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Freitag, 10. Februar 2006
Michael Glawogger: Slumming (Österreich 2006, Wettbewerb)
knoerer
19:26h
Michael Glawoggers Film “Slumming” ist außen hart und innen ganz weich, mit gar nicht wenig Humor zwischendrin. Vier mögliche Gründe also, ihn nicht zu mögen, der Härte wegen oder des Zarten, des Humors oder der Mischung des Unverträglichen. Wollte man ihm böse sein, er wäre wohl schutzlos wie ein Rehkitz auf den verschneiten Straßen Wiens. Ich mochte ihn gern, auch deshalb. Auf die im ganzen realistische, von Surrealem leise durchzogene Welt dieses Films losgelassen wird der Trinker Kallmann (furios, aber mit Disziplin: Paulus Manker), „Fahrscheine bitte“, „in Oarsch eini bitte“, pöbelt er sich durch die U-Bahn und die Mariahilfer Straße hinauf in Wien. Er ist ein Dichter, ein herunter- und wahrscheinlich sowieso nie hinaufgekommener, er trinkt und ist betrunken, schimpft, schnorrt, stiehlt, tut nichts Gutes, bzw. für ein Bier oder einen Schnaps einfach alles. Auf die Welt losgelassen auch Sebastian aus Berlin (nicht ohne diabolische Züge: August Diehl), ein Junge aus reichem Haus, der tut, wonach ihm der Sinn steht und der so mit grausamer Gleichgültigkeit Taten verübt, die aus der Welt keinen besseren Ort machen. Er trifft Frauen, die er beim Chatten kennenlernt und fotografiert unterm Tisch unterm Rock ihre Höschen. Pia ist eine der Frauen, eine Volksschullehrerin, an der er hängen bleibt, weiß der Teufel warum. Sein Spießgeselle heißt Alex (Michael Ostrowski), gemeinsam unternehmen sie Streifzüge durch die Wiener Unterwelt und nennen, diese Art, Welten kennezulernen, in die sie nicht gehören, wie der Titel schon sagt „Slumming“. Das jüngere österreichische Kino treibt gern Spielchen mit dem Zufall (man denke an Barbara Albert, die hier dramaturgisch beraten hat, und ihre „Bösen Zellen“) – und also will es der Zufall, dass sich der Trinker und die Slummer begegnen, eines Nachts. Sebastian und Alex machen sich einen Spaß und verfrachten den vom Rum Gefällten über die Grenze in einen kleinen Ort in Tschechien. Da wacht er dann auf am nächsten Morgen und fragt sich und die Welt: „Was ist hier los?“ Diese Tat, die eine Untat ist, wird erstaunliche Folgen haben. Kallmann wird Bambi begegnen im Wald und den sieben (oder so) Zwergen im Eis, denn nun nimmt eine Art Märchen (und jedenfalls das Zarte im Film) seinen Lauf. Oder ein Wunder. Da hat einer, der eher Böses wollte, Gutes geschaffen. Ansichtssache vielleicht, denn nun schaufelt Kallmann nüchtern Schnee für ein bisschen Geld. Sebastian macht sich davon, Slumming nun in richtigen, indonesischen Slums, ein wenig wie sein Schöpfer Michael Glawogger, der für seine Dokumentarfilme, „Workingman’s Death“ zuletzt, auch immer in die Welt hinaus geht. Glawogger bringt regelmäßig arg schöne Bilder von schrecklichen Verhältnissen mit. Sebastian wird eventuell nur bekehrt. Ein besserer Mensch. Daran glaubt der Film mit gewisser Arglosigkeit schon. Es will mir nur nicht so recht gelingen, es ihm übelzunehmen. ... Link
wettbewerb
knoerer
15:07h
Der Besuch der Wettbewerbsfilm-Pressevorführungen lohnt oft der Dummheit wegen, auf die man im Publikum, in der vulgo Weltpresse also, trifft. Heute morgen reden zwei Typen hinter mir Blech. Mann, redet ihr ein Blech, denke ich mir. Dann beginnen sie auf die taz zu schimpfen. Sie sind beleidigt, dass "Snow Cake" nicht gut wegkommt. Er hat mich doch emotional berührt, sagt der eine trotzig. Das ist doch gut, wenn einen ein Film emotional berührt. Ich lese die taz ja nur noch während der Berlinale, sagt der andere. Und dann besprechen sie dieses obskure Zeug. Meint er wohl den Benning-Film. Möchte ja wetten, dass den beiden die unsägliche Dänen-Soap gefallen hat. ... Link
