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Freitag, 7. Februar 2003
Alan Parker: The Life of David Gale (USA 2003)
knoerer
19:50h
Die stärkste Einstellung von Alan Parkers Film „The Life of David Gale“ ist die erste: im Vordergrund ein Feld vor weiter Landschaft, im hinteren Drittel des Bildes eine Straße, ein Auto mit qualmendem Motor. Daraus steigt eine Frau und rennt so schnell sie kann. Man weiß nicht, wohin, man weiß nicht, warum. Aber man wird es erfahren, denn auf Schließungen offener Klammern, auf Erklärungen aller Art ist der Film aus, über alle Umwege hinweg, die er nimmt, die er sucht und die er in Richtung abstruser Auflösungen am Ende wieder verlässt. Am Anfang steht ein journalistischer Auftrag. David Gale (Kevin Spacey), einst renommierter Philosophieprofessor in Austin, Texas und zugleich einer der prominentesten Gegner der Todesstrafe, sitzt nun selbst als verurteilter Mörder in der Todeszelle. Er bittet Bitsey Bloom (Kate Winslett) – die Frau, die wir rennen sahen – zum exklusiven Gespräch, drei Tage lang, am vierten folgt das Schlusskapitel: seine Hinrichtung. Keineswegs will er dem Tod durch Injektion entgehen, nur die Wahrheit, fleht er, soll ans Licht, seines Sohnes, seiner Familie wegen, die ihn nicht länger für einen Mörder halten soll. Die Gespräche zwischen Gale und Bloom bebildert Parker als Rückblenden, die sich in der Annäherung an die Gegenwart zu einer wahrhaft unglaublichen Geschichte verdichten, in der am Ende nichts ist, was es schien. Allerdings, so viel zur Raffinesse des Drehbuchs: das ahnt man schnell – und auch die letzte Pointe kennt man lange, bevor sie dann ins Bild findet. Ohne zu viel zu verraten, ist so viel zu sagen: „The Life of David Gale“ nähert sich dem Thema Todesstrafe auf denkwürdig absurde Weise. In der Auflösung erweist sich der Film nicht nur als himmelschreiend unglaubwürdig in seinen Motiv-Konstruktionen, sondern schlicht als reaktionär. Gewiss: Gezeigt wird die Möglichkeit eines Justizirrtums, hingerichtet werden soll ein Unschuldiger. Die Umstände aber, unter denen das geschieht, entwerten die politische Aussage des Films vollständig. Das Argument des möglichen Irrtums erweist sich als plumpe Fälschung, den Gegnern der Todesstrafe spielt das Drehbuch gezinkte Karten in die Hand. Hinter dieser kaum fassbaren Torheit verschwinden beinahe all die anderen Untugenden, an denen der Film nicht arm ist. So wird etwa der komplexe Gegenstand im letzten Drittel ohne jeden vernünftigen Rest in eine mechanisch dahinklappernde Thriller-Maschine gesteckt, mit allem Drum und Dran wie tickenden Uhren, bebenden Lippen und brüllender Streicher-Musik. Und während es Kevin Spacey in den „Schiffsmeldungen“ vom letzten Jahr immerhin noch gelungen ist, inmitten eines unsäglichen Films seine schauspielerische Würde zu bewahren, muss man nun mit Bedauern feststellen, dass er das so überdeutliche wie manipulative Spiel, das Alan Parker hier treibt, grimassierend mitspielt . Seine viel gepriesene Fähigkeit zur darstellerischen Reduktion muss ihm irgendwo tief in Texas abhanden gekommen sein. ... Link
Das Leben des David Gale (Alan Parker; USA 2002; 132 min)
Reuthebuch
15:49h
Kate rennt ! Alan Parker, bereits in den siebziger Jahren mit Filmen wie „Midnight Express“ oder „Birdy“ zu Weltruhm gekommen, will im diesjaerigen Berlinale Wettbewerbsbeitrag „Das Leben des David Gale“ zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen, einerseits konventioneller Thriller, andererseits engagiertes Politkino sein. Ums deutlich zu sagen: das Unterfangen misslingt an beiden Fronten gruendlich. Ort der Handlung ist Texas, Huntsville, unweit von Austin, dem libertaeren Zentrum des riesenhaften Staates, in dem vieles amerikanischer ist als anderswo in Amerika. Auch was die Vollstreckung der Todesstrafe angeht, nimmt Texas eine Sonderstellung ein. Man ist hier eben stolz auf seine Traditionen. Die eigentliche Ueberraschung besteht darin, dass man bei einem Routinier wie Parker nicht vermuten wuerde, dass gerade handwerkliche, sprich dramaturgische Schwaechen derart deutlich auftreten wuerden. Klar zeigt man da mit dem Finger schnell auf den Drehbuchautor, doch man wird das Gefuehl nicht so recht los, dass man etliche Szenen erst vor Ort umgearbeitet hat. Zu billig sind die Mittel, mit denen dramaturgische Probleme, oft ausschliesslich ueber die Dialogebene geloest werden. Der zweite Kritikpunkt bezieht sich auf die Haltung des Films, die Parker offensichtlich (im Presseheft beschaeftigt er sich untypischerweise fast ausschliesslich mit dieser inhaltlich-thematischen Ebene) so ueberaus wichtig ist. Das schürt natürlich auch Erwartungen und letztlich muss Parker sich an seinen eigenen Ansprüchen messen lassen. Exemplarisch sei dabei der dramatische Hoehepunkt herausgegriffen, in der Kate Winslet das Rennen gegen die Zeit verliert, David Gale exekutiert wird und die Gegner und Befuerworter der Todesstrafe, wie Fangruppierungen von Fussballvereinen vor dem Staatsgefaengnis aufmarschieren. Mittendrin natuerlich die unvermeidliche Reporterschar. Mit schnellen Schnitten werden der Vollstreckungsapparat, die Medienmaschine und die sich hetzende Kate gegeneinander ausgespielt, im wahrsten Sinne des Wortes. Was bleibt, sind Allgemeinplaetze und die Erkenntnis, dass nicht immer der Zweck die Mittel heiligt. ... Link
