Mittwoch, 12. Februar 2003
PTU (Johnnie To, Hongkong 2003)

Johnnie To ist der Tausendsassa unter den Regisseuren Hongkongs. Gemeinsam mit seinem engen Freund und Mitarbeiter Wai Ka-Fei hat er in den neunziger Jahren die Produktionsfirma Milky Way Images gegründet, die seither mit schöner Regelmäßigkeit höchst erfolgreiche Blockbuster hervorbringt, viele davon unter der Regie von Johnnie To und Wai Ka-Fei. Manche dieser Filme - etwa der Hit "Needing You" aus dem Jahr 2000 - sind mit großer Präzision für den breiten Markt gefertigte Kommerzprodukte unterschiedlichster Genres. Daneben aber erlaubt sich To, wann immer es geht, eigenwilligere Filme, mit denen er die festen Regeln des Hongkong-Action-Kinos innovativ umwendet oder gar unterläuft. Sein Meisterwerk "The Mission" (2000) ist einer dieser Filme, eine Studie des Leerlaufs von Action-Helden, nicht ihrer Aktionen.

Mit "PTU", seinem neuesten, im Forum der Berlinale als Weltpremiere gezeigten Film, entfernt sich To weiter denn je von den stilisierten Hongkong-Epen, deren Meister er ist - noch im letzten Jahr war in Berlin sein fulminanter "Fulltime Killer" zu bewundern. Im Zentrum steht die Polizei in Hongkong, PTU ist der Name der uniformierten Streifenbeamten, die stets in größeren Gruppen unterwegs sind. Seinen Ausgang nimmt der Film allerdings in einer mit Sinn für absurde Komik inszenierten Szene in einem Billigimbiss, in der nicht nur einer der Protagonisten - der Zivilpolizist Lo, ein arroganter, fetter Kerl - vorgestellt wird, sondern auch eine Gang von Jugendlichen um den Anführer Ponytail (der allerdings bald einen langen und blutigen Tod findet). In der Platzverteilung an den Tischen werden mit leichter Hand Hierarchien entworfen und es wird, unterbrochen von ständigem Handyklingeln, eine Dynamik in Gang gesetzt, die erst mit dem Ende des Films, viele elegant in die Hongkonger Nacht gemalte Bewegungsstudien später, in einen Showdown mündet, ein Entladung, auf die erst einmal nur Stillstand folgen kann.

Es sind verlorene, gesuchte, zirkulierende Objekte - eine Waffe, Handys -, die den Plot des Films in Gang halten. Lo hat im Kampf mit Ponytails Gang seinen Polizeirevolver verloren, eine Gruppe von PTU-Polizisten, angeführt von einem Freund, hilft ihm bei der Suche. Sind sie bis zum Morgen nicht erfolgreich, ist der Verlust zu melden, Lo kann seine Beförderung vergessen. Das ist der eine Anlass für die Gänge durch die Nacht, denen To hier folgt. Der andere ist, konventioneller noch, die Suche nach dem Mörder Ponytails. Triaden-Bosse kommen ins Spiel, und PTU, Lo und die im Mordfall ermittelnde Polizistin laufen sich bei der Suche nach Spuren, Tätern und Objekten ein ums andere Mal über den Weg. Dies ist der Plot, mehr als Voraussetzung ist er nicht für das, was Johnnie To hier will. Das ist ein Porträt der überaus ambivalent gezeichneten Polizeitruppe zum einen, ein Porträt der nächtlichen Straßen zum anderen. Wie "The Mission" ist "PTU" ein Meisterwerk der Konzentration: auf einen eng umgrenzten Handlungs- und Zeitraum.

Höchst erstaunlich eine mehrere Minuten andauernde Szene, in der die Polizisten sich vorsichtig, Taschenlampe und Waffe im Anschlag, Stockwerk um Stockwerk eines Treppenhauses nach oben bewegen. To macht daraus einen Film für sich, mit Blicken in angespannte Gesichter, kurze Schockmomente. Dramaturgisch bringt diese Szene die Geschichte nicht voran - dasselbe gilt für die meisten Höhepunkte von "PTU". Etwa ein Kind, das auf einem Dreirad durch die Nacht radelt. Stets ist zuerst das leise surrende Geräusch der Bewegung zu hören. Es ist von einer Eindringlichkeit, die nichts mit Bedeutung zu tun hat, sondern beinahe reine Musik ist. Ohne alle Aufdringlichkeit entwickelt die Tonspur nicht nur hier ein Eigenleben: minutenlang wummert dumpfe Musik aus einem nächtlich belebten, nach außen aber ganz verschlossenen Musikpalast. Dieses Ineinander von Haupt- und Nebensachen entfaltet auf die Dauer großen Zauber. Auch die Bilder stehen, zu keinem Zusammenhang genötigt, für sich, als Schritt- und Schnittfolge von Schritten auf Asphalt, immer wieder zeigt To die Polizisten in der Reduktion der Action auf reine Bewegung. Das besitzt Eleganz ohne alle Stilisierung, Johnnie To gelingt das kleine Wunder, der Form, die alltäglich daherkommt, eine seltsame Poesie zu entlocken.

