Samstag, 23. Februar 2002
katchor 2

Jens Balzer von der Berliner Zeitung ist, neben Andreas Platthaus von der FAZ, der zweite große Comickenner des deutschen Feuilletons; beiden ist ein gewisser Snobismus nicht fremd, beide sind sie umso glücklicher mit einem so sehr allen kulturellen Hochstandards genügenden Autor wie Ben Katchor (siehe Eintrag vom 20.2.).

Der ist allerdings wirklich und wahrhaftig großartig und man kann ihm mit guten Gründen so benjaminisch kommen wie Balzer das heute tut: "Das Sentiment fürs Verlorene, das aus Katchors Comicstrips klingt, ist stets auch von der Freude darüber durchwirkt, dass die Dinge im Moment des Betrauerns wenigstens einmal in ihr Recht als einzelne Dinge gelangen. Vergänglichkeit wird hier im Medium der Erlösung gezeigt: Diesem nostalgischen Blick fehlt aller Kulturpessimismus. Er ist vielmehr tief religiös."

Die plötzliche Präsenz Katchors in den Feuilletons verdankt sich übrigens seiner derzeitigen Anwesenheit in Berlin, auf Einladung der American Academy.

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grand prix

Nicht nur schrecklich in jedem Sinne des Wortes, sondern komplett irrelevant schien mir die Grand-Prix-Vorentscheidung. Kann man etwa das periodisch durchziehende Großereignis "Wetten dass...?" noch mit viel ethnografischem Gewinn als Gesamtallegorie deutscher Bewusstseinszustände goutieren, an der die Ausblendungen mindestens so interessant sind wie das, was eine Bühne bekommt, bleibt man hier doch ratlos. Die Musik ist durchweg abgrundtief dumm und schlecht, die Inszenierungsformen bewegen sich auf Kinderfaschings-Niveau und von der viel beschworenen Ironie, die seit 1998 Einzug gehalten haben soll, war auch nichts zu spüren - Guildo Horns Auftritt gehörte zu den peinlichsten Momenten. Dazu passt bestens: dass Ralph Siegel mal wieder gewonnen hat. Am ehrlichsten verlogen schien mir noch das Dinosaurierpaar Ireen Sheer und Bernhard Brink: so klangen Schlager schon in der Zeit, in der ich jung war. Alle kläglich gescheiterten Versuche der anderen, an das Anschluss zu finden, was im engeren Sinne Musik ist, treiben einem nur Tränen in die Augen, man wendet sich mit Grausen.

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Freitag, 22. Februar 2002
straub huillet

Heute nacht (ab 23 Uhr 10) gibt's auf
3sat
in der Berlinale-Retrospektive-Reihe dreimal Jean-Marie Straub: Machorka-Muff und Nicht versöhnt, die ersten beiden Kurzfilme, habe ich auf der Berlinale gesehen. Man muss schon staunen, dass Straub und Huillet schon damals wussten, was sie wollten und es an Heinrich Böll auch ganz prima zu exerzieren verstanden. Von dessen Vorlage - für Nicht versöhnt: der Roman Billard um halbzehn - bleibt nicht viel übrig. Text-Versatzstücke, die, ganz Brechtsch, der auch am Anfang zitiert wird, nur aufgesagt werden. Bild-Bruchstücke, die gewaltige Unordnung ins narrative Kontinuum bringen. Das ist Film von Leuten für Leute, die das Erzählkino hassen - aber natürlich ist es auch den nicht so ideologisch Gesonnenen erlaubt, die Strenge, die Konsequenz, auch die Radikalität des Ansatzes und auch der Umsetzung wenigstens zu respektieren.

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The Isle

Endlich, zwar nur auf einer kleinen Leinwand (Hackesche Höfe) aber dennoch. Nach dem fulminanten Bad Guy auf der Berlinale war es eine Notwendigkeit Kim Ki Duks Festivalabräumer zu sehen. (siehe auch Jump Cut Kritik von Ekkehard). Der Film ist dichter, in sich geschlossener als Bad Guy; überzeugt durch die Ambivalenz, die sich zwischen den wunderschön anzusehenden Bildern und des sich innerhalb dieser Kompositionen abspielenden menschlichen Dramas auftut. Die häufig an Ki Duks Filmen geäußerte Kritik, was die explizite Gewaltdarstellung anbelangt, kann ich beim besten Willen nicht nachvollziehen. Ist sie doch nie Selbstzweck und immer Ausdruck eines stringenten künstlerischen Prinzips; die Gefühlswelt der Protagonisten in einer gewalttätigen Welt, und wer will das bestreiten, nach außen zu kehren und in Filmpoesie zu übersetzen. Vielleicht fehlt den Kritikern das Verständnis für diese Vorgehensweise, weil in ihrer Welt Gewalt nur noch medial aber nicht mehr ursprünglich erfahrbar ist, sieht man vom angeschnauztwerden beim Bäcker um die Ecke ab.

