Dienstag, 19. März 2002
Gelesen: Primo Levi: Das periodische System

Das periodische System ist eine große Autobiografie in kleinen Kapiteln. Die Überschriften, 21 verschiedene chemische Elemente, sind nicht bloßer Schnickschnack, sondern tatsächlich steht in jedem einzelnen Kapitel das Element wenigstens auch im Mittelpunkt, als widerständiges, als geheimnisvolles, als Metapher, aber, da Levi sehr viel aus seinem Alltag als Chemiker erzählt, meist sehr konkret. Das Leben lagert sich, wenn man so will, nur an.

Levi war, als italienischer Jude, in Auschwitz - das schildert er in seinem berühmtesten Buch 'Ist das ein Mensch', die Zeit kommt in Das periodische System jedoch eher am Rande vor (was nicht heißt, dass er den Faschismus nicht thematisierte; er liegt ja als Schatten über der ganzen Jugend). Die Autobiografie zeigt das erzählende Subjekt, in einer Art schelmischem Bildungsroman, als mal klugen, mal naiven Helden, am schönsten ist das Buch dann, wenn Tote durchs Erzähltalent Levis wiederauferstehen: seine Vorfahren im ersten (Argon), sein Jugendfreund Sandro im Eisen-Kapitel.

Bei allem Ernst ist das, wenn man so paradox sagen darf, ein beinahe leichtes Buch, die Tragik äußert sich nicht im Pathos, sondern zwischen den Zeilen. Ein paar der Nachkriegskapitel sind vielleicht ein bisschen allzu harmlos-anekdotisch, sehr stark und ganz erstaunlich fair der Bericht über eine späte (schriftliche) Wiederbegegnung mit einem der Nazis von Auschwitz.

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interview

Vorläufige, nichtsdestoweniger sehr interessante Überlegungen zum/r, ja was: Genre? Form? Gattung? des Interviews von Tobias Lehmkuhl bei satt.org:

Das Interview ist die einzige Textgattung, die im 20. Jahrhundert erfunden wurde. Diesen Satz hörte man in letzter Zeit häufiger – wenn auch hinter vorgehaltener Hand. Denn noch fehlt es an Beschreibungen und Analysen, die die textuelle Struktur von Interviews offen legen und systematisieren und dadurch die Möglichkeit bieten würden, fundiert zu begründen, dass das Interview eigenständig und womöglich gleichberechtigt neben der Lyrik, dem Roman, dem Essay und dem Drama steht. Auch dieser Text wird eine solche Begründungsarbeit nicht leisten können; er versteht sich vielmehr als ein Plädoyer für eine differenzierte Wahrnehmung von Interviews als zu beschreibende und zu definierende Form menschlicher Äußerung auf der Schnittstelle von Stimme und Schrift.

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kunst verkaufen

Lehrreich das Gespräch von Isabelle Graw in Texte zur Kunst mit dem Christie's-Auktionator Gérard Goodrow. Es geht, sehr handfest, um die Zusammenhänge von Marktwert und Bedeutung, Geld und Kunst, Mode und Spekulation:

Im Moment zum Beispiel braucht man für jede Auktion einen Andreas Gursky, einen Thomas Demand, einen Damien Hirst und eine Sarah Lucas. Es ist dann meine Aufgabe, die Sammler mit guten Argumenten davon zu überzeugen, dass jetzt der richtige Zeitpunkt dafür ist, die Arbeit in eine Auktion zu geben.

Über den direkten Zusammenhang zwischen Kritik und Verkaufe spricht Goodrow so:

Unsere Kontextualisierung und die der Kunstgeschichte sind aber doch letztlich das Gleiche. Für beide gilt, dass man die Arbeit besser versteht, wenn sie in einen Kontext gestellt wird. Und wenn die kunstgeschichtliche Seite besser verstanden wird, kann man die Arbeit besser verkaufen. Natürlich tun wir alles dafür, um die Arbeit besser zu verkaufen. Aber die Herstellung eines stimmigen Kontextes ist auch deshalb erforderlich, weil sich junge Gegenwartskunst nicht so schnell einordnen lässt.

Und für Fans: Aus irgendeinem Grund geht es ständig um Thomas Demand.

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arno schmidt stiftung

In der Arno-Schmidt-Mailingliste (was es nicht alles gibt, nicht wahr; von den Mailinglisten, die ich kenne, ist das aber die, in der die Sachgebietskoryphäen so ziemlich am vollständigsten versammelt sind) derzeit heftig diskutiert: die Website der Arno-Schmidt-Stiftung. Eigenwillig ist sie allemal - und am meisten irritiert mich die javascriptgesteuerte Selbstzusammenfaltung der Homepage. Aber ganz clever finde ich's schon. [Auch dem Wortmetz hat sie gefallen]

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