Montag, 10. Februar 2003
196 bpm (Romuald Karmakar, Deutschland 2002)

Love Parade Wochenende in Berlin. Regisseur Romuald Karmakar zieht mit seiner kleinen Digitalkamera los um seine Eindruecke einzufangen. Der Film ist in drei Einstellungen unterschiedlicher Laenge gegliedert. Es beginnt mit dem Eingangsbereich eines Clubs in der Westberliner City, der an die 5 Minuten lang mit kaum bewegter Kamera beobachtet wird. Vor dem Laden auf der Strasse stehen ein paar junge Leute herum, tanzen, trinken, gucken, unterhalten sich, was man halt so macht. Es folgt eine aehnlich lange Einstellung an einem Kiosk. Einer trommelt gegen die Decke, zum Rhythmus der Musik, andere sitzen auf Bierbaenken. Der dritte und deutlich laengste Teil zeigt DJ Hell bei der Arbeit in einem Berliner Club. Das wars und mehr ist auch nicht.

Auf der Toilette unterhaelt man sich noch mit einem Besucher ueber das Konzept des Films. Ziemlich Kulturpessimistisch, meint der, radikal selbstreferenziell noch dazu. Beide Aussagen koennte man so ohne Problem unterschreiben. Nach der Auffuehrung kommt Romuald Karmakar aufs Podium. Fast ein bisschen peinlich ist es ihm, dass sein Film einen Platz im Forum ergattert hat. Dabei gings ihm im letzten Sommer doch einfach nur ganz gut. So gut, dass er mal bei Pro Markt vorbeigestiefelt ist, fuer 25 Euro Material gekauft hat und losgezogen ist durch die Berliner Nacht. Kann ja auch durchaus Spass machen. Wer noch nie in einem Technoclub war oder die Love Parade nur vom hoeren sagen kennt, bekommt vielleicht sogar ein wenig einen Eindruck von dem was Techno ausmacht. Richtig auch, dass die Fernsehformate nicht befriedigen koennen, wenn es darum geht, unverfaelschte Eindruecke zu vermitteln.Ein Teil des Publikums findet es ganz witzig, wenn die Fragen des Festivalmitarbeiters ins Leere laufen und Karmakar achselzuckend die Absenz jeglichen Konzepts zugesteht. Zumindest ehrlich ist er.

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My Life Without Me (Spanien/Kanada 2003)

Die 23jährige Ann, die sich mit Putzjobs über Wasser hält, zwei Töchter hat und einen Mann, der der einzige ist, mit dem sie je geschlafen hat, nachdem sie ihn mit 17 auf dem Nirvana-Konzert kennenlernte, Ann erfährt: sie wird sterben, bald, in zwei Monate oder drei. Keine ganz neue Geschichte, fast ein Genre: der Mann, die Frau, der oder die nicht mehr lange zu leben hat. Das Register, in dem das in der Regel erzählt wird, ist das Melodram. Viele Tränen fließen, während man der Hauptfigur beim Sterben zusieht. Nun wird man nicht sagen können, dass Isabel Coixets – übrigens von Pedro Almodóvars Firma „El Deseo“ produzierter, aber in Kanada gedrehter – Film kein Melodram ist. Das ist er schon, jedoch eins der eher leisen Töne.

Es fängt damit an, dass man Ann gerade nicht sterben sieht, sondern leben. Und auch da vermeidet Coixet das Klischee. Es geht nicht in erster Linie um die Erkenntnis, wie wertvoll das Leben ist, wie wenig man es, im Alltag zum Tode lebend, geachtet hat. Ann nämlich lebt ihr Leben weiter, verrät keinem, wie es um sie steht. Das erste was sie tut: sie setzt sich in ein Café und macht einen Plan, eine Liste. Zehn Dinge, die sie tun will, bevor sie stirbt. Sex haben etwa mit einem anderen Mann als dem ihren, nur um zu wissen, wie es ist. Und Kassetten aufnehmen mit Geburtstagsgrüßen für ihre Töchter, bis sie 18 sind. Ihren Vater besuchen, der im Gefängnis sitzt, ein erstes und letztes Mal. Eine neue Mutter finden für ihre Kinder, eine neue Frau also für ihren Mann.

Das erstaunliche ist nun, dass der Rest des Films nichts anderes ist als die Erfüllung dieses zu Beginn aufgestellten Plansolls. Punkt für Punkt arbeitet Ann, arbeitet der Film das ab. Im Waschsalon trifft sie Lee, einen George Eliot lesenden, etwas schüchternen, etwas verkorksten Landvermesser, sie haben Sex, sie verlieben sich ineinander. Im Nachbarhaus zieht eine junge, gut aussehende Frau ein, sie lässt sie die Kinder hüten und lädt sie zum Abendessen ein. Das klingt merkwürdig – und lässt einen doch erst in der Häufung ins Grübeln geraten, was die Regisseurin sich dabei gedacht haben mag. Im Detail nämlich der einzelnen Szenen, des häuslichen Alltags, des Kennenlernens, ist immer wieder die Dezenz Coixets zu bewundern, das Feingefühl, mit dem sie kaum je die Emotionen zur Sentimentalität überzieht.

