Dienstag, 15. Februar 2005
Berlinale. Lajos Koltai: Fateless (Ungarn 2005, Wettbewerb)

Bisher war der Wettbewerb, so weit ich ihn mitbekommen habe, mit ganz wenigen Ausnahmen eine Tortur für die Geschmacksnerven. Auf einen Film wie "Fateless" konnte man dennoch nicht recht gefasst sein. Es fing schon damit an, dass erst "Heights" aus dem Wettbewerb (genauer gesagt aus der ohnehin widersinnigen Rubrik "Wettbewerb außer Konkurrenz") gekegelt wurde, weil Glenn Close ihren Besuch absagte. Aha, durfte man denken, so ist das also: Filme werden hier eingeladen nicht etwa, weil sie interessant sind oder gut, sondern weil man den Star haben will. Sagt der ab, wird auch der Film verabschiedet. Würdelose Veranstaltung, aber wundern kann es keinen, der den Wettbewerb kennt.

Was man tat: Man lud als Ersatz einen Film ein, den man bereits abgelehnt hatte. Willkommen auf dem Basar, der Berlinale heißt. Kein geringerer als Imre Kertész, Literaturnobelpreisträger, hatte sich beschwert, dass man die Verfilmung seines "Roman eines Schicksallosen" nicht wollte. Immerhin hat er das Drehbuch dazu geschrieben. Auf der Pressekonferenz, auf der er anwesend war, erfuhr man auch warum: Ein bereits existierendes Drehbuch steuerte mit viel Brimborium und Effekthascherei zielsicher in Richtung Boulevard. Kertész wollte nicht mehr und nicht weniger, als das Schlimmste verhindern. Es ist ihm nicht gelungen – wenngleich sein Drehbuch tatsächlich kaum die Schuld trifft.

Man sollte vielleicht wissen, dass Kertész Romanvorlage die Geschichte eines Jungen erzählt, der ins Konzentrationslager von Buchenwald deportiert wird. Er überlebt. Was die Erzählung von seiner Deportation, von seinem Leben im Lager, von seinem Überleben gelingen lässt, ist die Ich-Erzählperspektive. Der Blick bleibt ganz und gar auf den des naiven Jungen eingeengt, der in keinem Augenblick begreift, was ihm wirklich widerfährt. Das Unfassbare wird von einem beschrieben, der es nicht fassen kann und durch seine Ahnungslosigkeit geschützt bleibt. Von einem, der davon sprechen kann, dass es im Konzentrationslager auch Momente des Glücks gegeben hat. Keinem als einem, der es erlebt hat, steht ein solcher Satz zu.

Diese Beschränkung auf ein Ich, das erzählt, und in seinem Erzählen die Welt rein subjektiv schildert, ist in der Literatur möglich, im Film ist sie es nicht, schon gar nicht einfach so. Der Zug des Bildes ins Objektive zerstört die Grundvoraussetzung des Gelingens von Kertész' Roman. Nur unter größten Anstrengungen, nur mit dem subtilsten Feingefühl wäre eine ähnliche Beschränkung, eine der Sprache der Vorlage ähnliche Einfachheit auch, vielleicht zu erzeugen. Ein gelegentliches Ich als Stimme aus dem Off, der fortwährende Blick ins Gesicht der Figur, die als objektives Bild an die Stelle des bloßen Ich der Sprache tritt, ist nicht im mindesten ein Äquivalent dafür. Auch einem kompetenten, klugen Regisseur hätte die Umsetzung schwerlich gelingen können.

Lajos Koltai freilich ist alles andere als ein kluger Regisseur. Vielmehr gehört er für das, was er mit "Fateless" angerichtet hat, verprügelt. Bisher hat Koltai nur als Kameramann gearbeitet, immer wieder für Istvan Szabo. Sein Film ist tatsächlich der Film eines Kameramannes. Er hat die Kamera seinem jungen Kollegen Gyula Pados ("Kontroll") überlassen, ihn aber dazu gedrängt, möglichst schöne Bilder zu filmen. "Fateless" ist ein Holocaust-Film der schönen, und zwar kitschig schönen Bilder. In Grau und Sepia, aber das gibt dem Ganzen erst recht etwas Altmeisterliches. Untermalt werden die Tableaus aus Buchenwald mit der schwelgerisch elegischen Musik von Ennio Morricone, der immer schon alles vertont hat, was ihm vor die Feder kam, vom Softporno zum Holocaust. Klingt alles ähnlich. Dank Lajos Koltai sieht es jetzt auch ähnlich aus.

Die vom Regisseur auf der Pressekonferenz gewählte Auslucht, es handle sich bei dem, was man sieht, eben um den Blick des Jungen, ist hanebüchen. Die Bilder, die man zu sehen bekommt, sind als schwelgerische, von elegischer Musik unterlegte Bilder objektive Bilder. Man muss kein Medienwissenschaftler sein, um das nicht nur zu sehen, sondern auch sehr unmittelbar zu spüren. In einer der sadistischen Quälereien im Lager müssen die Gefangenen in Wind und Regen auf dem Hof stehen, bis sie umfallen. Wer umfällt, stirbt. Wie hübsch das anzusehen ist in "Fateless". Und wie pittoresk der Schnee flockt, wie eindrucksvoll die nackten Leichen ins Bild gesetzt sind. Wie heimelig es im Lager zugeht. Noch die Maden im Knie des Helden sind ästhetisch ansprechend fotografiert. Das durchgehende Stilmittel der sanften Schwarzblende, das die schönen Bilder des Grauens zäsuriert, ist von einer Eleganz, die einem kalte Schauer über den Rücken jagt.

