweisen - wie es Hubert Fichte mit einigem Furor für die deutsche Barockliteratur, Arno Schmidt eigensinnig für manchen Außenseiter unternommen hat - noch will er sagen, dass irgendwas an der Obsession für Goethezeitliches falsch ist. Seine These ist, dass alles, ganz literatursoziologisch, an der Religion hängt, zu deren ausrechenbaren Folgen er diese unsere Literatur zählt - und über den jeweiligen Bezug zur Religion möchte er gern eine deutsche Nationalliteratur rekonstruiert wissen. Was sich danach nicht richtet, ist folglich nicht richtig deutsch und der germanistischen Beobachtung wohl nicht weiter wert. Schlaffer hält dabei, ganz normativ und in seinen Normen vom Deutschlehrer von vor zwanzig Jahren in nichts unterschieden, die Klassik für den Gipfelpunkt der deutschen Literaturgeschichte (der er einen weiteren Höhepunkt zwischen 1900 und 1950 konzediert) und steht unglaublich sicher auf dem Boden ihrer Prämissen. Was ihn ärgert ist, dass man das heute nicht mehr so sagen darf; glaubt er wenigstens. Er dagegen will es ganz laut sagen dürfen und verteidigt sich schon mal im voraus mit den üblichen (von Schwanitz & Co.) bekannten neokonservativen Ressentiments gegen den Vorwurf des Nationalchauvinismus. Das Ressentiment läuft, apart apart, auf die Beschimpfung der Deutschen hinaus - und zwar dafür, dass sie nicht erkannt haben, was eigentlich deutsche Größe ist. "Charakteristisch für die Geschichte der deutschen Literatur ist, dass viele ihrer bedeutenden Werke nachträglich erst anerkannt, mitunter überhaupt erst konstituiert wurden - im Unterschied zu Italien, England, Spanien, Frankreich, wo die klassischen Autoren bereits unter den Lebenden ihr Publikum fanden."

Wo, frage ich mich, ist denn hier eigentlich das Problem? Die Rezeptionsgeschichte der deutschen Literatur ist gelaufen, wie sie gelaufen ist, das, wie üblich, mit schlechten eher als mit guten Gründen. Warum kann man sich nicht ganz entspannt mit dem beschäftigen, was man findet, mit Kontinuitäten und Diskontinuitäten und gelegentlich unter dem Maß des Nichtklassischen mal nachsehen, was es neben den anerkannten Größen noch so alles gibt. Stattdessen regiert da ein elender Wunsch nach Zusammenhang und Geschichtsphilosophie, dem die Phänomene in Wirklichkeit ganz fremd sind und egal. Dass dieser Wunsch sich immer noch auf Kausalität komm raus als nationalpädagogische Soziologie mit normativen Ansprüchen aufspielt, macht die Sache so richtig unangenehm. Es ist dies, vergleichbar Harold Blooms alteuropa-chauvinistischen Kanon-Anstrengungen, ein letztes Gefecht für eine Disziplin, deren Existenzberechtigung gerade, zum Glück und mit gutem Grund, den Bach runter geht.

Die Geisteswissenschaftler der Feuilletons, denen der neumodische Kram von (methodisch) Poststrukturalismus bis (disziplinär) Kulturwissenschaften ohnehin suspekt ist, stehen natürlich stramm, so diese Woche Johannes Saltzwedel im Spiegel und heute Ulrich Raulff in der SZ.

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Montag, 25. Februar 2002
gursky

Andreas Gursky ist, dem Hype zum Trotz, ein grandioser Fotograf. Hier etwa, ganz neu, ein Madonna-Foto.

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bild

Gott, ist mir schlecht:

"Was für wunderbare und schöne Spiele! 17 Tage lang Olympia wie im Rausch. Wir können stolz sein auf unser Rekord-Team. Insgesamt 35 Medaillen, die beste Bilanz eines Landes überhaupt. Das ist die dickste Sensation: Wir sind die Besten der Welt.
Bye, bye, Salt Lake City. 17 Tage lang waren wir im Olympia-Rausch. Es waren wunderbare Spiele, vor allem für den deutschen Sport.
(...)
Ja, wir sind stolz. Auf unser Rekord-Team. Auf das beste Team der Welt."

Wo, bitte, geht's zur Aberkennung der Staatsbürgerschaft? Und wohin nur? Spanien vielleicht?

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Sonntag, 24. Februar 2002
kirch

Die aufregendste Gegenwartsdramatik gibt's immer noch im Spiegel (wenn auch nicht im Kulturteil). Mitten im Gespräch mit Kirch-Geschäftsführer Hahn geht die Tür auf, herein tritt, als wäre es Hamlets Vater, Kirch, dessen Fell derzeit so eifrig verteilt wird:

"Plötzlich geht die Tür auf, und der Firmenpatriarch Leo Kirch kommt herein.

Kirch: (lacht) Ich wollte nur mal "Grüß Gott" sagen."

Ist das nicht großartig. Dann kommt er ganz nonchalant auf seine Beinahe-Blindheit zu sprechen, das ist dann ein bisschen Teiresias, noch größere Dramatik also:

"... Da ich seit 25 Jahren wegen eines Augenleidens kaum etwas sehen kann, bin ich auf mein Gespür angewiesen..."

Der blinde Seher, dem wir so ungefähr die Hälfte des massenmedial verbreiteten Bild- und Schriftmaterials verdanken, ein fast tragisches Paradox, auf sowas kommen Leute wie Albert Ostermeier oder Moritz Rinke natürlich nicht.

Und dann noch das Thema: Fressen und Gefressen Werden, drunter geht's nicht:

"Kirch: ... Schauen Sie: Murdoch ist ein Haifisch. Haifische haben scharfe Zähne. Wer mit denen nicht schwimmen kann, der soll gar nicht erst zu ihnen ins Becken steigen. (...)
Spiegel: Sie geben sich selbst zum Verzehr frei?
Kirch: Wenn es notwendig sein sollte, halte ich ihm alles hin. Dann frisst er mich eben. Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen. Die Knochen wird auch Murdoch mir schon lassen."

Wow. Re-member me, heißt's bei Hamlet so schön anschaulich.

Dann, wie auf Shakespeares Bühne der Abtritt:

"An dieser Stelle verlässt Kirch den Konferenzraum wieder."

Das alles im neuesten Spiegel, leider nicht im Netz, auch nicht gehackt.

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Samstag, 23. Februar 2002
listenlust

Von der Lust an der Registerliste

Das Schöne daran sind natürlich so siderische Konstellationen wies Hintereinanderweg von Foucault, Friesinger, Heidegger... Unser tägliches Lebensdurcheinander in konzentrierter Listenform.

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