Donnerstag, 28. Oktober 2004
Viennale-Filme IX: Park Chan-wook: Old Boy (Südkorea 2004)

Rache ist eine Form von Erinnerung: Die Tat darf nicht vergessen werden und führt zur Rachetat, die zur nächsten Rachetat führt. Die Erlösung schenkt nur der Tod, der ein Ende setzt. Neben dem christlichen, das im Verzeihen liegt, wäre nur ein anderes Ende denkbar, eine Löschung der Rache im Vergessen, ließe sich das Vergessen lernen, könnte Erinnerung vegehen wie Spuren im Schnee.

Fünfzehn Jahre ist Oh Dae-Su eingesperrt, ohne Begründung. Es bleibt ihm nichts, all die Zeit, als das Erinnern. Das Erinnern der Zeit selbst, die er sich, Jahresstrich für Jahresstrich, unter die Haut tätowiert, das Erinnern der Zukunft, die die Rache sein wird, für die Gewalt, die ihm angetan wird, jede Minute seiner Isolation. Das Erinnern der Gegenwart, die nicht zerrinnen darf, die den Willen zur Rache wachhalten muss, er schreibt sie nieder, Seite um Seite, Buch um Buch. Er bereitet sich vor, er tritt und boxt gegen die Wand, bis die Hände schmerzen, er gräbt sich ins Freie. Gelegentlich schickt der Teufel, der diese kleine Hölle regiert, das Gas vorbei und die Hypnotiseurin, die der Joker ist im Spiel um Erinnern und Vergessen, das hier gespielt wird.

Dann ist Oh Dae-Su frei und begibt sich auf die Suche nach seinem Folterer, nach dem Grund für die Folter. In einer Sushi-Bar findet er eine junge Frau mit kalten Händen, er will etwas essen, das lebt (wie die Erinnerung), er schlingt einen Tintenfisch in sich hinein, die Tentakeln zappeln, das Handy klingelt, Oh Dae-Su fällt in Ohnmacht und findet sich wieder bei der Frau, die auch nicht recht weiß, wie ihr geschehen ist. Ein Katz-und-Maus-Spiel beginnt, in dessen Verlauf sich zeigt: Die Rache, fünfzehn Jahre, war Strafe für Ohs Vergesslichkeit und mit dem Einschreiben der Rache in den Körper des Gefangenen ist es noch längst nicht getan.

Die Rache zeugt sich fort und fort. Die Erinnerung kehrt wieder, Oh sucht seine Vergangenheit auf und entdeckt die Urszene, zu deren Wiederholung ihn sein Folterer verurteilt hat. "Old Boy", der Film, stürzt seinen Helden immer tiefer in den Schacht des Erinnerns, eine Windung der Spirale nach der anderen. Erkenntnis wird dabei stets in Gewalt übersetzt, Gewalt in Erkenntnis - Versöhnung aber folgt nicht aus den immer neuen Rechnungen, die die Narration hier aufmacht. Und Rechnungen, deren Element einzig Gewalttaten sind, können nicht aufgehen, sie sind mit Blut geschrieben und können, wenn keine Göttin aus der Maschine eingreift, nur blutig enden.

Einem japanischen Manga hat Par Chan-wook seinen faszinierenden Stoff entnommen. Vielleicht stammt daher auch die Idee, ihn möglichst stylish zu inszenieren. Es ist eine schlechte Idee, Splitscreen für Splitscreen und Draufsicht für Draufsicht. Das Blutbad genügt hier nicht (im stärkeren, klareren Vorgänger "Sympathy for Mr. Vengeance" genügte es), der Plot muss auch noch, Bild fast für Bild, im Stilbad gewälzt werden, der Held im splitternden Glas. Im Willen zum Stil geht die Klarheit verloren, die nötig wäre, um den emotionalen Spannungsbogen der verwickelten Geschichte zu erhalten. Park will von jeder einzelnen Einstellung zu viel, traut der Logik der Rache zu wenig, und darum steht der Betrachter am Ende mit leerem Herzen da. Eine Verpuffungsreaktion.