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orthografie

Unermüdlich kämpft Theodor Ickler, Linguist aus Erlangen, seit Jahr und Tag gegen die Rechtschreibreform, so auch heute wieder in der Süddeutschen Zeitung (bisher war aus nahe liegenden Gründen die FAZ sein Forum). Er hat manch gutes Argument auf seiner Seite, weil, wie jeder sofort sehen kann, die Reform alten Blödsinn mit Vorliebe durch neuen Blödsinn abgelöst hat, im stets irrigen Glauben - dem freilich auch Ickler anhängt -, es gehe in der Rechtschreibung vor allem um die Abbildung logischer und grammatischer Strukturen. Dabei, finde ich, sollte es eher um die Verhinderung des Schlimmsten gehen, nämlich überflüssiger Kompliziertheiten, die zu nichts als schulmeisterlicher Rechthaberei führen, aber auch des totalen Chaos, das im richtigen Leben doch eher nerven dürfte, und also: um die Bestimmung eines Toleranzkorridors. Der hat sich, wie es scheint, durch das Durcheinander, das Ickler so schön beschreibt, fast wie von selbst eingestellt. Es geht nun vieles wieder wie früher, aber zugleich auch wie nach dem Ansinnen der Reformer. Und ist es nicht wirklich scheißegal, ob einem etwas Leid tut oder leid tut oder leidtut? Ist es - und die wirkliche Reform besteht, am Ende, vermutlich darin, dass auch der Duden das einsieht.

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deutsches theater

Viele Theater gibt's ja in Berlin, nur ist nicht so arg viel Sehenswertes dabei, seit Jahren und im Moment. Bleibt sonst alllzu oft nur die Volksbühne, immer wieder vergnügliche Castorfiana (Schlingensief kann mir allerdings gestohlen bleiben, er ist der Mann für die anarchische Improvisation, soll lieber wieder Talkshows machen, wenn ihn jemand lässt) und im Prater Polleschs Schnellsprechtheorieundzeitgeistakrobatik. Eine echte Alternative aber gibt's - und sogar die Kritiker haben es diesmal sofort gemerkt: Michael Thalheimers Emilia Galotti.

Der Mann, der letztes Jahr von Darmstadt aus die Welt, naja, das Theatertreffen, erobert hat und erst mal am (neuen) Deutschen Theater gelandet ist. Der Text wird brutal runtergekürzt auf eine Spielzeit von 70 Minuten. Alle Darsteller sind angehalten, ihre Dialoge runterzurasseln und sowenig wie möglich das zu tun, was sie auf der Schauspielschule beigebracht bekommen haben: zu spielen. (Das ist ja noch mal anders als Volksbühne: die Darsteller da spielen ja eher sich selber, bzw. den Typus, den sie aus sich selbst entwickelt haben.) Sie sind auf strenge Formen reduziert, des Auftritts und des Abgangs auf einer schlichten Bühne, die Guckkasten und Laufsteg zugleich ist - mit einem famosen Clou, den Thalheimer erst bei seinem grandiosen Schlussbild voll ausspielt (das sollte man gar nicht verraten).

Das Ergebnis ist Reduktion und Stilisierung, nicht aber Zertrümmerung. Der Respekt vor dem Stück liegt, in der Zerstückelung noch, in der Strenge des Umgangs. Dabei ist das ganze so konzentriert, dass man nie unaufmerksam wird - und im Hintergrund läuft fast durchgehend als minimal music der Wong Kar-Weische In the Mood For Love-Soundtrack. Sehr sehr sehenswert.

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Donnerstag, 21. Februar 2002
olympia

Was ja die ganze Zeit nur an meinem Aufmerksamkeits-Rand ablief: die Olympischen Spiele (früher, ich erinnere mich, habe ich ganze Nächte vorm Fernseher verbracht). Gestern aber das erste Mal einen Wettbewerb im Zusammenhang geguckt und prompt gewinnt die grässliche Anni Friesinger Gold (heute im Morgenmagazin war, kleiner Trost, dafür gleich zweimal ihr Name falsch eingeblendet: Agnes Friesinger und Janina Friesinger; da saß wohl ein Praktikant am Hebel, der die Frau nicht leiden kann) und eine zweite Deutsche namens Völker (ich dachte, die schwimmt?!) Silber.

Da schalte ich so schnell nicht wieder ein. Sehr angenehm war jedoch der Lautstärkepegel im Eislaufstadion, der dazu führte, dass man den Kommentator nur ganz selten mal wirklich verstand. So als unverständliches Begleitrauschen ist das ganz prima. Wie ja die Mehrheitsmenschheit, wenn man den wissenschaftlichen Erkenntnissen glauben darf, das Fernsehen überhaupt vor allem genau so begreift und nutzt.

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