Zynismus ist nicht angebracht. "Fateless" ist ein Desaster, das man im besten Fall durch Dummheit entschuldigen kann. Imre Kertész, der den Film verteidigt, ist der Vorwurf zu machen, dass er von der Ästhetik des Kinos nichts versteht. Nun gut, er ist Literat und hat vom Film wohl ohnehin keine hohe Meinung. Auch er hat leider das Schlimmste nicht verhindert. Lajos Koltai gehört das Handwerk gelegt. Ein Festivalleiter aber, der einen solchen, den Holocaust aufs unwürdigste verharmlosenden Film in seinen Wettbewerb einlädt, ist durch nichts zu entschuldigen. Der Regisseur Christian Petzold hat in einem gestern erschienen Interview an Dieter Kosslick dessen umfassende Gleich-Gültigkeit gerühmt. Es gibt aber Fälle, in denen interesseloses Geltenlassen in Verachtung für die Mindest-Maßstäbe der Kunst wie der Moral umschlägt. "Fateless" ist ein solcher Fall.

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Berlinale. Christian Petzold Gespenster

Die Türen, die ins Schloss fallen, das Rauschen der Blätter in den Bäumen des Tiergartens, die Musik, die von der Party hinaus dringt, in den Raum der Natur zwischen den Räumen eines Hauses. Als Schlusspunkt der wütende Laut, mit dem eine Geldbörse in einen Mülleimer geworfen wird, wieder im Tiergarten. „Gespenster“ ist ein Film der Geräusche, ein Film, den man über seine Tonspur erzählen könnte.

„Gespenster“ ist auch ein Film, den man über seine Schauplätze erzählen könnte. Der Wald, die Natur, der Tiergarten. Hier finden sich Toni und Nina, eine schicksalhafte Begegnung. Ein Schicksal freilich, das einen Sinn fürs Lapidare hat. Sie erklären einander nicht. Sie begegnen sich, sie geraten aneinander und bleiben beieinander, bis sie sich wieder verlieren. Sie sind zwei Mädchen ohne Vergangenheit, die Mädchen, die sich im Wald begegnen, als wäre es ein Märchen der Brüder Grimm. Es gibt den Wald und es gibt die Stadt. Den Tiergarten und den Potsdamer Platz.

„Gespenster“ ist aber auch ein Film mit einer Geschichte. Falsch. Mit zwei Geschichten, die einander sacht berühren, im Ton der Erzählung, in den Figuren, am Ort des Geschehens. Die andere Geschichte ist die einer Mutter, die ihre Tochter verloren hat, vor vielen Jahren, in einem Supermarkt. In Nina glaubt sie sie nun wieder entdeckt zu haben, am Potsdamer Platz. In die Geschichte, in der Nina und Toni, die einander nicht kennen und einander nicht erklären, platzt die falsche Mutter, die vielleicht auch die richtige Mutter ist.

„Gespenster“ ist eine Liebesgeschichte. In den Geschichten, die sie einander erzählen, erklären sich Nina und Toni ihre Liebe. Aus der nichts folgt, die kein Fundament hat, kein anderes jedenfalls als die Gegenwart, in der sie sich ereignet. Nina rettet Toni, Toni rettet Nina. Die Geschichten, die sie sich erzählen, die Geschichte von einer Rettung zum Beispiel, sind nicht wahr. Ein Traum, eine Lüge, aber wahr sind sie dennoch. Die schönste Szene zeigt Nina und Toni nebeneinander, bei einem Casting für einen Film (oder eine Fernsehsendung, egal), sie tragen schon die Produktions-T-Shirts: „Freundinnen“. Toni erzählt ihre Lügengeschichte, Nina erzählt den Traum, in dem Toni auftritt als Königin. Die Kamera liebkost die Gesichter zweier wunderbarer Schauspielerinnen, die Gesichter von Sabine Timoteo und Julia Hummer.

In dieser Liebkosungen, in weiteren dieser Liebkosungen ist „Gespenster“ ein großer Film. Im ganzen ist er das nicht. So wundervoll die Tonspur ist, so sehr sie dazu einlädt, die Augen zu schließen und diesen Film einfach nur zu hören, so klar die Bilder sind, so wunderbar Christian Petzold (wie immer dramaturgisch beraten von Harun Farocki) seine Motive gegeneinander balanciert, so großartig die Schauspielerinnen sind und so wenig man die filmische Intelligenz dieses Regisseurs übersehen kann: Es funktioniert im ganzen nicht. „Gespenster“ hat das Zeug zu einem Meisterwerk, aber das ist er nicht.

Vielleicht hat es mit dem zu tun, was Christian Petzold in der Pressekonferenz erzählt. Eine Szene, in der einmal die Siegessäule im Hintergrund zu sehen war, hat er sofort in den Müllkorb geworfen. Dem Zufall, der ein Klischee auf die Leinwand befördern könnte, fällt Petzold programmatisch in den Arm. Auf den Millimeter genau will er bestimmen, was zu sehen, auch, was dazu zu denken ist. Das Bild, das er von seinen Figuren im Kopf hat, ist so präzise, dass er genau weiß, welche Zufälle die richtigen und die falschen sind. Toni ist die Soldatin, die nur in der Gegenwart lebt.

Von dieser Idee lässt er nicht. Nichts, das dieser Idee womöglich nicht entspricht, hat Raum in seiner Geschichte. Den Gespenstern, deren Geschichten er erzählt, nimmt er so die Freiheit, anderes zu bedeuten, den Figuren, anderes zu tun, als er für sie vorgesehen hat. Christian Petzold weiß alles ganz genau, vielleicht zu genau. Vielleicht darf man aber auch als Autor und Regisseur nicht alles wissen, vielleicht muss man den falschen Zufall zulassen und Bilder, die abweichen von denen, die man im Kopf hat. Erst dann erwacht eine Geschichte, erwachen auch Untote zum Leben.

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