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Viennale-Filme VIII: Ousmane Sembene: Moolaadé (Senegal, F 2004)

Collé zieht eine Linie, ein buntes Seil vor ihrer Schwelle: Dieses Band schützt die vier Mädchen, die zu ihr kommen, auf der Flucht vor dem Ritual der Genitalbeschneidung. Ihnen auf den Fersen die Beschneiderinnen in rot, furchterregend, aber machtlos. Was sich entwickelt, ist, wenn man so will, ein Polit- und Gerichtsthriller, der um Fragen der Macht, von Sprechakten, von möglichen Revolutionen des Gesetzes kreist. Der Schauplatz ist ein Dorf in Westafrika, dem Ousmane Sembene keinen Namen gibt, der exemplarische Charakter wird umso deutlicher. Machtfragen finden ihre Darstellung in Topografie, in der Verteilung und Aufladung von Räumen, in denen das rechte Wort, die falsche Tat ihren Platz haben, in Handlungen, die als solche symbolisch sind.

Mit dem bunten Seil, dem Ziehen der Linie, die Schutz gibt, unternimmt Collé einen Einschnitt in den homogenen Raum der Tradition. Der Schnitt, die Beschneidung der Frau, sind unbezweifeltes Ritual einer patriarchalischen Gesellschaft, die sich - das macht Sembene klar - an den Ritualen stabilisiert, die Akte und zugleich Symbole der Unmöglichkeit des Zweifels sind. Der Widerstand, Collés Widerstand, ist möglich nur im Rückgriff auf eine gleichfalls heilige Tradition, einen Mythos, der in der Topografie des Ortes doppelt instituiert ist: als Straußenei auf dem Dach der Moschee, als Ameisenhügel, an dem eine Geschichte hängt, die ihn zum mythischen Ort macht. "Moolaadé" heißt Schutz, aufheben kann ihn die Person, die ihn gewährt hat, nur durch ein Wort - das nie gesprochen wird.

Das Machtspiel kann beginnen. Der Schwager Collés - die die zweite von derzeit drei Frauen Cirés ist - stachelt seinen Bruder an, Collé zur Aufhebung der "Moolaadé" zu zwingen. Das Aufhebungswort muss gesprochen, die Ordnung der Tradition wiederhergestellt werden. Drei weitere Figuren markieren zusätzliche Positionen. Ein Ex-Söldner, der als fliegender Händler für das Eindringen der Moderne in die afrikanische Provinz steht, im Guten wie im Bösen. Er führt Kondome und aufklärerisches Gedankengut im Gepäck, kennt aber keine geschäftlichen Skrupel und entschuldigt sich im Zweifelsfall mit der Globalisierung.

Amasatou, Collés Tochter, ist der Präzedenzfall. Collé hat in ihrem Fall schon die Beschneidung verweigert, nun verliert sie ihren Ehemann. Der nämlich ist der Sohn des Dorfoberhaupts, kommt gerade aus Paris, bringt einen Fernseher mit und der Vater verbietet die Heirat mit der nicht Beschnittenen. Die Radios der Frauen werden als Schuldige ausgemacht, eingesammelt, auf einen Haufen geworfen und verbrannt. Es wird nichts helfen, der Fortschritt lässt sich nicht aufhalten. Es kommt zur Aushandlung der Machtverhältnisse, Sembene verschärft und vereinfacht den Konflikt in optimistischer Agitprop-Manier zur Geschlechterfrage, die Revolution findet statt, auf dem Dorfplatz, die Niederlage der Männer lässt sich auch durch einen blutigen Racheakt nicht abwenden.

Die Radios verbrennen, schwarzer Qualm steigt gen Himmel. Sembene zeigt das Straußenei. Dann, die letzte Einstellung, die Fernsehantenne, Symbol des Kulturoptimismus.

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