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Dienstag, 12. März 2002
schanelec
knoerer
13:49h
Bei der großen Schwester von New Filmkritik, da, wo die langen Texte liegen, die meist großartig sind (so etwa der von Bert Rebhandl über Pialat - den ich gelesen habe, ich schwöre, nachdem ich über Pialats L'Enfance Nue geschrieben hatte - und in dem, das war mir fast peinlich, auch von der "Unbehauenheit" der Filme die Rede ist, wie bei mir und das ist ja nun keines der Worte, die man so mir nichts dir nichts im Munde führt: also muss es wirklich an den Filmen liegen), da also liegt seit zwei Stunden ein wunderbarer, so genauer wie poetischer, präziser gesagt: gerade wegen seiner Genauigkeit poetischer Text von Angela Schanelec über einen Aufenthalt in Marseille, der mit dem neuen Film zu tun hat, den sie drehen wird. Nun macht Schanelec ohnehin die schönsten Filme von allen in Deutschland derzeit - und wenn Sie glauben, das ist jetzt so ein dahin gesagter Superlativ, dann sehen Sie sich doch mal den letzten, Mein langsames Leben, an. (Wie man da ran kommt, weiß ich allerdings auch nicht genau, aber wahrscheinlich kann man sie selbst um ein VHS-Band bitten.) Ich hatte erst ganz viel zitieren wollen, aber jetzt alles wieder rausgestrichen, weil das ja nicht geht, ist nur noch dieser kurze Abschnitt übrig, aber es gibt ganz viele, die genauso schön sind oder noch schöner. Kleiner Bahnhof, merkwürdig sauber und bescheiden, außen wird gebaut. Hinter der Baustelle die armseligsten, kaputtesten Häuser, abgetrennt durch Maschendraht, dahinter führt eine enge Straße weiter in die Tiefe und wieder hinauf, die im hellen Gegenlicht wie erstarrt aussieht und lange sehe ich hin, bis ich die Bewegungen der Menschen und Autos wahrnehme. Bei folgender Frage fiel mir nur ein, woher ich, der ich noch nie in Marseille war, viele dieser Straßennamen kannte: aus Jean Claude Izzos so fieber- wie ziemlich fabelhaftem Roman Total Cheops nämlich. Hier jetzt noch die Frage von Schanelec, die mich wieder drauf gebracht hat: Gestern Abend Imre Kertesz gelesen, der dann unerwartet in Avignon und Cannes war, liebliche Kitschwelt, was hätte er über Marseille geschrieben? ... Link
bill viola
knoerer
13:03h
Bill Viola: Going Forth By Day (Guggenheim Berlin, noch bis 5. Mai) Ihr, die ihr hier eintretet, solltet gleich schon mal alles Profane fahren lassen: man kommt durch die Tür, wendet den Kopf und sieht einen Mann in feuerorangegelber, vor sich hin sprudelnder und blubbernder Plazenta treiben. Auch an die gegenüberliegende Wand geworfen ein Video, eine weiße Hausfront, man blickt durch eine offene Tür in einen Treppenaufgang, zwei geschlossene Fenster, Menschen hasten vorüber. Zur linken Hand auf extremer Breitlein-Wand ein Waldpfad, von links nach rechts gehen, sehr gemäßigten Tempos, Menschen, die mitten in den Alltag hinein gehörten, aber nicht in den Wald, den sie queren. Mit leichter Verzögerung erst bemerkt man, dass es sich um eine Zeitlupenaufnahme handelt. Rechts zwei Filme, zwei Szenen: ein schwerer Unfall scheint sich, rechts, ereignet zu haben, Rettungskräfte und eine abwesend wirkende Frau stehen, dann sitzen um einen kleinen Teich, die Ambulanz fährt ab, man begibt sich zur Ruhe, das ganze erhebt keine Realismusprätention, ist eindeutig im Studio gedreht. Links davon die surrealste Komposition: ein Boot, abfahrbereit am Ufer eines großen Sees, wird beladen mit Einrichtungsgegenständen. Links davon, auf einer leichten Anhöhe, ein Haus, eine Art Kapelle mit einer Seitenwand aus Glas, durch die wir hineinschauen können. An einem Bett mit einer/m Toten sitzt ein, trauerndes, mutmaßt man, Paar. Vor der Tür ein Mann mit Spitzbart, wenn die beiden gegangen sind, schließt er die Tür, gegen die die beiden bei ihrer Rückkehr pochen werden. Wenn sich die Augen an die Dunkelheit gewöhnt haben, beginnt es einem langsam zu dämmern: das des freien Montagseintritts wegen wie eine Kirche zu besten Zeiten gefüllte Museum ist ein sakraler Raum. Leicht, allzuleicht öffnen sich die Bilder, die Szenen, die