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Freitag, 14. Februar 2003
Der alte Affe Angst (Oskar Roehler, D 2003)
knoerer
11:40h
In letzter Minute ist Daniel Auteuils Bruno in Pascal Bonitzers „Petites Coupures“ im Wettbewerb um die unsympathischste Hauptfigur geschlagen worden, und zwar um Längen. Die Zumutung nämlich, die der Regisseur Robert (trotzdem brillant: André Hennicke) in Oskar Roehlers „Der alte Affe Angst“ für den Zuschauer darstellt, ist beträchtlich. Das reine Klischee des leidenden Künstlers, egozentrisch, rücksichtslos und bis zum Kragen im Selbstmitleid schwimmend. Seine Freundin Marie (Marie Bäumer) begehrt er nicht mehr, betrügt sie deshalb mit Nutten, ein ums andere Mal, für die Frau seines Lebens hält er sie dennoch. Er macht eine Therapie, ihr zuliebe, wie er einmal sagt, der Therapeut bestätigt ihn zu allem Überfluss in seinem Selbstbild. Oskar Roehler ist entschlossen, sich ausgerechnet in eine solche Figur zu verbohren, sie auszuziehen bis auf die Haut, ihr Inneres zu entblößen vor versammeltem Publikum. Das muss man nicht mitmachen wollen – und die Buhs der Presse nach der Vorführung kann man verstehen. „Der alte Affe Angst“ ist ein Trip nicht so sehr durch die Abgründe als durch die Sümpfe einer Seele, hautnah dran bleibt er am hysterischen Hin und Her einer Beziehung zwischen kindischem Herumtollen und kreischenden Vorwürfen, hält drauf, wenn Marie in der Wanne liegt, mit aufgeschnittenen Pulsadern, und wenn Robert die Prostituierte Lisa vögelt. Damit lange nicht genug des Elends. Marie ist Ärztin in einer Kinderstation, ein Kind liegt im Sterben und auch die Mutter ist HIV-positiv. Außerdem ist sie die Prostituierte Lisa – und daran wird schon deutlich, dass Roehler kein Halten kennt, im guten wie im bösen, Angst auf Schrecken häuft, finstere Schicksale nimmt, woher er sie kriegen kann. Dann ist da noch Roberts Vater (Vadim Glowna), auch er, wundert keinen mehr, todkrank, im Sterben, seinen letzten Roman (komisch, dass der Plot, den er erzählt, so frappierend ausgerechnet an „Solaris“ erinnert) kann er nicht mehr fertig schreiben. Robert fühlt sich belästigt durchs Leid des Vaters und als er sich doch noch entschließt, ihn bei sich aufzunehmen, ist er tot. Was noch? Ein Theaterstück mit nackten Menschen, die im Chor brüllen wie in einem schlechten Schleef-Imitat, „Wir haben Angst“ rufen sie, der Autor des Stücks ist Robert, der Autor des Films ist Oskar Roehler und wir haben längst begriffen, was er uns zeigen will. Natürlich kennt er dennoch kein Pardon, es geht immer weiter so, das Geschrei und der Streit, bei Nacht und bei Tage. Alle Subtilitäten sind von der ersten Minute an über Bord geworfen, „Der alte Affe Angst“ will immer nur hinaus auf den Exzess – wenngleich er ihn ausspielt gegen Kontrastmomente der Ruhe, unterlegt mit klassischer Streichkonzertmusik. Was er Marie und Robert zuletzt gönnt, sieht auf den ersten Blick aus wie ein Happy End. Nach ihrem Selbstmordversuch bleibt sie unter Beobachtung, Robert kommt zu Besuch. Sie umarmen sich, die Kamera kreiselt um sie, sie tollen durchs Gras, sie flicht ihm Gänseblümchen ins Haar. Schwer zu sagen, wie ernst das gemeint ist, die Fortsetzung dieser Hölle ist nichts, das man irgendjemandem wünschen möchte. ... Link
Twilight Samurai (Yoji Yamada, Japan 2002)
knoerer
07:55h
Seibei ist ein Samurai, mit dem Herzen bei der Sache ist er jedoch nicht. Seit dem Tod seiner Frau versorgt er seine beiden Töchter als alleinerziehender Vater mit kümmerlichem Gehalt (und seine demente Mutter dazu). Da kann es schon mal passieren, dass er etwas strenger riechend zur Arbeit erscheint. Stolz ist dort keiner auf ihn, sein Onkel will eine hässliche Frau an ihn verschachern, mehr darf er nicht erwarten. Allerdings gibt es da noch Tomoe, die Kindheitsfreundin, die ein Auge auf ihn geworfen hat, er aber will ihr das Leben in Armut und Arbeit nicht zumuten. Kurz, Seibei ist eigentlich zu gut, um wahr zu sein, ein Mensch ohne Ehrgeiz, der dennoch zuletzt einen bedeutenden Auftrag auszuführen hat, ob er will oder nicht. Ein realistischeres Bild der Samurais wollte er zeichnen, meint Regisseur Yoji Yamada. Kann sein, dass ihm das gelungen ist. Seibei ist ein gar nicht übler Schwertkämpfer und geht einem mit allzuviel Edelmut auf die Nerven. Ansonsten ist er einer wie du und ich. Ziemlich langweilig also, kein Held für einen Film, in dem weiter nichts geschieht. Ein bisschen Liebeswerben, kleine Scherze, eine schnurrige Geschichte. Die Kamera beobachtet meist aus der typisch japanischen Tiefebene, aber einfach so, ohne formalen Ehrgeiz. Die Bilder sind illustrativ und stets geschieht, was man lange schon erwartet hat. Je länger der Film dauert, desto stärker wird der Wunsch, dem Helden und dem Film Beine zu machen: beide beharren - mit Ausnahme einer langen, langen Kampfszene - auf ihrer Behäbigkeit. Im letzten Jahr hat man die Berlinale-Zuschauer mit dem wirr-langweiligen japanischen "Thriller" "KT" gequält, in diesem Jahr wird einem das japanische Kino durch die nicht unsympathische, aber reichlich schlichte Schmonzette vom "Twilight Samurai" verleidet. Dabei gehört Japan immer noch zu den aufregendsten Filmländern der Welt, davon kann man sich in Deutschland auf dem alljährlichen Frankfurter "Nippon Connection"-Festival überzeugen. Die Berlinale vermittelt kaum einen Eindruck davon. Es formt sich der etwas bösartige Wunsch, es möge Takashi Miike mit einem seiner Blutbäder hineinfahren in all das Kunstgewerbe des Wettbewerbs und bürgerliche Seelenqual wie gut gemeinten Biedersinn einfach mal kurz und klein hacken. ... Link |
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last updated: 26.06.12, 16:35 furl
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