Der Hauptgrund, dass dieser Film nie wirklich auseinanderfällt, einem im Grunde sympathisch bleibt bis zum Schluss, ist die Hauptdarstellerin Sarah Polley – die ihre großartigste Rolle bisher in „Das süße Jenseits“ hatte, einem Film des Jury-Präsidenten Atom Egoyan. Zwar nimmt man ihr die Putzfrau keine Sekunde lang ab, ist im Gegenzug aber dankbar, dass ihr Spiel von allen Grobheiten frei ist, dass sie jede der vom Drehbuch gelegentlich mit allzu deutlichen Strichen gezeichneten Situationen mit einer Subtilität meistert, die, nicht weniger als das das, diesen Film rettet. „My Life Without Me“ ist ein netter Film mit manchen Schwächen. Den Goldenen Bären als beste Darstellerin hat sich, trotz Nicole Kidman, Sarah Polley beim gegenwärtigen Stand der Dinge verdient.

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Goodbye, Lenin! (Wolfgang Becker, D 2003)

Das fatalste Missverständnis in Wolfgang Beckers beinahe katastrophal misslungenem Film "Goodbye, Lenin!" ist von der Art, die einem gar nicht sofort auffällt, weil man den Wald nicht sieht, nur all die Bäume – bis man dann merkt, dass es nur die Bäume gibt, gar keinen Wald. Soll heißen: Die DDR ist hier, von Anfang bis Ende, nichts als eine Sache der Ausstattung, Baum für Baum und Bild für Bild. Akribische Mühe haben alle Beteiligten - vom Wessi-Drehbuchautor bis zum Wessi-Regisseur - auf einen geradezu fetischistischen Umgang mit Marken verwandt, von Spreewald-Gurken bis zur Aktuellen Kamera. Aus der offensichtlichen Angst heraus, etwas könne nicht stimmen, stimmt nun vermutlich (wenn interessiert das aber?) alles im Detail – und doch ist der Effekt der eines umgekehrten Pointillismus. Punkt für Punkt hat man die Wirklichkeit abgemalt, das Gesamtbild, das entsteht, ist jedoch ein einziges lächerliches DDR-Klischee.

Genau darum, ließe sich einwenden, geht es doch. Um die Rekonstruktion eines künstlichen DDR-Reservats, das Alexander Kerner (Daniel Brühl) für seine Mutter (Katrin Saß) einrichtet, um ihr den Schock der Wende zu ersparen. Sie nämlich ist kurz vor Mauerfall nach einem Herzinfarkt ins Koma geraten und erst am Vorabend der Wiedervereinigung daraus erwacht. Schonend soll sie behandelt werden, also tun nun alle so, als sei nichts passiert, die DDR erwacht zu neuem Schein-Leben im Krankenzimmer, dass der Mutter zuhause eingerichtet wird. Diese Drehbuchidee hat beträchtliches Potenzial, sollte man meinen. Die Konstellation könnte zum Gleichnis taugen für ostalgische Sehnsucht, zum Diagnoseinstrument für die Gewalt der Umbrüche, zum Ausgangspunkt für höchst komische Verwicklungen.

Wolfgang Becker aber, ein Regisseur, der bisher nie enttäuscht hat, verschenkt all das an eine halbherzige Komödie mit melancholischer Grundierung und melodramatischen Familienverwicklungen, die außer einem erzählerischen Nebenstrang dem ganzen nichts hinzufügen. Mit der nachholenden Wut dessen, der nur die Zeichen kennt und nicht die Wirklichkeit, setzen Drehbuch und Regie auf höchst oberflächliche Wiedererkennbarkeiten, darin erschöpft sich ein großer Teil des Witzes. Nirgends hat man den Eindruck, dass die Klischeehaftigkeit des DDR-Bilds hier eine bewusste Sache ist, also Reflexion aufs eigene Treiben. Der Film glaubt durchaus an das, was er zeigt, gerade in den im schlechtesten Sinne fantastischen Umkehrungen, die er am Ende vornimmt.

Komik entsteht aus dem Kontakt mit der Wirklichkeit, als deren Überzeichnung zur Wiedererkennbarkeit – oder durch Kontrastmomente, die in der Ausreizung des Unmöglichen die Begrenztheit des Wirklichen vorführen. „Goodbye, Lenin!“ dagegen sucht sein Heil in der Übertreibung von Klischees statt der Übertreibung der Wirklichkeit zum Klischee. Ein feiner Unterschied, mit dem die Komik des ganzen aber steht und fällt – im übrigen auch die Differenz zu Leander Haußmanns sehr viel gelungenerem Film „Sonnenalle“. Die Folge ist: dieser ganze nurmehr virtuell existierende Sozialismus hängt in der Luft, ist Anlass zu Scherzen, die ihn sich zurechtbiegen, wie sie ihn brauchen.

Das Buch denkt immer nur vom Plot her, nie von den Figuren. Wenn ein Experte zur filmischen Wiederherstellung des DDR-Fernsehens gebraucht wird, schreibt man ihn ins Drehbuch: lebendig wird er dadurch nicht. Etwas Liebe braucht es auch - voilà, hier ist die russische Lernschwester Lara (Chulpan Khamatova), in die sich der Held vergucken kann. So geht das ohne Ende und nichts und niemand muss einen hier wirklich interessieren. Es kommt hinzu, dass „Goodbye, Lenin!“ – von einem einzigen Bild abgesehen, dem Titel-Bild, wenn man so will: einer per Hubschrauber abtransportierten riesigen Lenin-Büste mit zum Gruß erhobenem Arm – von enttäuschender inszenatorischer Einfallslosigkeit ist. Ein Fernsehfilm, aber kein guter. Im Wettbewerb der Berlinale leider völlig deplatziert.

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