Filme auf metaphysische Lesbarkeit, vom Beginn des Lebens im Eintrittsbild bis zum Abschied mit dem Boot, das den See, den man sich dem Styx artverwandt denken kann, überqueren wird. Nicht genug damit, zwei Epiphanien ereignen sich: im hinteren Wandbild kommt es zur Sintflut, Wassermassen strömen aus dem Hauseingang, aus den diese dadurch aufsprengenden Fenstern. Und in der Unfallszene kommt es zu einer Auferstehung (wer das Plakat gesehen hat: diesem Film verdankt sich das Motiv), tropfnass, mit zurückgelegtem Kopf schwebt einer, aus dem See auftauchend, nach oben aus dem Bild. Es folgt ein Regensturm, der sich ebenso wieder beruhigt, vor dem Ende des Zyklus, wie die Sintflut. Interessanter als die Metaphysik scheint mir hier die Rezeptionssituation. Es beginnt schon damit, wo man sich hinstellt: alle fünf Bilder zugleich bekommt man nicht in den Blick. Vor der rechten Wand sitzen wie ums Lagerfeuer die Leute und konzentrieren sich auf die beiden Szenen, wechseln ihre Position erst im nächsten Zyklus. Ich dagegen stehe in der Mitte des Raums und bleibe da. Es ist ein bisschen wie bei Mike Figgis' Film Timecode, bei dem die Leinwand viergeteilt ist in verschiedene Handlungen. Man kann nicht allen zugleich folgen. Hier wie da hilft einem die Tonspur, die bei Bill Viola zumeist ein dumpfes Grundbrummen produziert, an entscheidenden Punkten aber die Aufmerksamkeit auf Veränderungen in den Szenerien lenkt: sei es die Sintflut, das Pochen an die Tür oder das fallende Wasser bei der Auferstehung. Freilich haben auch die Bilder selbst die Faszination des Rätselhaften. Alle übrigens in einer einzigen langen Einstellung, ohne Schnitt gedreht - jedenfalls scheint es so, denn dass da jede Menge digitale Bearbeitung drin steckt, sieht man, ohne es erst mal genau festmachen zu können. Und doch stößt einen etwas ab mitten in der Faszination. Es ist ein bisschen wie ein digitalisierter, amerikanisierter, geglätteter, um die Notwendigkeit jedes Details beraubter Tarkowskij. ... Link
metaphysica
knoerer
12:13h
Heute mal zwei Stellungnahmen zu Leben, Tod und dem ganzen Rest. Marion Dönhoff hielt konservativ an ihren Werten fest, zugleich war sie liberal und tolerant. Aber sie hat immer gewusst: "Ob jemand Muslim, Christ oder Hindu ist - vielleicht auch Atheist - wichtig ist: da gibt es etwas Höheres. Der Mensch ist nicht die letzte Instanz." Marion Dönhoff hat festgehalten an ihrer Einsicht, dass wir uns moralisch nicht auf uns selbst verlassen dürfen, sondern dass Würde und Freiheit des Menschen der Bindung nach oben bedürfen. Klar, genau so hat man bei der Zeit immer wieder Liberalismus verstanden haben wollen. Und Helmut Schmidt ist genau der richtige Deckel für den Dönhoff-Topf (habe noch nie verstanden, warum man Schreckschrauben wie diese toll finden soll, nur weil sie jetzt tot sind). Ein Freigeist dagegen, der den in Klondingen (aus voller Überzeugung, übrigens, aber ob es das besser macht:) schrecklich vatikanhörigen FAZlern manch gelassenes Häretikum verordnet, ist der immerhin 97-jährige Biologe Ernst Mayr: Es ist schwer, an einen Gott zu glauben, wie das etwa Christen tun. Es fällt schwer, Hokuspokus zu akzeptieren wie die Wunder, den Himmel, das Einpflanzen der Seele. Und dann, was für mich noch gravierender ist, das Leiden in der Welt. Ich habe Respekt vor Menschen, die sagen, die ganze Natur, das kann kein Zufall sein. Ich persönlich muß im Licht meines Wissens aber sagen, daß das Ganze wirklich ein Zufall war und ist, auch wenn mir das nicht angenehm ist. Das Interview als ganzes ist erfrischend und bringt gute Argumente, warum der eine oder andere hysterische Anfall in Sachen Genetik reichlich übertrieben sein dürfte. Was ich bei diesen evolutionsbiologisch orientierten Leuten immer nicht kapiere, ist, warum sie, wie Mayr hier auch, zwar eine Grenze ziehen können zwischen Physik und Biologie, das Soziale dann aber ohne diese Grenze ins (zugegeben: als höchst komplex gedachte) Biologische eingemeinden wollen. ... Link |
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