Amos Gitai: News From House / News From Home (Israel 2006, Forum)
knoerer
14:46h
Filme sind auch Erfahrungen, die man macht, wenn man sie sieht. Manche Filme bleiben fad von Anfang bis Ende. Manche packen dich und lassen dich nicht mehr los. Andere bauen ab oder hängen durch. Amos Gitais „News From House / News From Home“ fand ich erst so langweilig, dass ich nach zehn Minuten raus wollte, um vielleicht doch lieber George Clooney in „Syriana“ zu sehen. Ich blieb. Der Film wurde halbwegs interessant. Dann verblüffend. Dann umwerfend. Dann war ich den Tränen nah. „News From House / News From Home“ ist ein Dokumentarfilm. Der sehr renommierte israelische Regisseur Amos Gitai, ein gelernter Architekt, besucht einen eigenen Film, zwei Filme sogar, genauer gesagt. Der erste entstand im Jahr 1979, der zweite vor neun Jahren. Stets ging es um ein Haus in Jerusalem, das bis 1948 einer palästinensischen Familie gehörte. Seither leben Israelis darin. Vor 27 Jahren wurde daran gebaut, heute wird weitergebaut. Vor neun Jahren besuchte Gitai die Familie Dajani, die seit 700 Jahren in Jerusalem lebt, der einst das Haus gehörte. Für seinen neuen Film besucht er sie ein weiteres Mal, viel hat sich nicht verändert. Ratlos saßen sie auf der Couch, ratlos öffnen sie ihm heute die Türen. Später wird Gitai Dr. Dajani begleiten auf die Straße vor dem Haus, das ihm lange nicht mehr gehört. Dann sucht Gitai eine Verwandte der Dajanis auf, sie lebt in Amman, Jordanien, ist nach 1948 nur zweimal nach Jerusalem zurückgekehrt. Sie ist eine formidable alte Dame von achtzig Jahren, hat sich ihr riesiges Haus zum orientalischen Salon staffiert, mit Teppichen an den Wänden, Blumen überall, Schmuck und Ornament, Plüsch und Fotos der Herrscherfamilie von Jordanien. Sie erzählt aus ihrem Leben, ist geistig präsent. Sie zeigt Fotos, wie fast alle, sie zeigen Amos Gitai Fotos, zu denen sie Geschichten erzählen, von Toten meist. Noch eindrucksvoller der Besuch bei der heutigen Bewohnerin des Hauses, das hier als zentrale Metapher fungiert, als Metapher des Verhältnisses von Palästinensern und Israelis. Sie ist in der Türkei geboren, erzählt von der Toleranz, die dort den Juden entgegengebracht wurde, vom friedlichen Zusammenleben von Moslems und Juden und Christen. Ihr Vater war ein Uhrmacher aus Deutschland, der die Uhren in den türkischen Moscheen reparierte. Sie findet es nicht gerecht, dass sie nun dies Haus besitzt, das einem anderen gehörte. „Es ist die Geschichte“, sagt sie. Ich habe sie nicht gemacht, ich kann sie nicht rückgängig machen. Beim Besuch bei einem der Nachbarn, Herrn Kichka, er wohnt gleich gegenüber, stockt einem der Atem. Ein Israeli, der von einem bronzenen Schlüssel erzählt, den ein Enkel des früheren Bewohners des Hauses bei einem Besuch sehen wollte. Der Schlüssel, erklärt Herr Kichka, ist das Symbol des Rückgabeanspruchs, bei den Palästinensern. „Damit erhalten sie erhalten den Anspruch auf ihr einstiges Eigentum aufrecht.“ Er erzählt von einer extremistischen palästinensischen Karikaturistin, deren Signatur einen Schlüssel beinhaltet. "Er ist im Computer, er ist immer schon im Bild." Es seien furchtbare Karikaturen, erzählt er, Sharon, der im Blut der Palästinenser badet. „Karikaturen“, insistiert er, „sind wichtig. Sie sagen uns, was die Leute denken.