Es fragt sich, wenn man diesen wunderbaren Film sieht, nur eines: Warum läuft er im Forum, warum, zum Teufel, soll das nicht gut genug sein für einen Wettbewerb, in dem sich in diesem Jahr die mediokren Werke um die hinteren Plätze schlagen? Klar, es fehlt der bildungsbürgerliche Kunstanspruch, der die Türen zum Wettbewerb stets mit unerträglicher Leichtigkeit aufstößt. Und klar, einer wie Johnnie To kann sich einen Film nur leisten, indem er im Hauptberuf die Filmindustrie Hongkongs am Laufen hält, mit nicht weniger als sieben Filmen, die er während der mehrjährigen Arbeit an "PTU" gedreht hat. Er erzählt das im kurzen Gespräch nach dem Film, ein so freundlicher wie selbstbewusster Herr mittleren Alters, mit Brille und Bauch. Nichts gegen George Clooney, aber mein Held ist sehr viel eher Johnnie To.

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Lichter (Hans-Christian Schmid, D 2003)

Bisher hat Hans-Christian Schmid - der Regisseur von "Nach fünf im Urwald", "23" und "Crazy" - vor allem Geschichten vom Erwachsenwerden erzählt, und dabei, ganz nebenbei, ein Porträt der Bundesrepublik in drei sehr unterschiedlichen, auch unterschiedlich heiteren Teilen entworfen. Mit seinem jüngsten Werk, "Lichter", ist er nun selbst erwachsen geworden, oder hat sich jedenfalls das Erwachsenwerden verordnet. Ein schwieriger Prozess, davon kündet nun, leider, auch der Film. Vor drei Jahren zog Schmid, der in Bayern aufgewachsen ist und lange Jahre in München lebte, nach Berlin. An der deutsch-polnischen Grenze hat er den Schauplatz seines neuen Films entdeckt. Eine Stunde, nicht mehr, liegt Polen von Berlin entfernt. Angesiedelt ist Schmids Episoden-Drama in der geteilten Grenzstadt Frankfurt (Oder)/Slubice, deren deutsche Seite dem internationalen Publikum bereits aus Andreas Dresens letztjährigem Berlinale-Erfolg "Halbe Treppe" vertraut ist.

Zwar hat Schmid auch in seinem neuen Film nicht auf jugendliche Darsteller verzichtet. Und dass er so famos wie kaum ein anderer deutscher Regisseur mit ihnen umgehen kann, zeigt sich erneut. Jedoch bleibt den jugendlichen Zigarettenschmugglern, von denen er erzählt, einfach zu wenig Luft zum Atmen, zu wenig Raum, in dem sie sich ohne Knebelung durch die Geschichte entfalten könnten. Das wiederum liegt daran, dass ihnen nur eine von fünf bis sechs Episoden gewidmet ist, die in "Lichter" lose miteinander verknüpft werden, zeitlich auf zwei Tage und räumlich (beinahe) auf Frankfurt (Oder), Slubice und Umgebung beschränkt. In weiteren Episoden geht es unter anderem um einen Trupp ukrainischer Flüchtlinge, die nicht, wie gehofft, in Berlin, sondern auf der polnischen Seite der Grenze aus dem Wagen geworfen werden, außerdem um einen deutschen Matratzenhändler im geschäftlichen Unglück und um einen jungen deutschen Architekten, der entdeckt, dass seine polnische Ex-Freundin jetzt anschaffen geht.

