Donnerstag, 11. April 2002
lob & dank


Detlef Kuhlbrodt, mit dem wir kürzlich noch über billige und teure Kohlen nachdachten, war weit, weit weg, in Thailand nämlich und so, wie er über seine Reise schreibt und seinen Aufenthalt dort (in der Jungle World wieder), so sollte viel öfter geschrieben werden über Reisen und Aufenthalte in der Fremde: mit einem leicht erstaunten, neugierigen, freundlichen Blick. Hier zwei schöne Passagen, aber der ganze Text ist, das verspreche ich, sehr schön und natürlich müssen Sie, werte Leser, sowieso dahin klicken, also könnte ich mir die Auszüge sparen. Falls Sie das aber nicht glauben, dann lesen Sie sie eben und klicken dann!

Einmal probierte ich in einem Kaufhaus zum Beispiel mehrere Hemden aus, bis ich eines hatte, das perfekt war. Als ich es kaufen wollte, merkte ich, dass ich zu wenig Geld dabei hatte; die Travellerschecks waren im Safe des Hotels, und eine Kreditkarte besitze ich nicht, was mir die Verkäuferin nicht so recht glaubte. Das entwertete unser freundliches Gespräch. Ähnlich hatte ich das Gespräch mit einer sympathischen Prostituierten entwertet, als ich sie nach unserer Unterhaltung nicht ins Hotel mitgenommen hatte. Die Scham darüber, kein Sextourist zu sein, war mir aber auch ein bisschen peinlich.

und

Das Atlanta, das 1958 als achtes Hotel der Stadt eröffnete und als erstes einen Swimmingpool hatte, macht ein bisschen nostalgisch. Im angestaubten Foyer mit seinem großartigen Aufgang, hat man das Gefühl, in einem alten Film zu sein. Die 70 Zimmer werden gar nicht oder nur ganz behutsam renoviert. Neben der Eingangstür des Atlanta-Hotels hingen mehrere Metallschilder in verschiedenen Sprachen: »Folgende Leute sind hier als Gäste nicht erwünscht: 1. Leute, die sich nicht zu benehmen wissen; 2. ungepflegte und schmutzig gekleidete Personen; 3. Leute mit ungehörigem oder agressivem Verhalten; 4. Rowdies; 5. Raufbolde, Trunkenbolde und Drogensüchtige; 6. andere dubiose Charaktere.«

Und hinzuweisen gilt es auf Thierry Chervels Betrachtungen zum zweijährigen Bestehen des Perlentauchers - etwas genierlich ist es mir als fast von Anfang an Beteiligtem, Anja und Thierry und das ganze Projekt zu loben und zu preisen, aber es muss doch mal gesagt sein: das Leben im Netz wäre nicht dasselbe ohne Eure wunderbare Idee und Eure Ausdauer.

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Gelesen: John Updike: Gertrude and Claudius

Geradezu tollkühn ist das Wagnis dieses Buchs: John Updike schreibt nichts Geringeres als die apokryphe Vorgeschichte zu Shakespeares "Hamlet". Nicht als postmodernes Pastiche à la Tom Stoppard, der in "Rosenkranz and Guildenstern are dead" eine komische Groteske zwischen die Zeilen des kanonischen Texts schmuggelt, sondern als eigenständigen historischen Roman: die Geschichte eines Ehebruchs zwischen einer Königin und dem Bruder ihres Ehemanns. Der Ehebruch ist nun Updikes Lieblingsthema und wie er die langsame, zwischendurch noch einmal um ein ganzes Jahrzehnt verschobene, Annäherung zwischen Gertrude und Claudius schildert, das ist subtil und voller Liebe zum Detail wie zur Schaffung eines ganz eigenen sprachlichen Kosmos, der, natürlich, nicht Mimikry ans Historische ist, aber doch einen leicht pompösen, zugleich aber nie oberflächlichen, Eigensinn besitzt. Gertrude und Claudius werden mit außerordentlicher Sympathie gezeichnet, schwach vielleicht, aber ohne bösen Willen, der Mord an Hamlets Vater ist eine Art Notwehr (und das ganze im übrigen auch ein Kriminalroman), es geht, im Grunde, um nichts anderes als den Wunsch, den widrigen politischen Verhältnissen, in die man hineingeraten ist, ein wenig persönliches Glück abzuringen. Hamlet selbst kommt kaum vor, erst ganz am Ende, wenn Updike seine Geschichte, mit einem geradezu ironischen Verhältnis zum Tragischen (das so als abwendbares, aber umso traurigeres Unglück gedeutet wird) ins bekannte Drama hineingleiten lässt: die letzten Worte des Buches, bevor Hamlet die Szene betritt, bevor die Tragödie ihren Lauf nehmen wird, lauten: "All would be well."

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