“ Dann zeigt er Fotos, auch er, schwarz-weiß, seine Großeltern, Großtante, alle von den Nazis ermordet. Amos Gitai rechtet nicht. Er lässt beide Seiten zu Wort kommen. Niemand eifert hier, alle wissen um das Ausmaß des Unglücks. Die meisten Szenen sind mit der Steadycam gefilmt – und das kommt einem bald vor wie eine subtile ästhetische Metapher. Keine Handkamera, keine Reißschwenks, kein Gefuchtel. Gitai will die Ruhe bewahren im Auge des Sturms. Er macht außerdem Sachen, die man bedenklich finden könnte. Seine Stimme meditiert im Voiceover aufdringlich über das Haus als Metapher, es klingt, als hätte man aus Versehen den verzichtbaren Audiokommentar einer DVD eingeschaltet. Irgendwann denkt man aber, es ist seine Stimme, die wichtig ist, sein Englisch mit dem recht starken Akzent, nicht das, was er sagt. Unter vielen Bildern liegt Musik, Klaviergeklimper. Auch das ist manchmal zuviel des Guten, aber andererseits ziemlich egal am Ende. Sublim ist der Schluss. Man sieht das Gesicht von Natalie Portman auf der Fahrt durch das Tal des Jordan. Mit ihr hat Gitai seinen letzten Spielfilm gedreht, „Free Zone“. Sie sagt nichts, sie hält nur die Augen offen, zeigt einmal hinaus in die vorbeifliegende Landschaft. Man weiß nicht, was sie da gesehen hat. ... Link
welt
knoerer
14:03h
Vorhin in der Schlange vor der Kasse in der Mall eine gute Bekannte getroffen, die da anstand. Sie erzählt mir, dass sie in Kambodscha war und Vietnam. Und dann, kurz danach, im Sudan. Sie erzählt dies und das, wie lästig die herzensgut gemeinte Gastfreundschaft der Familie im Sudan ihr irgendwann war. Hinterher erst fällt mir auf, dass mir das vorkam wie das Selbstverständlichste von der Welt. Festival-Vertigo. Gestern Teheran. Heute Jerusalem. Dazwischen die Wirklichkeit. Macht keinen Unterschied. ... Link
Pernille Fischer Christensen: En Soap (Dänemark 2006, Wettbewerb)
knoerer
11:05h
Es gibt langweilige Filme und es gibt belanglose Filme. Der Unterschied? Keine Ahnung. Der dänische Wettbewerbsbeitrag „En Soap“ ist jedenfalls beides. Ein Kammerspiel zwischen zwei Wohnungen. Oben wohnt Charlotte (Trine Dyrholm), die nach vier Jahren Kristian (Frank Thiel) verlassen hat und nun einen neuen Anfang sucht. Unten wohnt Veronica (David Dencik), die Ulrik heißt, ein präoperativer Transsexueller, schüchtern, mit Hund und hübscher Zahnlücke zwischen den oberen Schneidezähnen. Charlotte klopft an Veronicas Tür, so lernen sie sich kennen. Im Folgenden lernen sie sich dann näher kennen. Sie sehen gemeinsam die amerikanischen Soap Operas, die Veronica so liebt. Sie kommen sich näher. Und näher. Zwischendurch gibt es Widerstände, innere und äußere. Die Mutter, zum Beispiel, die nicht wahrhaben will, dass ihr Ulrik Veronica ist. Wie bei Dogma selig wackelt die Handkamera bei natürlicher Beleuchtung und produziert hässliche Bilder. Die Einfallslosigkeit des Drehbuchs überträgt sich so immerhin unmittelbar. Das ist alles gut gemeint und gespielt, ohne jeden Wagemut, dümpelt dahin unter der Flagge seiner heteronormativitätskritischen Toleranzbotschaft. Und weil Pernille Fischer Christensen dann doch gemerkt hat, wie belanglos das alles ist, eine Transsexuellensoap eben, hat sie eine Ebene draufgesattelt und unterbricht das Programm in Schwarz-Weiß mit Zusammenfassungen des Geschehenen und zu Erwartenden. Aber in Klischee und Not bringt auch der Meta-Weg den Tod. Das ganze, verstehen wir, nichts als en soap, eine Soap also, oder doch eine Seifenlauge. Zwischendurch badet Charlotte ihre Füße darin. ... Link
Nasser Refaie: Another Morning (Iran 2005, Forum)
knoerer
07:41h