Solche ineinander verschachtelten Episodenfilme sind immer eine höchst heikle Angelegenheit, da sie ebenso nach Rhythmusgefühl verlangen wie nach einem Gespür für den Zusammenhalt im Ton und einem geschärften Sinn für Kontraste. An allem mangelt es Schmids Film. Allzu hektisch schneidet er von einer Geschichte zur anderen. Die ständig wackelnde Handkamera des polnischen Kameramanns bleibt zwar nah an den Figuren, verhindert aber jeden Moment der Konzentration. Das eigentliche Problem von "Lichter" liegt jedoch in den einzelnen Episoden selbst. Es ist ihnen deutlich anzumerken, wie viel gefeilt und getüftelt wurde - solange bis die bisher bei Schmid so wunderbare Beiläufigkeit sich ins Illustrative gewendet hat. Zu viel Arbeit am Drehbuch ist hier der Figuren Tod. Es hilft auch nichts, dass die Geschichten und die Charaktere um die zwei Leitmotive "Geld" und "Grenze" gruppiert werden. Deutlich wird dadurch nur, wie fest Schmid plötzlich an die Möglichkeit von Wirklichkeitsbeschreibung in Form gerundeter Geschichten glaubt. Da war er schon mal weiter.

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Blinder Schacht (Li Yang, Hongkong, China, D 2002)

Song und Tang, zwei Freunde, haben eine hübsche kleine Geschäftsidee. Schließlich ist jetzt Kapitalismus in China, und man tut, was man kann. In der Stadt gabeln sie Arbeitslose auf, versprechen ihnen einen Job im Bergbau und geben sie dort dann als enge Verwandte aus, der Bruder, der Neffe, wie es kommt. Ein paar Tage später gibt's einen Schlag auf den Kopf, das lässt sich problemlos als Folge eines eingestürzten Stollendachs ausgeben. Die Besitzer der Minen betreiben ihr Geschäft, versteht sich, ohne Rücksicht auf irgendwelche Sicherheitsvorschriften und zahlen an die vermeintliche Verwandtschaft Schweigegelder. Song und Tang leben gut davon, eine veritable kleine Wir-AG, ganz die Sorte pfiffigen Unternehmergeists, an der anderswo tief gefühlter Mangel herrscht.

Es versteht sich von selbst, dass Regisseur Li Yang zunächst einmal eine Karikatur der Verhältnisse im heutigen China zeichnen will, die die Wirklichkeit ins Erkennbare entstellt. Es ist interessant, dass Song und Tang dem Zuschauer vom ersten Bild an nicht als grausame Mörder vorkommen wollen, sondern als im Grunde ganz nette Kerle, die von den Verhältnissen gezwungen werden, krumme Wege zu gehen. Das weiche Herz des einen wird, ganz folgerichtig, beiden dann zum Verhängnis. Ihren ersten Mord handelt der Film noch kurz, knapp und trocken ab, um sich dann auf das nächste anvisierte Opfer zu konzentrieren: den 16-jährigen Yuan. Nicht nur Song, sondern auch dem Zuschauer wird er schnell sympathisch, naiv wie er ist und voller Ehrgeiz, das Schulgeld aufzutreiben in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft.

"Blinder Schacht" ist eine exemplarische Geschichte und doch zugleich von einer Genauigkeit, die fast dokumentarisch anmutet. Die Herkunft des Regisseurs vom Dokumentarfilm wird deutlich in den Bildern aus der Stadt, in der die Mörder ihren Schützling in ein Bordell schicken - er soll nicht als Jungfrau sterben -, und in den Bildern, die die brutalen Bedingungen zeigen, unter denen die Bergwerksarbeit stattfindet. Schmutzig ist die Baracke, in die die drei gesteckt werden, notdürftig überkleben sie die Wände voller ausgebleichter Pin-Up-Poster mit Zeitungspapier.

So finster die Umstände sind, die "Blinder Schacht" schildert, so objektiv zynisch die Lage der Dinge ist: Von gelegentlichen Überdeutlichkeiten abgesehen, macht der Film nicht zu viel Aufhebens davon. Er funktioniert als emotionale Geschichte im kleinen Format wie als dokumentarischer Einblick in ein China, dessen brutale Transformation in eine kapitalistische Gesellschaft im Westen weitgehend unbekannt bleibt. Mit den nicht nur finanziell, sondern gewiss auch ästhetisch beschränkten Mitteln, die ihm zur Verfügung stehen, wirft Li Yangs Film ein Schlaglicht auf das heutige China. Ein kleiner Film, aber durchaus das, was man sich von einem als politisch deklarierten Festival erhoffen darf.

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