In this World (Michael Winterbottom, GB 2002)
knoerer
12:06h
Glückwunsch zur Programmierung, Herr Kosslick. Stärker hätte der Kontrast zwischen dem außer Konkurrenz laufenden Eröffnungsfilm und dem ersten richtigen Beitrag zum Wettbewerb nicht ausfallen können. Wo „Chicago“ sich ohne alle Reue in Kunstwelten tummelt, hartschalig abschließt gegen alles, was mit der Realität außerhalb von Song-and-Dance zu tun haben könnte, unternimmt der britische Regisseur Michael Winterbottom mit „In This World“ das gerade Gegenteil. Sein Film erzählt die Geschichte einer Reise, die in Peshawar an der pakistanischen Grenze ihren Ausgang nimmt und die Cousins Enayat und Jamal (der, gerade mal sechzehn Jahre alt, nur mitkommt, weil er Englisch spricht) ins gelobte Land, genauer: nach London führen soll. Dünn ist die Linie zwischen Realität und Fiktion. Die Reise, von der der Film berichtet, haben Winterbottom und sein kleines Team tatsächlich unternommen, die beiden großartigen Hauptdarsteller wurden in Pakistan gecastet, viele der Szenen auf den Straßen von Peshawar, Teheran und Istanbul haben dokumentarischen Charakter. Dazu trägt die Digitalkamera bei, mit der man gedreht hat, in gelbstichigen, wackligen Bildern, die sich gelegentlich ins beinahe Unentzifferbare auflösen, in schwarz-weißes Gegrissel etwa beim Grenzübergang vom Iran in die Türkei. Ein Dokumentarfilm ist „In This World“, der ersten Anmutung zum Trotz, jedoch mit aller Entschiedenheit nicht. Zweimal meldet sich aus dem Off ein Sprecher erläuternd zu Wort, danach spricht das Gezeigte für sich. Die Bilder aber, die Szenen, die Figuren werden in die Struktur des Road Movie eingefädelt, mit vorgegebenen Dialogen, Auslassungen, Spannungsmomenten – entlang einer zur Orientierung regelmäßig eingeblendeten Karte, auf der die Route eingetragen ist. Dazu kommen Ortsangaben, in großen Lettern wie auf die digitalen Bilder getüncht, aber rissig, durchlässig für die Landschaften, die zu sehen sind. Dies Verhältnis von Vorder- und Hintergrund kennzeichnet Winterbottoms Verfahren im ganzen: in die Szenerie der Wirklichkeit wird die fiktive, aber nach wahren Begebenheiten modellierte Erzählung wie al fresco eingetragen. Der Raum der Fiktion schließt sich um den dokumentarischen Kern, mit allen Konsequenzen. Der Betrachter ist aufgefordert zum Mitfiebern wie zum Mitleiden, nicht zuletzt durch die Musik. Ohne Zurückhaltung untermalt Winterbottom seine Bilder mit emotionalen Orchesterklängen, verstreicht die Momentaufnahmen ins Flächige eines Nacheinander, das keine Längen kennt. Das heißt auch: von der Erfahrung, die geschildert wird, von Stunden, Tagen, Wochen des Ausgeliefertseins, des Nichtstuns und des Nicht-Weiter-Wissens, die eine solche Flucht ausmachen, gibt es nur Auszüge, Andeutungen und Ahnungen. Das ist kein Fehler des Films, denn er behauptet nirgends, dass mehr zu zeigen wäre als Annäherungen ans Unbegreifliche eines solchen lebensgefährlichen Unternehmens. Dezent bleibt die Kamera in den finstersten Momenten – die in Wahrheit Ewigkeiten sind, während der Überfahrt per Schiff von der Türkei nach Triest. Tagelang sind Jamal, Enayat und weitere Flüchtlinge, darunter ein Baby, eingesperrt in einen finsteren Container, ohne Nahrung, Wasser, frische Luft. Andere Bilder aber als ein gelegentliches Flickern, sekundenkurze Blicke in gequälte Gesichter zeigt der Film nicht. Auf alle Ausbeutung der Schicksale, von denen er erzählt, verzichtet er. Und berührt doch, gerade durch die Selbstverständlichkeit, mit der er vorgeht. Zu sehen sind nicht nur Bilder aus fremden Welten, sondern auch die im Verlauf der Reise fürs westliche Auge zunehmend vertrauten Umgebungen werden unterm Blick der Migranten plötzlich fremd. Und wie von selbst wird einem klar, was, wie Winterbottom unumwunden feststellt, von Anfang an die Botschaft seines Projekts gewesen ist: Kalten Herzens von Elendsflüchtlinen zu reden, die so eilig wie möglich auszuweisen sind, ist ein Wohlstandszynismus, der nichts als Verachtung verdient. Am Ende übrigens, ist in der Pressekonferenz zu erfahren, hat die Realität den Film dann endgültig eingeholt: Jamal, der nach Ende der Dreharbeiten in seine Heimat zurückgekehrt war, hat die Flucht gewagt, lebt nun mit außerordentlicher Duldung in London und wird am Tag vor Vollendung seines 18. Lebensjahrs abgeschoben werden. ... Link |
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last updated: 26.06.12, 16:35 furl
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