Seine Frau ist tot, die Trauergesellschaft verabschiedet sich. Der Mann ist allein, sein Name ist Kamali. Wir sind mit ihm allein, für den Rest des Films, Einstellung für Einstellung. Kamali schweigt. Und schweigt. Kamali wird bis zum Ende des Films kein Wort gesprochen haben. Er ist verstummt. Er tut Dinge. Er tauscht das Trauerfoto seiner Frau auf der Kommode gegen ein anderes, auf dem sie lebendiger aussieht. Er geht in sein Büro, sitzt dort an seinem Tisch, und schweigt. Er eilt, um zu weinen, auf die Toilette. Er rasiert sich und sieht im Spiegel einen neuen Mann. Wir sehen ihn auf dem Friedhof, er weicht den ums Grab versammelten Trauernden aus, nicht beim ersten, aber beim zweiten Mal. Später versucht er sich an der Waschmaschine, aber sie macht keinen Mucks. Also stellt er sich unter die Dusche und wäscht seine Sachen von Hand. Er hängt sie, als der Wäscheständer voll ist, übers Mobiliar. Bei all diesen Dingen beobachten wir Kamali, den Mann, der schweigt. Man sollte meinen, Nasser Refaies "Another Morning" sei deshalb ein trauriger Film. Ein Film über Trauer. Das ist er auch – aber er ist auch komisch. Und nicht nur das – er ist auch ein recht gewagtes Porträt der iranischen Gegenwartsgesellschaft. Schweigen nämlich ist Kamali unterwegs, zu Fuß und mit dem Auto, auf den Straßen der Stadt und der Vorstadt. Dinge stoßen ihm zu. Einmal beobachtet er eine Drogenübergabe, so sieht es jedenfalls aus. Eine Gruppe junger Männer stürmt an ihm vorbei, er läuft, weiß der Teufel warum, einer spontanen Eingebung folgend, mit ihnen mit und bekommt es mit der Staatssicherheit zu tun. Kamali ist, für uns, das beginnen wir irgendwann zu begreifen, mehr als ein schweigender Mann in Trauer. Er ist auch unser Mann in Teheran. Seine Augen sind so groß wie die unseren und er bewegt sich durch diese Welt, als wisse er nicht, wie ihm geschieht. Er ist ein wandelnder Distanzierungseffekt und somit die komische Figur par excellence. Durch den Tod seiner Frau ist die Bindung zur Lebenswelt zerstört, also fallen Leben und Welt auseinander. Die Begegnung mit den Dingen des Alltags wird zum komischen Kampf, nicht viel anders als für Monsieur Hulot. Und auch der spricht ja nicht (viel). Wie sieht die Welt nun aus, wie der Alltag in Teheran, die unser Mann uns zeigt und vor Augen führt? Die Lotterie spielt eine wichtige Rolle, das Fernsehen zeigt Nachrichten und Shows und Filme und Fußball. Die Behörde macht es denen, die zu ihr kommen, nicht leicht. Kriminalität, auch die Klage über die wachsende Kluft zwischen arm und reich, sind gegenwärtig. Am Nationalfeiertag sieht man einen Prediger, Refaie erlaubt sich den Scherz, ihn durch den Glasdurchbruch einer Tür zu filmen. So wird er distanzierend gerahmt vom Holz der Tür. Was er sagt, ist nicht zu hören. Wie hier, zeigt sich die Raffinesse des Films, der strikt auf Einfachheit setzt, im Kleinen. Man könnte sagen: Der Trauer seiner Figur wird er nicht gerecht. Er denunziert sie nicht, aber er nutzt sie um, als verfremdende Beobachterperspektive. Kamali fällt aus der Welt und schließt sie uns dadurch auf. ... Link |
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nasal Ein Leserbrief in der
morgigen FAZ: Zum Artikel "Hans Imhoff - Meister über die...
by knoerer (17.02.09, 19:11)
live forever The loving God
who lavished such gifts on this faithful artist now takes...
by knoerer (05.02.09, 07:39)
gottesprogramm "und der Zauber seiner
eleganten Sprache, die noch die vulgärsten Einzelheiten leiblicher Existenz mit...
by knoerer (28.01.09, 11:57)
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